Wie alles begann: „This is where Hip Hop came from“

Oft wird gesagt, Hip Hop sei aus dem Nichts entstanden. So einfach ist das nicht: Er hat sich entwickelt – aus Spaß, aus Lust, aus Schmerz. Eine neue Serie zeigt das besser als je zuvor.

Menschen tanzen auf einer der ersten Hip-Hop-Partys von "Kool Herc". © Screenshot | Youtube | Hip Hop-Evolution

Am Anfang war der Beat. Lange Zeit war das Hip Hop, nicht mehr und nicht weniger. Ganz anders als heute, wo wir den Musikstil über die Stimme definieren. Der Rap hat den Beat zwar nicht verdrängt, aber er steht im Vordergrund.

Wie kam das? Das Projekt „Hip Hop-Evolution“ des kanadischen Rappers Shadrach Kabango zeichnet erstmals ein allumfassendes Bild der Subkultur. Er selbst studierte Musikwissenschaften mit Schwerpunkt Hip Hop. Für das Projekt führte er unzählige Interviews mit Wegbereitern und Größen der Szene. Heraus kam dabei eine Website mit tiefergehenden Informationen und eine vierteilige Doku-Serie.

Wie Kabango es geschafft hat, dafür nahezu alle Pioniere des Hip Hop ausfindig zu machen und mit ihnen zu sprechen, ist beeindruckend. Vor allem aber zeigt das, wie jung Hip Hop ist. Und das er so viel mehr ist, als nur ein Beat und gute Wortspiele. Hip Hop steht für technischen Fortschritt, er ist aber auch Singen, Tanzen, Jazz, Rock, Funk und Soul. Und sein Fundament ist aus Spaß, Freude, aus Schmerzen und Gewalt, aus Frieden, Liebe und Gerechtigkeitsempfinden.

Wie ein neuer Musikstil entstand

Kabango erzählt die Geschichte des Hip Hops akkurat und spannend nach. So geht er zu Beginn auf die Grundlagen des Musikstils ein und gibt Menschen eine Plattform, die in dieser Form noch nicht interviewt wurden – etwa den inoffiziellen Urvater der Hip-Hop-Szene von der Ostküste der USA: „DJ Kool Herc“, den „ersten B-Boy“.

Hier ein Beispiel für eine der Geschichten, die die Doku „Hip Hop-Evolution“ erzählt: „Kool Herc“ schmiss in der Bronx 1973 eine Party, die anders war, als alle anderen bisher. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Disko-Songs klassisch aufgebaut: Sie hatten ihren Gesang, ihre Strophen, ihre Refrains. „Kool Herc“ brach damit: Er strich den Gesang komplett aus seinem Mix und nahm nur das Grundgerüst und einzelne Passagen bekannter Songs. Diese spulte er immer wieder hintereinander ab, er „loopte“ sie. Kool Herc stammt aus Jamaika und war von der dortigen Musik geprägt.

© Hip Hop-Evolution
© Hip Hop-Evolution

Die Übergänge zwischen den wiederholten Passagen wirkten auf die Zuhörer wie kleine Stops. Dazu fokussierte der DJ sich auf Drum-Solos. Man nannte sie „Breaks“. „Kool Hercs“ Beats waren damit die ersten „Breakbeats“. Menschen, die die Partys besuchten, berichten von einer einzigartigen, beinahe psychedelischen Erfahrung. Die neuartige Musik fuhr in ihre Körper, machte sie kreativ. Sie begannen damit, wilde Tanztricks zu kreieren – und nannten das später „Breakdance“.

„Kool Herc“ wurde für seinen einzigartigen Stil und seine „Block Partys“ in leerstehenden Gebäuden und Parks berühmt. Man bezahlte kaum Eintritt, das Soundsystem war für damalige Verhältnisse herausragend. Seine Partys waren eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen Bewohner*innen der von Konflikten und Gang-Streitigkeiten zerrissenen Bronx, zusammen kommen konnten. Er schaffte so ein wichtiges Gefühl, das im Hip Hop bis heute Bestand hat: Das der Gemeinschaft.

Wir gegen den Rest

Wie wurde daraus letztendlich der Hip-Hop-Sound mit den Raps, die wir heute kennen? Und wie wurde das Ding so groß? „Kool Herc“ legte irgendwann ein Mikro neben sein DJ-Set, in das die Besucher rhythmisch die Namen ihrer Freund*innen einsprachen. Kool Herc fand Gefallen daran, er selbst konnte jedoch nicht gut singen oder reimen. Später traf er aber den „ersten Rapper“ der Geschichte: den MC („Microphone Controller“) „Coke La Rock“, der bekannte Standardreime wie „You rock! And dooon’t stop“ erfand. Er und „Kool Herc“ traten dann gemeinsam auf. Davon angefixt gab es nach und nach immer mehr MCs.

Der DJ „Grandmaster Flash“ sorgte für einen Fortschritt in der Turntable-Technik. Die B-Boys trugen den Spirit auch außerhalb der Bronx weiter, so erreichte er irgendwann Manhatten und die Schicki-Micki-Clubs. Die MCs versuchten sich daran, auf die Bühne einstudierte Shows zu spielen – und dem Underground zu entfliehen. Zunächst formierten sich Gruppen wie „Grandwizzard Theodore & the Fantastic Five“, die stark von frühen Soul-Gruppen beeinflusst waren, später entstanden die „Cold Crush Brothers“ und „Run-DMC“.

© Hip Hop-Evolution
© Hip Hop-Evolution

Letztlich trauten sich einzelne Künstler*innen mit besserer Rap-Technik aus den Gruppen an die Öffentlichkeit (etwa „Rakim“ und später „Ice-T“). Dann erkannten Musiklabels das Potential. Eins führte zum andern, Hip Hop gelangte in den Mainstream. Doch die Szene war sich dadurch nicht immer grün: Viele forderten eine Rückkehr zu den Wurzeln.

Das sind auch die besten Stellen in Kabangos Dokumentation: Wenn man erkennt, wie menschlich und logisch sich der Hip Hop entwickelt hat – und dass er durch wirklich alles, einschließlich Popkultur, Politik und Problemen wie Polizeigewalt (der „West-Coast-Rap“), geformt wurde. Aus Musik wurde eine Szene, aus der Szene eine Bewegung und ein Lebensgefühl. Das „Wir“ blieb trotz Widrig- und Unstimmigkeiten immer das Wichtigste. Das ist bis heute so.

Die Geschichte von „Kool Herc“ und die ersten zehn Jahre des Musikstils wird übrigens in der ersten Folge der Doku erzählt. Es folgen vier weitere, die sich weiteren wichtigen Abschnitten der Hip-Hop-Historie widmen. Selten wurde diese Bewegung dokumentarisch so gewürdigt wie in Kabangos Projekt. Wer wirklich verstehen will, wie Hip Hop entstand und sich laufend weiterentwickelt, kommt daran deshalb nicht vorbei.