Wie Beerpong vom Trinkspiel zum Leistungssport wurde

Aus dem Trinkspiel Beerpong ist eine Sportart geworden, mit Vereinen, Ligen und Meisterschaften. ze.tt war bei einem der größten nationalen Beerpong-Events dabei und hat einen Star der Szene getroffen.

Beerpong hat nichts mehr mit Saufen zu tun. Das würde auch die Treffsicherheit erheblich einschränken. © Laura Bittner/Flickr.com Lizenz: CC BY 2.0

WG-Party, Dachgeschosswohnung, die Luft ist stickig, die Musik ist laut. In der Küche wurde der Esstisch leer geräumt. Jetzt stehen dort XXL-Plastikbecher, zehn an jedem Tischende, zur Hälfte mit Bier gefüllt, jeweils in Pyramidenform angeordnet. Der erfahrene Partygast weiß, was die Feierstunde geschlagen hat: Zeit für Beerpong!

Zwei Zweier-Teams versuchen, einen Tischtennisball in die Becher am gegenüberliegenden Tischende zu werfen. Wird ein Becher getroffen, muss er vom gegnerischen Team leer getrunken werden, am besten in einem Zug. Der leere Becher wird danach aus dem Spiel genommen. Gewonnen hat das Zweier-Team, das als erstes alle zehn Becher der Gegner*innen getroffen hat. Nicht gerade hygienisch, aber witzig.

In der Rangliste der beliebtesten Trinkspiele steht Beerpong seit geraumer Zeit weit oben. Und das, obwohl Beerpong eigentlich gegen das oberste Gesetz aller Trinkspiele verstößt: so einfache und so wenige Spielregeln wie möglich. Es gibt 150 Seiten dicke Regelwerke, trotzdem entbrennt unter Partygästen regelmäßig Streit über die Details. Hier die offiziellen Beerpong-Regeln der World Series of Beerpong:

Vom Beerpong-Fieber infiziert

Auch der 21-jährige Nico Böse aus Recklinghausen hat zunächst auf Partys Beerpong gespielt. Tagsüber machte er seine Ausbildung zum Versicherungskaufmann, abends räumte er auf den Feiern seiner Freunde*innen Becher für Becher am gegenüberliegenden Tischende ab und sorgte so dafür, dass deren Rausch gesichert war. „Irgendwann hat ein Kumpel ein Turnier mit zehn Teams in einer Kneipe veranstaltet. Da habe ich mich angemeldet und bin gleich ins Finale gekommen“, erzählt Nico. Das war im Frühjahr 2015. Danach war er vom Beerpong-Fieber infiziert.

Und aus Nico, dem etwas beleibten Hobby-Fußballer der SG Suderwich, wurde Nico, der Beerpong-Profi vom „Team Surk“, der zusammen mit seinem Fußball-Mannschaftskollegen Marcel Hasler einen eigenen Beerpong-Verein gründete. Mit Trikots und Trainingsanzügen, in die sie ihre Initialen gestickt haben, und mit einer Ultra-Fan-Gruppe im Rücken, die sie zu Beerpong-Veranstaltungen in ganz Europa begleitet. Eineinhalb Jahre nach dem ersten Turnier stand Nico in einer Recklinghäuser Kneipe im Finale der holländischen, der schweizerischen und der deutschen Beerpong-Meisterschaft.

Nico (beim Wurf) und sein Partner Marcel (links). © Michael Prieler

„Manchmal ist es schwer zu realisieren, was für einen Hype es in der Szene gibt“, sagt Nico. Mit dem Fußballverein ging eine Auswärtsfahrt höchstens mal nach Bochum und dort gab es meistens ordentlich auf die Mütze. Jetzt staubt er eine Trophäe nach der nächsten ab und bereist die Welt – dank Beerpong.

Mit Beerpong Geld verdienen

In den USA, der Heimat des Beerpong, hat das Spiel, das vor mehr als zehn Jahren in der College-Szene geboren wurde, die Transformation vom Saufspiel zum Wettkampfsport schon lange durchgemacht. Dort verdienen inzwischen Menschen allein mit Beerpong ihr Geld. So geht es beim Finale der World Series of Beerpong in Las Vegas ab:

Wie schnell sich die organisierte Turnierszene auch in Deutschland entwickeln würde, hätten wohl auch die trinkfestesten Partyhengste nicht gedacht. Andre Pietzke schon. „Ich war mit zwei Kollegen am College in Illinois und nach dem ersten Beerpong-Turnier dort waren wir so angefixt, dass wir Beerpong als Sport auch in Deutschland etablieren wollten“, erklärt Andre. Er gründete die Event-Firma „Becherhelden“ und sein Plan ging auf: „Die Leute haben richtig Bock darauf, zu gewinnen, nach den Turnieren dazustehen und einen Pokal in der Hand zu halten, allein dadurch, dass sie Pingpong-Bälle in Becher werfen.“

Inzwischen schreitet die Professionalisierung des einstigen Trinkspiels gerade in Deutschland unaufhaltsam voran. „Die deutschen Spieler sind noch viel zielgerichteter als die US-Amerikaner, viel organisierter: Sie gründen Vereine und gestalten ihre eigenen Beerpong-Outfits, weil das Spiel plötzlich einen so großen Stellenwert in ihrem Leben einnimmt“, erklärt Andre die Evolution von Beerpong hierzulande.

Mit dem Beerpong aus WG-Küchen haben Andres Events nur noch wenig gemeinsam. Es gibt einen Moderator und einen Center Court, um den herum sich Zuschauer*innen und Kameraleute scharen. Bier füllen sich nur noch die Spieler*innen in die Becher, denen 50 Euro Startgeld für einen ordentlichen Suff nicht zu teuer sind. Profis wie Nico spielen fast nur mit Wasser. Und logischerweise müssen die Becher nach einem Treffer auch nicht mehr getrunken werden, sie werden einfach an den Rand gestellt.

Entblößte Körperteile gehören dazu

„Leute, die die Turniere noch nie gesehen haben, sagen vielleicht: Das ist doch nur Sauferei. Aber die wissen gar nicht, wie das eigentlich abläuft. Letztendlich fährt man zu den Events, um möglichst weit zu kommen“, erklärt Nico. Und dafür ist den Spielern*innen wirklich jedes Mittel recht. In der Regel arten die Zwei-gegen-Zwei-Duelle in einen Psychokrieg aus. Trashtalk und andere Ablenkungsversuche (zum Beispiel entblößte Körperteile) gehören dazu.

Jahresabschlussturnier der „Becherhelden“ in Oer-Erkenschwick. @ Michael Prieler

Nico ist da noch ein ruhigerer Vertreter seiner Zunft, aber – und das ist nicht übertrieben – er gehört zu den absoluten Stars. Beim Jahresabschlussturnier der „Becherhelden“ in Oer-Erkenschwick, in einer still gelegten Zeche ohne Zentralheizung nördlich von Dortmund, ist er mit seinem „Team Surk“ der Favorit. Die 200 Teilnehmer*innen an diesem Abend kommen aus ganz Europa, aber jeder kennt Nico Böse, den angehenden Versicherungskaufmann aus Recklinghausen, klopft ihm auf die Schulter und erkundigt sich nach seinem Turnierverlauf.

Gerade bei seinem Heimspiel läuft es für Nico nicht gut. Dabei geht es um viel: Der Sieger bekommt ein Flugticket zur Beerpong-Weltmeisterschaft 2017 in Las Vegas. Nach der ersten Niederlage in der Vorrunde müssen Nico und Marcel im Field Interview mit den Kameraleuten des Veranstalters noch erklären, woran es gelegen haben könnte. Im Viertelfinale ist dann endgültig Schluss. Die Enttäuschung bei den beiden und ihrem angereisten Fantross ist groß: „Jetzt hat es im vierten Anlauf nicht geklappt mit Vegas.“ Das begehrte Ticket ins Beerpong-Eldorado geht ausgerechnet an die großen Lokalrivalen*innen aus Herne. Auch sie sind in ihrem eigenen Verein organisiert, tragen einheitliche Trikots, Caps und Trainingsanzüge und pflegen ihren eigenen Facebook-Auftritt, klar.

Niederlagen wie diese gehören eben zum Leistungssport dazu, auch wenn er Beerpong heißt. Und der Traum von der Weltmeisterschaft in Las Vegas, die sich offiziell und ganz im Profisport-Jargon „World Series of Beerpong“ nennt, muss für Nico nicht zu Ende sein. Bei den Europameisterschaften Anfang Januar in Innsbruck winkt schon das nächste Ticket. „Team Surk“ wird dort am Start sein. Ihre alten Fußball-Kameraden*innen von der SG Suderwich werden sich dann gerade auf ihren Rückrundenstart gegen den SW Meckinghoven in der Kreisliga A vorbereiten.