Whistleblowerin prangert Zwangssterilisation in US-Lager für Eingewanderte an

In einem Lager für Einwander*innen sollen Frauen ohne Einverständnis die Gebärmütter entfernt worden sein. Das sagt eine ehemals dort beschäftigte Pflegerin. Die zuständigen Stellen weisen die Vorwürfe zurück. 

Blick auf das Lager im US-Bundesstaat Georgia. Screenshot: © Google Maps

Im US-Bundesstaat Georgia sollen in einem Auffanglager für Einwander*innen Frauen ohne ihre Einwilligung und ohne ihr Wissen durch Gebärmutterentfernungen zwangssterilisiert worden sein. Das sagt die Pflegerin Dawn Wooten, die mit ihren Vorwürfen jetzt an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Was ist passiert?

Dawn Wooten hat drei Jahre lang im Irwin County Detention Center als Krankenschwester gearbeitet und sich laut der Website The Intercept mehrfach bei ihren Vorgesetzten über die schlimmen Zustände in der Einrichtung beschwert – ohne Erfolg. Nach eigenen Angaben soll Dawn aufgrund ihrer Beschwerden dann im Juli von einer Vollzeit- auf eine Teilzeitstelle auf Abruf degradiert worden sein.

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In Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschenrechtsorganisationen und Rechtshilfegruppen wie Project South und dem Government Accountability Project verfasste sie ein mehrseitiges Schreiben und schickte es Anfang September an die entsprechende Stelle in der Landesregierung Georgias.

Darin geht es um mehrere Aspekte im Zusammenhang mit medizinischer Betreuung, Behandlung und Vernachlässigung innerhalb der Einrichtung; darunter die Weigerung, dort eingesperrte Menschen auf Corona zu testen oder entsprechende Sicherheitsvorkehrungen für Insass*innen und Personal zu treffen.

Hysterektomien ohne Einverständnis

Ein besonders erschütternder Punkt, der in dem Schreiben erwähnt wird, sind Zwangssterilisationen. Offenbar sind mehreren Frauen von einem Gynäkologen die Gebärmütter entfernt worden – ohne, dass sie ihre Einwilligung gegeben hätten.

Dazu heißt es laut Dawn Wooten: „So ziemlich alle, die zu diesem Arzt gehen, bekommen eine Hysterektomie.“ Einen Fall schildert sie folgendermaßen: „[Einer Einwanderin] sollte der linke Eierstock aufgrund einer Zyste entfernt werden; der Arzt entfernte den rechten. Sie war aufgebracht. Sie musste noch mal zu ihm, um den linken Eierstock entfernen zu lassen und bekam dann eine vollständige Hysterektomie. Sie wollte aber noch Kinder – und muss jetzt ihrem Ehemann beibringen, dass sie keine mehr bekommen kann.“

Außerdem gab Dawn Wooten an, dass die im Lager festgehaltenen Frauen die Gründe für ihre Gebärmutterentfernungen nicht verstanden hätten: „Es gab mehrere Insassinnen, die mir erzählten, dass sie bei dem Arzt waren, die Gebärmutter entfernt bekamen und nicht wussten, weshalb.“ Ein Grund dafür war die Sprachbarriere; laut The Intercept waren keine Übersetzer*innen zugegen.

Zum Teil sollen die Frauen auch unter Druck gesetzt worden sein, sich operieren zu lassen. Unklar ist, wie viele genau betroffen sind; in einem Interview schätzte Dawn Wooten die Zahl auf über zwanzig.

Das sagen die Verantwortlichen

In einem offiziellen Statement teilte die zuständige amerikanische Polizei- und Zollbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) mit: „Das ICE nimmt alle Anschuldigungen ernst und überlässt die Untersuchungen dem Office Inspector General (OIG). Grundsätzlich jedoch sollten anonyme, unbewiesene Anschuldigungen, die ohne sachlich überprüfbare Einzelheiten erhoben werden, mit entsprechender Skepsis behandelt werden.“

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Dr. Ada Rivera, medizinische Direktorin der ICE-Gesundheitsabteilung, sagte laut der Website Law & Crime: „Die Aufgabe des ICE ist der Heimatschutz und die Menschen schnell wieder aus dem Land zu bringen. Die Gesundheit, das Wohlergehen und die Sicherheit der ICE-Insassen gehören zu den höchsten Prioritäten, jede gegenteilige Behauptung ist absichtlich irreführend.“

Und das Privatunternehmen LaSalle, das neben zahlreichen anderen Einrichtungen auch das Irwin County Detention Center betreibt, ließ verlauten: „[Wir] sind an der Gesundheit und dem Wohlergehen der Menschen in unserer Obhut interessiert. Wir schaffen eine sichere und menschenfreundliche Umgebung, in der wir hochwertige und kultursensible Dienstleistungen anbieten.“

Die Hölle für Einwander*innen

Laut The Intercept werden Dawns Beschreibungen der Zustände in dem Lager unter anderem von einer weiteren ehemaligen Angestellten sowie vier dort Einsitzenden bestätigt. Auch Priyanka Bhatt, Anwältin bei Project South, sagte, dass über die Jahre mehrere Frauen auf ihre Organisation zugekommen seien und von Hysterektomien berichtet hätten.

Und es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass Auffanglager in den USA wegen unmenschlicher und entsetzlicher Zustände in die Kritik geraten. Schon vor Jahren gab es einen Aufschrei, weil Familien auseinandergerissen und selbst kleine und traumatisierte Kinder von ihren Eltern getrennt wurden – zum Teil ohne Chance auf Wiedersehen.

Und ProPublica berichtete unlängst von systematischen sexuellen Belästigungen und Übergriffen in einem Lager in El Paso. Auch keine Einzelfälle: Es gab zwischen 2010 und 2016 etwa 14.700 Beschwerden gegen die Polizei- und Zollbehörde ICE wegen sexueller und gewalttätiger Angriffe, nur ein Bruchteil davon wurde tatsächlich untersucht.

Proteste und Untersuchung

Als Reaktion auf das Bekanntwerden der Vorwürfe von Dawn Wooten gab es spontane Proteste vor Sitzen der Behörde ICE in New York und Chicago, mit der Forderung, das ICE abzuschaffen.

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Nancy Pelosi, Sprecherin des Weißen Hauses und Mitglied der Demokratischen Partei, kündigte eine Untersuchung an und sagte unter anderem in einem Statement: „Falls das wahr ist, dann sind die von der Whistleblowerin beschriebenen entsetzlichen Zustände – einschließlich der Vorwürfe von an vulnerablen Einwanderinnen durchgeführten Massen-Hysterektomien – eine erschütternde Menschenrechtsverletzung.“