Wie Bayern zum neuen Mekka der jungen Linken wurde

Dank vieler Neumitglieder ist der bayerische Landesverband der Linken zurzeit der jüngste bundesweit. Diesen Monat könnte der Partei erstmals der Einzug in den Landtag gelingen. Was macht die Linke für junge Menschen in Bayern so interessant?

Es ist zwölf Uhr mittags an einem Feiertag, aber das hält die Münchener*innen nicht davon ab, aus der U-Bahn-Fahrt eine Runde Gruppenkuscheln zu machen. Die hohe Menschendichte ist zwei Veranstaltungen zu verdanken: dem Oktoberfest und einer Großdemonstration gegen die Politik der CSU. Ich, Exilmünchnerin, bin auf dem Weg zu letzterem Event.

Am 14. Oktober wird in Bayern ein neuer Landtag gewählt. Bislang regiert die CSU dort in Alleinherrschaft. Die Wahl könnte das ändern. Umfragen zufolge erhielte die Partei derzeit nur 33 Prozent − das sind fast 15 Prozentpunkte weniger als bei der letzten Landtagswahl. „Auch wenn man Seehofer und Söder scheiße findet, muss man eines gutheißen: Ihre Gesetze sind so schlimm, dass sie es geschafft haben, eine ganze Generation zu politisieren, die jetzt in Parteien eintreten, auf die Straße gehen, Wahlkampf machen“, sagt Rafael Pietsch. Der 18-jährige Schüler nimmt ebenfalls an der Großdemo teil, zusammen mit zwischen 21.000 (Polizeiangaben) und 40.000 (Angaben der Veranstaltenden) weiteren Menschen.

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Rafael ist einer Partei beigetreten, um etwas gegen den Rechtsruck zu unternehmen. Die Partei, die er sich ausgesucht hat, saß bislang noch nie im bayerischen Landtag. Dieses Jahr könnte sie den Einzug schaffen: Je nach Umfrage liegt die Linkspartei zwischen vier und fünf Prozent. Und Rafael ist nicht der einzige, der dort innerhalb des vergangenen Jahres Mitglied geworden ist.

Im Januar 2017 zählte der bayerische Landesverband noch knapp 2.500 Mitglieder. Im Laufe des Jahres traten fast 1.000 Menschen der Partei bei, 2018 waren es bisher etwa 500 Neueintritte. Und das Besondere daran: Zwei Drittel dieser Neumitglieder sind zwischen 16 und 35 Jahre alt. Der bayerische Landesverband ist mittlerweile der jüngste der Linkspartei, und zwar bundesweit. Deshalb bin ich heute hier in München: Um meine jungen Bundeslandgenoss*innen zu fragen, warum sie die Linke so attraktiv finden.

„Kein Kreuz für die CSU“ – ein Schild

Anna ist trotz leichtem Kater vom Vortag zum Protestmarsch gekommen. Auf ihre erste Demo ist die 22-Jährige im Sommer 2017 gegangen, damals ging es noch darum, ein Zeichen gegen die AfD zu setzen. „Der Rechtsruck hat mich total erschreckt“, erzählt sie. „Irgendwie hatte ich das Gefühl, etwas dagegenhalten zu müssen.“ Anna will dieses Jahr die Linkspartei wählen. Um allen rechten Parteien, zu denen sie auch die CSU zählt, etwas entgegen zu setzen, sagt sie.

Nach der Demo läuft Anna zum Marienplatz. Hier findet direkt im Anschluss eine Wahlkampfveranstaltung der Linken statt. Zwischen Münchner Rathaus und Heiße-Maronen-Stand versammeln sich rote Zelte, Fahnen und Luftballone. Ab und zu verirrt sich ein einsamer Tourist auf der Suche nach fotowürdigem Material in die rote Arena. Die beiden bayerischen Spitzenkandidat*innen Ates Gürpinar und Eva Bulling-Schröter werden reden. Und ein besonderer Gast ist aus Berlin angereist, um für den südlichen Landesverband zu trommeln: Gregor Gysi.

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Lucas ist zu früh da. Er will den Auftritt Gysis nicht verpassen. Der 20-jährige Student hat die Linke bei der Bundestagswahl gewählt. Er findet deren Sozial- und Außenpolitik gut, er ist für mehr steuerliche Umverteilung und gegen Waffenexporte ins Ausland. Insgesamt elf Prozent der Bayer*innen wählten im September 2017 mit Erst- oder Zweitstimme links – deutlich mehr, als die Prognosen für die Landtagswahl versprechen. Auch Lucas ist sich noch nicht sicher, ob er auf Landesebene die Linke wählen soll. „Persönlichkeiten wie Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht sprechen mir sehr zu“, sagt er. Die bayerischen Spitzen fände er ganz sympathisch, aber naja, so richtig überzeugt sei er nicht.

Für die bayerische Linke ist es wichtig, dass die Parteigrößen aus Berlin zum Wahlkampf anreisen. Vor zwei Wochen war Sahra Wagenknecht da. Da die Linke in Bayern nicht im Landtag sitzt, ist ihre mediale Präsenz minimal. Alle kennen dafür Wagenknecht und Gysi. „Ich wähle die Linke auf Bundesebene. Mit den bayerischen Spitzenkandidaten habe ich mich nicht so sehr beschäftigt“ – das ist eine Aussage, die ich häufiger von jungen Menschen im Publikum höre. Man wähle die Linke auf Landesebene, weil man überzeugt sei von der Politik der Bundespartei.

Was tun gegen die AfD?

Sollte es die Linke dieses Jahr in den bayerischen Landtag, das Maximilianeum, schaffen, wäre das ein historisches Datum. Vor exakt hundert Jahren wurde der bayerische König aus dem Amt gejagt. Durch ganz Deutschland peitschte die Revolution. Soldaten- und Arbeiter*innenräte wählten den Sozialisten Kurt Eisner im November 1918 zum ersten Ministerpräsidenten. Zuvor hatte er den Freistaat Bayern ausgerufen – frei im Sinne von frei von Monarchie. Der eigentliche Landesvater Bayerns war demnach ein Sozialist. Eisner und die Münchner Revolutionär*innen kämpften für eine neue, gerechtere Welt. Heute, hundert Jahre nach der Ausrufung des Freistaats Bayern, treten immer mehr junge Menschen der Partei bei, die sich in ihrem Parteiprogramm auf den Sozialisten Eisner bezieht: die bayerische Linke.

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Niki steht am Infostand und assistiert Interessierten dabei, das Volksbegehren gegen den Pflegenotstand zu unterschreiben. Der 22-Jährige ist beruflich Vermesser und vor gut einem halben Jahr Parteimitglied geworden. „Ich war enttäuscht von Deutschland, dass so viele Menschen AfD gewählt haben. Ich dachte mir, fuck, dagegen muss man was tun.“ Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag hat er den Mitgliedsantrag ausgefüllt. „Wenn mich meine Kinder mal fragen, was ich gegen den Rechtsruck gemacht habe, will ich sagen können: Ich habe was dagegen gemacht. Mein Beitritt ist also eigentlich nur ein Absichern gegenüber zukünftigen Generationen.“ Er lacht. Inhaltlich ist es die Linkspartei geworden, weil er ihre Sozialpolitik und Kampf gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit gut findet.

Raven gegen die CSU

Der Erfolg der AfD hat allen Links-der-Mitte-Parteien in ganz Deutschland neue Mitglieder beschert. Auch bei der bayerischen Landtagswahl wird die AfD vermutlich ein zweistelliges Ergebnis erzielen und damit erstmals in das Maximilianeum einziehen. Doch die Situation in Bayern ist besonders, denn hier regiert die konservativste Landesregierung im ganzen Bundesgebiet. Bei der Wahl 2013 erreichte die CSU die absolute Mehrheit und regiert seitdem in Alleinherrschaft. Seit dem Erstarken der AfD fürchtet die CSU, dass ihre Wähler*innen zur rechten Konkurrenz abwandern. Um das zu verhindern, versucht die Partei selbst ein bisschen AfD zu sein und verlagert ihren Diskurs zunehmend nach rechts. Die Folge davon ist eine aufblühende Anti-CSU-Protestkultur.

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Allein in diesem Jahr wurden in München bereits vier Großdemonstrationen mit vielen Tausenden Teilnehmenden organisiert. Die erste fand im Mai 2018 gegen das von der CSU verabschiedete Polizeiaufgabengesetz statt. Im Juli protestierten Tausende gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft, im August gegen hohe Mieten, und im Oktober unter anderem gegen die CSU-Geflüchtetenpolitik. Die Überschrift zu allen vier Demos könnte lauten: Wir finden Seehofer unterirdisch, Söder auch, die CSU generell und die AfD erst recht – und wir wollen, dass sich was ändert. Die Linke hat zu allen Demos mitaufgerufen. Sie ist auch eine treibende Kraft hinter dem Volksbegehren gegen den Pflegenotstand an bayerischen Krankenhäusern. Das sichtbare Engagement der Linken gegen die Politik der CSU ist sicherlich ein Grund für den Mitglieder- und Stimmenzuwachs.

Warum nicht die SPD oder Grünen supporten?

Das Klischee lautet, dass diese neuen Linken überwiegend Akademiker*innen aus den Ballungsgebieten sind – bundesweit ist die Linke bekannt dafür, dieses Milieu anzusprechen. Tony Luis Guerra passt nicht in dieses Klischee. Der 29-Jährige ist Tierpfleger. Letztes Jahr ist er der Partei beigetreten, davor war er schon lange gewerkschaftlich aktiv. Er kandidiert für den Landtag, für den Münchner Bezirk Moosach. Für die Linke hat er sich entschieden, weil er sie in Sachen Sozialpolitik für ehrlicher hält als die Grünen oder die SPD. Gerade letztere hätte ihre Wähler*innen zu oft verraten. „Glaubwürdigkeit ist für mich das Wichtigste an der Linken“, sagt Tony.

Tatsächlich ist die Linke die einzige Partei, die auf radikale Opposition zur CSU setzt und die Chancen hat, in den Landtag einzuziehen. Auch SPD und die Grünen sind zwar Teil des Demo-Bündnisses #ausgehetzt, das sich explizit gegen die Politik der CSU richtet. Beide Links-der-Mitte-Parteien schließen eine Koalition mit den Christsozialen jedoch nicht aus.

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Ates Gürpinar könnte ab Oktober die radikale CSU-Opposition im Landtag anführen. Er ist die jüngere Hälfte des Spitzenduos. Die andere Hälfte ist Eva Bulling-Schröter, Mitbegründerin der bayerischen Linken. Sie steht für den alten Parteikader. Aufgrund jahrelanger, parteiinterner Konflikte blieb die Linke lange eine bayerische Randnotiz. Die internen Konflikte sind nun weitestgehend überwunden, seitdem wächst der Landesverband. Der 34-jährige Ates repräsentiert die vielen Jungen, die seitdem gekommen sind. Er selbst ist seit acht Jahren Parteimitglied.

„In Bayern ist gerade einiges im Gange“, sagt Ates. „Es gibt eine Bewegung auf der Straße gegen den Rechtsruck, aber auch zunehmend gegen soziale Probleme wie den Pflegenotstand oder hohe Mieten.“ Sollte die Linke in den Landtag einziehen, dann will er dort auch als parteipolitische Vertretung dieser Bewegungen agieren: „Die Partei hat die Funktion, linke Bewegungen zu unterstützen und voranzutreiben.“

Gibt es ein Thema, das allen wichtig ist?

Zwei Anliegen sind Ates besonders wichtig: Friedens- und Bildungspolitik. „Ich erinnere mich noch an die Nacht, in der die USA den Irak angriffen. Das war einer der Momente, in denen ich wusste, ich will Politik machen“, erzählt er. Eine zweite politisierende Erfahrung waren die Bildungsproteste 2009, die sich gegen die Bologna-Reformen, Studiengebühren und die zunehmende Ökonomisierung der Hochschulen richteten. Ates hat in Erlangen studiert und war dort an der Besetzung des Audimax beteiligt. Danach ist er Mitglied der Linken geworden.

Als ich ihn frage, was ihm im Programm der Linken am meisten am Herzen liegt, kommt er auf die soziale Gerechtigkeit zurück: „Ich finde es erschreckend, dass es selbstverständlich geworden ist, dass Menschen Flaschen sammeln müssen, um über die Runden zu kommen. Das ist gerade im reichen Bayern völlig absurd. Es hat etwas mit Menschlichkeit zu tun, einen Ausgleich zwischen den Superreichen und denen, die gar nichts haben, zu schaffen.“

Die jungen Linken sind eine heterogene Gruppe: Studis und Azubis, Schüler*innen und Arbeitende. Auf die Frage, was sie persönlich am Programm der Linken spannend finden, gibt es unzählige Antworten: Für Ates ist es das Engagement für Frieden weltweit, der Studentin Anna ist die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum wichtig; Tony, dem Tierpfleger, liegen die Tierrechte am Herzen; Rafael, dem Schüler, die Bildungspolitik. Aber unabhängig von ihren privaten Interessen wählen sie die Linke oder sind gar Parteimitglied geworden, weil sie in einer gerechteren, solidarischeren Welt leben wollen, in der niemand mehr Flaschen sammeln muss.

Kämpfen für die Utopie

„Ich glaube, dass der Mensch sehr vielfältig ist und vom System erst zu dem gemacht wird, was er ist. Und ich glaube, es kann eine ganz andere Welt und Gesellschaft funktionieren. Und für diese bessere Welt muss man streiten“, sagt Ates. Der Glaube an diese Utopie eint die jungen Linken.

Schon der Revolutionär Kurt Eisner wusste, wie wichtig gerade die Jungen dabei sind, aus dieser Utopie einer gerechteren Welt auch Realität zu machen. Bei einer Rede vor Berner Studierenden sagte er 1919: „Die neue Jugend muss berufen sein, an der neuen Welt zu bauen, sie muss aber wirklich sich loslösen von allem Vergangenen, sie muss hinaus, sich denken in die Zukunft, denn das ist der größte Stolz der Jugend, Ehrfurcht zu haben vor ihrer Zukunft, vor unserer Zukunft, und das Gewissen der Menschheit in sich lebendig zu machen.“