Wie Aljosha als Veganer von anderen Männern verhöhnt wird

Auf Youtube will Aljosha Muttardi Klischees über Veganismus abbauen und über Klimaschutz informieren. Einige Zuschauer*innen finden das unmännlich.

Aljosha-Muttardi-Vegan-Männlichkeit

"Es ist so tief in die Köpfe der Menschen indoktriniert: Fleisch gleich Kraft gleich Männlichkeit", sagt Aljosha. Foto: Lars Walther Fotografie

Seine Schürze ist mit rosaroten Dackeln bedruckt, auf Höhe des Hosenbunds steht „I love barking“, mit einem durchgestrichenen r hinter dem a. Backen statt bellen also. Aljosha, 31, steht in einer hellen Küche und zeigt mit charmantem Lächeln, wie man Spaghetti Bolognese, Wraps oder Bananenbrot macht – alles vegan. Gemeinsam mit Gordon Prox betreibt er den Youtubekanal Vegan ist ungesund. Über 100.000 Menschen verfolgen dort, wie die jungen Männer Rezepte teilen, auf der Straße mit Menschen über Tierleid diskutieren oder augenzwinkernd erklären, „warum niemand Veganer mag“. 

Nicht einmal 20 Prozent der Menschen in Deutschland, die sich vegan ernähren, sind Männer. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass die Entscheidung für Steak und Bratwurst mit dem Männlichkeitsverständnis zusammenhängt. Sie zeigen: Wer Fleisch isst, wird maskuliner wahrgenommen. So schmückt sich das Magazin BEEF! des Verlags Gruner+Jahr mit dem Slogan „das Magazin für Männer!“. Gleichzeitig ist der Umstieg auf eine fleischfreie oder vegane Lebensweise laut Wissenschaftler*innen einer der effektivsten Wege, um den persönlichen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. 

Vegane Frauen und Schnitzelmänner

„Es ist so tief in die Köpfe der Menschen indoktriniert: Fleisch gleich Kraft gleich Männlichkeit“, erzählt Aljosha am Telefon und fragt sich: „Wer hat überhaupt festgelegt, was Männlichkeit bedeutet?“ Das Gefühl, nicht dazuzugehören und nicht männlich genug zu sein, hat Aljosha in seiner Kindheit und Jugend sehr beschäftigt und belastet.

„Stärke ist für mich keine männliche Eigenschaft, sondern eine menschliche.“

Aljosha Muttardi

Heute plädiert der Youtuber, der hauptberuflich als Arzt arbeitet, dafür, sich von den gesellschaftlichen Zuschreibungen, was männlich und was weiblich sei, zu lösen: „Stärke ist für mich keine männliche Eigenschaft, sondern eine menschliche.“ So gelassen ist er nicht immer mit dem Thema Männlichkeit umgegangen. Als Jugendlicher im Internat, der sich noch nicht als homosexuell geoutet hatte, beklebte Aljosha seine Wände mit Autopostern und Bildern halbnackter Frauen. „Da ist ein 15 Jahre alter Junge, der emotional mit ganz vielen Sachen zu kämpfen hat und der versucht, Männlichkeit mit irgendwelchen Klischees zu kompensieren.“ Als Teil des Umgangs mit seiner Unsicherheit erzählte Aljosha auch jahrelang, wie geil er Fleisch fände.

Diese Reaktion kennt er von Männern und Jungen, die unter den Videos und Instagrambildern kommentieren: „Jetzt erst mal ein Schnitzel“ oder auch einfach „Ich liebe Fleisch“. Für Aljosha scheint es, als würden diese Menschen sich hinter einem Klischee verstecken, um ihre Handlungen nicht reflektieren zu müssen. „Es ist, als müssten sie rufen: Guck mal, ich bin voll der Mann!“

Männer essen Erde auf

„Grundsätzlich sind es nicht ‚die Männer‘, die problematisch sind, sondern das Ideal der Maskulinität, die ihnen und uns allen das Leben schwer macht“, erklärt Ulrike Röhr. Sie ist Soziologin und forscht seit über 30 Jahren zu Genderperspektiven in der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik. Diese idealisierte Männlichkeit, auch toxische Männlichkeit genannt, verstärke klimaschädigendes Verhalten. Männer besäßen häufiger ein Auto und äßen mehr Fleisch als Frauen. Sie wählten häufiger Parteien wie die AfD, die die menschengemachte Klimakrise leugneten.

„Wir, oder besser die Männer, müssen weg von der Bewertung, dass alles, was schützend und sorgend ist, weiblich und damit weniger wert ist“, ordnet Ulrike Röhr dieses Verhalten ein. Chinesische Forscher*innen veröffentlichten Anfang des Jahres eine Studie, aus der hervorgeht, dass die Befragten Weiblichkeit eher mit Natur und Ursprünglichkeit verbinden. Besonders deutlich würde dies in Begriffen wie Mutter Natur, die das Bild einer liebevollen, sich kümmernden weiblichen Erde vermittelten. Was bei Frauen zu der gesellschaftlich vorgesehenen Rolle passt, führt bei Männern zu einem inneren Konflikt. Denn weich, sensibel, mitfühlend zu sein, das passt nicht zum toxischen Bild des starken Mannes, der keine Gefühle zeigt und sich nicht von seinen Emotionen leiten lässt.

Die Männer, müssen weg von der Bewertung, dass alles, was schützend und sorgend ist, weiblich und damit weniger wert ist“

Ulrike Röhr, Soziologin

Die Abwertung bestimmter Verhaltensweisen als klassisch weiblich würde männliche Politiker mitunter in ihren Entscheidungen hemmen, sagt Röhr: „Solange die Rollenzuschreibungen und Verantwortlichkeiten so aufgeteilt sind, wie sie es immer noch sind, solange wird der durchschnittliche Mann tendenziell andere Lösungen, vor allem technische, für den Klimawandel präferieren, als die durchschnittliche Frau, die eher auf Lebensstilveränderungen und wirtschaftliche Regulierungen setzt.“

Klimapolitik bleibt männlich

Unter den neun Bundesumweltminister*innen, die es seit Einführung des Ressorts gab, waren nur drei Frauen. Genauso viele Frauen saßen bisher an der Spitze des Ministeriums für Landwirtschaft und Ernährung. Dem gegenüber stehen 13 Männer. Eine Verkehrsministerin gab es in Deutschland noch nie. Es sind überwiegend Männer, die die Umwelt- und Klimapolitik in Deutschland und weiten Teilen der Welt bestimmen.

„Die Klimapolitik ist ambitionierter, wenn mehr Frauen im Parlament sitzen“, erklärt Ulrike Röhr. Eine Analyse des Abstimmungsverhaltens zeige, dass Frauen tendenziell eher pro-Klima abstimmten, so die Soziologin. Auch hätten Kommunen und Länder, die geschlechtergerechter seien, nachweislich eine ambitioniertere Klimapolitik und einen niedrigeren Pro-Kopf-CO2-Ausstoß.

Frauen gehen für das Klima auf die Straße, Männer gegen Geflüchtete

Bei den Demonstrationen von Fridays for Future sind Mädchen und Frauen europaweit in der Überzahl. Damit bilden sie ein Gegengewicht zu den nationalistischen und rechten Aufmärschen in ganz Europa. „Rechte Proteste sind durchgehend mehr von Männern geprägt“, sagte der Soziologe Moritz Sommer im Interview mit Vice. Die jungen Frauen von Fridays for Future, die in Talkshows sitzen, auf Titelseiten von Zeitungen abgebildet werden und im Dialog mit der Politik sind, machen so auf den Männerüberschuss in den meisten politischen Feldern aufmerksam.

Bei einer Veranstaltung, erzählt Ulrike Röhr, habe sie die Teilnehmenden gefragt, warum die Fridays for Future Bewegung so deutlich von Frauen dominiert sei. „Wie aus der Pistole geschossen kam von einem jungen Mann die Antwort: ‚Weil sie mehr Zeit haben, schließlich arbeiten sie ja weniger.‘ Mal abgesehen davon, dass das ja Schüler*innen und Student*innen bei Fridays for Future sind, zeigt das sehr deutlich, wie wichtig beziehungsweise unwichtig die Versorgungsarbeit wahrgenommen wird“, sagt Röhr.

Frauen leisten in Deutschland und weltweit einen Großteil der unbezahlten Arbeit und der Care-Arbeit, also Arbeit, für die sie nicht entlohnt werden. Eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zeigte, dass Frauen weltweit im Schnitt vier Stunden und 29 Minuten pro Tag unentgeltlich arbeiten, Männer dagegen nur eine Stunde und 48 Minuten.

Zu hetero für Klimaschutz?

Nach fast drei Jahren auf Youtube hat sich Aljosha vor Kurzem dazu entschlossen, öffentlich über seine sexuelle Orientierung zu sprechen. Lange wollte er seine Sexualität nicht zum Thema machen: „Ich wollte dieses Klischee nicht erfüllen.“ Denn eine US-amerikanische Studie fand heraus, dass Männer, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, überdurchschnittlich oft von den Befragten als homosexuell eingestuft wurden. Die etwa eintausend Teilnehmenden sollten fiktiven Charakteren bestimmte Merkmale zuschreiben. Heterosexuelle Männer, die sich für Recycling interessierten und Jutebeutel statt Plastiktüten benutzten, sprengten offenbar die Vorstellungskraft der meisten Proband*innen.

„Das ist das eigentliche Problem“, sagt Soziologin Ulrike Röhr. Weibliche Eigenschaften, die kollektiv auch allen schwulen Männern zugeschrieben würden, würden systematisch abgewertet und letztendlich als weniger wert gelten.

„Meine sexuelle Orientierung hat nichts damit zu tun, was ich hier mache“, erklärt Aljosha. Der Youtuber möchte nicht nur mit seiner veganen Lebensweise ein Vorbild sein. Er engagiert sich in der Bildungsarbeit und versucht insgesamt, seinen Lebensstil so nachhaltig zu gestalten wie möglich. Über Vegan ist ungesund rief er auch öffentlich zum Boykott von True Fruits Smoothies auf. Die Firma hat bereits mehrmals durch sexistische und rassistische Werbung provoziert.

Politisches Engagement geht für Aljosha mit dem Kampf gegen die Klimakrise einher. Letztendlich sei es Ziel des Veganismus, das Leid fühlender, denkender Lebewesen zu mindern, so Aljosha. Und fügt für die Schnitzelbrigade hinzu: „Ist es wirklich männlich, wenn ich andere dafür bezahle, wehrlose Lebewesen umzubringen? Ich glaube nicht.“