Wichtigstes US-Wörterbuch wählt „Feminismus“ zum Wort des Jahres

Das Wort hat nicht nur über 70 Prozent mehr Suchanfragen gegenüber 2016, sondern gleichzeitig auch eine politische Botschaft. Eine Kurzanalyse

Gleichberechtigung 2017? Da geht immer noch mehr. © Clarke Sanders/Unsplash.com

Der Women’s March on Washington kurz nach US-Präsident Trumps Amtseinführung, die Sexismus- und Missbrauchsvorwürfe in der US-amerikanischen Politik und in Hollywood, die weltweite #MeToo-Bewegung: Das Jahr 2017 war stark geprägt von Ereignissen, die an den gesellschaftlichen Machtverhältnissen dieser Welt rüttelten.

Es wurde beeinflusst von Frauen, die ihre Stimmen erhoben, von Bewegungen, die sich über das Internet formierten, von starken Impulsen in Richtung Gleichberechtigung. Das ging auch an den Suchanfragen des Duden der USA, dem Merriam-Webster, nicht spurlos vorbei.

Das Wörterbuch hat „Feminismus“ jetzt zum Wort des Jahres gewählt. Es sei einer der meistgesuchten Begriffe in den vergangenen zwölf Monaten gewesen, 70 Prozent häufiger als 2016, heißt es auf der Website. Gerade nach einschlägigen Ereignissen oder Medienmeldungen hätten die US-Amerikaner*innen den Begriff online nachgeschlagen.

Die Zahl der Online-Suchen nach „Feminismus“ haben so laut Merriam-Webster etwa nach den Frauenmärschen im Januar stark zugelegt und sind auch während der darauffolgenden Diskussionen, ob die Märsche nun feministisch waren und wenn ja, welche Art von Feminismus repräsentiert wurde, hoch geblieben.

Ein zweites Such-Hoch erlebte der Begriff, als sich Trump-Beraterin Kellyanne Conway outete, keine Feministin zu sein. Damals sagte sie, für sie bedeute der klassische Feminismus, „gegen Männer und für Abtreibungen“ zu sein. Sie selbst allerdings sei das genaue Gegenteil, da sie nichts gegen Männer habe und Abtreibungen ablehne. Zusätzlich sorgten auch Unterhaltungssendungen und -filme wie Wonder Woman dafür, dass mehr Leute über „Feminismus“ Bescheid wissen wollten. In den vergangenen Monaten haben vor allem die zahlreichen Sexismus- und Missbrauchsvorwürfe und der MeToo-Hashtag das Suchverhalten beeinflusst.

Ein Jahr, Tausende Ereignisse

Nachdem die Time bereits die Silence Breakers der #MeToo-Bewegung zur Person des Jahres gekürt hat, unterstreicht die Wahl des Merriam-Webster einmal mehr, was bereits spürbar ist. Nach der Präsidentschaftswahl von Donald Trump, der sich selbst mit gegenwärtig 16 Vorwürfen der sexuellen Belästigung konfrontiert sieht, formiert sich eine Gegenbewegung, die von den USA ausgehend die Welt ergriffen hat. Durch das Internet setzen sich Menschen über die Grenzen des politischen Diskurses hinweg, über die Mächtigen der Welt, sei es in staatlichen Ämtern oder Hollywood. Sie erheben ihre Stimme über die sozialen Medien und drängen so zu Veränderung. Viele Themen, die lange im Argen lagen, werden nicht länger totgeschwiegen.

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Auch die Gleichberechtigung tritt immer mehr in den Mittelpunkt – und all die Fälle, in denen sie noch nicht gegeben ist. So bekommt etwa die diesjährige Golden-Globe-Verleihung ohne eine einzige nominierte Regisseurin heftigen Gegenwind. Dass der Republikaner Roy Moore nun die Senatorenwahl in Alabama verlor, hat unweigerlich mit mit all diesen Ereignissen zu tun. Er steht im Verdacht, vor Jahrzehnten Minderjährige sexuell belästigt zu haben, Trump stellte sich trotzdem auf seine Seite. Zum ersten Mal seit 25 Jahren gewann ein Demokrat in dem Bundesstaat.

Ein Wort für alles

„Kein Wort kann jemals all die Meldungen, Ereignisse und Geschichten eines Jahres zusammenfassen, insbesondere eines Jahres mit so vielen Meldungen und Geschichten. Aber wenn ein einzelnes Wort so oft nachgeschlagen wird und gleichzeitig mit so vielen unterschiedlichen wichtigen Geschichten, dann können wir etwas über uns durch das Prisma des Wortschatzes lernen“, heißt es von Merriam-Webster zur Begründung der Wahl. Tatsächlich kann auch keine zweizeilige Wörterbuchdefinition all die Facetten von Feminismus zusammenfassen. Letztlich zählt aber der Grundgedanke hinter der Wahl: Die Gesellschaft steht nicht still – hoffentlich auch nicht im kommenden Jahr.