Wer Jogginghose trägt, gewinnt die Kontrolle über sein Leben zurück

Unsere Autorin denkt, dass die Jogginghose der größtmögliche Ausdruck von Selbstliebe ist. Ein Plädoyer gegen das Jogginghosen-Shaming.

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Die Jogginghose – für unsere Autorin das Symbol für Selbstliebe. Illustration: © Elif Kücük / ze.tt

Ich stehe fluchend in der Umkleidekabine und versuche, meine Beine wieder aus dieser Jeans des Todes zu schälen, ohne dabei mit dem Po voraus aus der Kabine zu purzeln. Als ich dieses akrobatische Kunststück schließlich vollbracht habe, schmettere ich die Jeans zu den anderen sieben, schon anprobierten Hosen auf dem Hocker, der sich sicherlich auch wünscht, gerade woanders zu sein.

Ich hasse Shoppen. Wirklich. Auf meiner Liste von Dingen, die ich nur mache, wenn sie unumgänglich sind, steht Shoppen auf derselben Stufe mit Koloskopien und dem Verzehr von Sauerkraut. Von einer der Jeans baumelt unschuldig ein kleines Schildchen, auf dem Skinny steht. Skinny ist mein Endgegner. Mein ganz persönlicher Super Wario. Skinny High, Skinny Ankle, Skinny Regular, Shaping Skinny, Super Skinny – Ich bin sicherlich vieles, aber mit 1,80 m und einer Kleidergröße zwischen 44 und 48 bin ich eines ganz sicher nicht: skinny.

Das ist der Hosenindustrie aber egal. Sie steht der offensichtlichen Inkompatibilität meines Körpers mit den aktuellen Modetrends recht gleichgültig gegenüber. Und auch der Umstand, dass ich wirklich dringend eine neue Hose brauche, ändert an der Tatsache, dass mir auch in diesem Geschäft keine Hose passen wird, nichts.

Skinny-Jeans bedeuten Krieg mit dem eigenen Körper

Aber es sind nicht einfach nur die 50 Shades of Skinny, die am heutigen Tag meinen Unmut hervorrufen. Es ist das, was sich in der ungünstig ausgeleuchteten Kabine zwischen mir und meinem Spiegelbild abspielt. Selbstliebe ist gar nicht so einfach, wenn Wäschetag ist und man im Snoopy-Schlüpper seine alabasterfarbenen, unrasierten Winterbeine mit aller Gewalt in eine Hose zwängt.

Als würde man Krieg gegen seinen eigenen Körper führen. Man zieht den Bauch ein, hält die Luft an oder googelt, während man wie eine Bretzel verknotet auf dem Boden liegt, weil man es nicht schafft, wieder aus der Hose rauszukommen, ob eine Fettabsaugung wirklich so teuer ist. Natürlich besinnen wir uns bezüglich der Fettabsaugung schnell eines Besseren, schließlich ist 2019 und wir lieben uns doch so, wie wir sind. Theoretisch zumindest.

Selbstliebe ist ein großartiges Konzept, eine wundervolle Idee. Wie genau das aber geht, wie man die Idee umsetzen kann, ist häufig alles andere als einfach. Es reicht nun mal nicht, sich nackig und unrasiert vor einem Ganzkörperspiegel aufzubauen und laut „So, Ich liebe mich jetzt“ zu postulieren.

Und offenbar bin ich nicht die Einzige, die immer wieder vor der Frage steht, wie man das mit der Selbstliebe meistern soll. Denn sowohl 2018 als auch 2019 gehörten laut einer Umfrage der DAK „mehr Sport machen“ und „Abnehmen“ zu den sechs häufigsten Vorsätzen der Deutschen. Im Gegensatz zu „Meinen Körper, so wie er ist, akzeptieren und lieben zu lernen“ – das tauchte im Ranking nicht auf.

Wie soll man sich auch in einem Körper wohl fühlen, wenn man nur schwer Kleidung findet, in der man sich wohl fühlt? Wenn die Knöpfe der Bluse so spannen, dass man Angst haben muss, beim nächsten Einatmen seinem Gegenüber mit einem abgesprengten Knopf ein Auge rauszuschießen? Wenn man abends erstmal in den Geräteschuppen eilt, um auch das nötige Werkzeug zur Hand zu haben, wenn man sich mal wieder aus der Jeans flexen muss?

All das schießt mir durch den Kopf, als ich zehn Minuten später in der Schwangerschaftsabteilung stehe und fasziniert eine Jogginghose für Schwangere streichle.

In einer Beziehung mit meiner Jogginghose

Wer sagt eigentlich, dass es eine Jeans sein muss? Wer bestimmt, dass ich nicht einfach diesen flauschigen XL-Traum aus Polyester und Viskose tragen kann? Nein, nicht nur zu Hause auf dem Sofa, wenn ich mit rotbeschämten Wangen RTL schaue und dabei Flips inhaliere. Sondern immer!

Wenn man Karl Lagerfeld und sein modepäpstliches Dekret, das Jogginghosen aus unseren Leben und Kleiderschränken verbannen soll, ignoriert – wer hat sonst noch etwas dagegen, dass wir dieses geradezu göttliche Geschenk der Beinbekleidung feiern? Und warum?

Jogginghosen sind nicht einfach nur Hosen, denke ich, als ich schließlich verzückt in der Umkleide stehe und das Prachtstück im Spiegel betrachte. Eine Jogginghose ist wie eine zweite Haut aus Stoff und Liebe, die sich meinem Körper anpasst, sich an ihn schmiegt. Der es egal ist, dass meine Knie verbeult und meine Oberschenkel dellig sind. Die es nicht stört, dass mein Pläuzchen den Bund leicht nach außen wölbt. Die mich nicht zwickt und einengt, sondern geradezu liebkost.

Selbstliebe fängt beim Hosenkauf an. Und es kann nicht sein, dass das Kleidungsstück, das das Zeug zum ultimativen Symbol für Selbstliebe hat, immer noch gesellschaftlich geradezu geächtet wird. Assoziiert wird mit Sofa, Bier und Adipositas. Mit Menschen, die in Badelatschen abends bei der Tankstelle noch Zigaretten holen.

Deswegen muss Schluss sein mit dem Jogginghosen-Shaming in der Öffentlichkeit. Befreit euch von der Diktatur zu enger Hosenbünde und genießt das Gefühl von Freiheit, das eure untere Hälfte umspült, wenn ihr das beste Kleidungsstück in der Geschichte der Mode angezogen habt.

Denn allen Unkenrufen aus Paris zum Trotz: Menschen, die sich für ein Leben mit Jogginghosen entscheiden, haben vor allem eins: Endlich wieder die Kontrolle über ihr Leben erlangt. Oder zumindest einen wertvollen Teil davon.