Wie Beziehungen zwischen Amelotatist*innen und Menschen mit Behinderung gelingen

Amelotatist*innen haben eine sexuelle Vorliebe für Menschen mit körperlichen Behinderungen. Können Beziehungen zwischen ihnen und Menschen mit Behinderung gelingen? Worauf ist zu achten? Eine Betroffene und eine Expertin berichten von ihren Erfahrungen.

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Amelotatist*innen sehnen sich nach einer Beziehung mit Menschen mit Behinderung. Wie funktioniert das? Foto: Joe Yates / Unsplash | CC0

„Wenn im Internet über Leute wie mich diskutiert wird, dann fällt ganz, ganz schnell das Wort Fetisch“, ist Annas* Erfahrung. Leute wie sie – das sind Amelotatist*innen, umgangssprachlich als Amelos und Amelinen bezeichnet: Menschen, die sich sexuell von Personen mit körperlichen Behinderungen angezogen fühlen. Amelotatismus nennt man ihre sexuelle Neigung. Wie Anna in ihrer Jugend bewusst wurde, dass sie Ameline ist und ihren Weg, ihre sexuelle Neigung als Teil von sich selbst zu akzeptieren, haben wir in diesem Beitrag erzählt.

Heute ist Anna 30 und hat zu einer gewissen Sicherheit im Umgang mit ihrer sexuellen Vorliebe gefunden. Ihre Neigung beschränkt sich nicht mehr allein auf ihre Fantasie, sondern Anna hat es geschafft, sie in ihr Leben und ihre Beziehungen zu integrieren. Nach ihren diversen Erfahrungen, die sie im echten Leben sammeln konnte, ist sie sich sicher, dass ihr Begehren nach körperbehinderten Männern kein Fetisch ist.

Die Behinderung alleine ist nicht ausreichend, dass ich jemanden attraktiv finde.

Anna

Leute, die Amelotatismus als Fetisch bezeichnen, wollen damit zum Ausdruck bringen, der*die Amelotatist*in reduziere den Menschen mit Behinderung auf seine*ihre Beeinträchtigung. Der Psychiater Richard von Krafft-Ebing, der im 19. Jahrhundert in seiner Psychopathia sexualis erstmals über die sexuelle Begierde nach Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen schrieb, damals noch unter dem Begriff des „Deformationsfetischismus“, war sich sicher, dass es sich bei dieser sexuellen Vorliebe um einen Fetisch handeln müsse. Seine Begründung: Das sexuelle Interesse des*der Amelotatist*in konzentriere sich ausschließlich auf die Körperbehinderung und lasse alle anderen Eigenschaften der begehrten Person außer Acht.

Ein Argument, das bis heute in fast jeder Diskussion zum Thema Amelotatismus auftaucht und gegen das Anna sich wehrt: „Die Behinderung alleine ist nicht ausreichend, dass ich jemanden attraktiv finde.“ Es sei ein Missverständnis, zu glauben, dass sie alle behinderten Männer attraktiv fände. Neben einer Körperbehinderung gebe es noch andere Merkmale, die einen Mann für sie anziehend oder eben nicht anziehend machen würden. Vor allem müsse es menschlich passen. „Mir ist es ganz wichtig, dass ich mit meinem Partner tiefgründige Unterhaltungen führen kann und dass die Gespräche nicht bei Wetter und Essen enden“, so Anna. Ohne eine emotionale und intellektuelle Verbindung könne sie nichts mit einem Mann anfangen.

Die Vorliebe ist für viele Paare ein Plus.

Ilse Martin

Aus dem Austausch mit anderen Amelotatist*innen weiß Anna, dass sie da kein Einzelfall ist. Die aller meisten anderen Betroffenen, zu denen sie in Foren wie Paradevo – einer Plattform für Menschen, die sich zu körperbehinderten Männern hingezogen fühlen – Kontakt gehabt habe, würden ihre Partner*innen nach weit tiefergehenden Kriterien als körperlichen Merkmalen aussuchen und sich oftmals nach einer längerfristigen Beziehung sehnen. „Alle, mit denen ich spreche, sagen, wie toll sie es fänden, mit einem körperbehinderten Menschen in einer Beziehung zu sein – und auch den Alltag mit ihm*ihr zu leben“, so Anna.

„An der Möglichkeit einer glücklichen Partnerschaft zwischen Amelotatist*innen und behinderten Menschen habe ich überhaupt keine Zweifel, denn ich kenne ja etliche Paare, bei denen es gelingt“, berichtet die Autorin und Heilpädagogin Ilse Martin, die zehn Jahre lang zum Thema recherchierte. Martin hat über hundert Betroffene interviewt und ihre Ergebnisse schließlich in ihrem Buch Mancophilie: Zur Vollkommenheit fehlt nur ein Mangel aufgeschrieben. In vielen Beziehungen zwischen Amelotatist*innen und Menschen mit Behinderung würde die Neigung nicht als Fetisch wahrgenommen werden, sondern als eine Bereicherung. „Die Vorliebe ist für viele Paare ein Plus“, so Martin.

Eine wichtige Grundvoraussetzung: sich selbst akzeptieren

Für Ilse Martin sind die Partner*innenschaften zwischen körperbehinderten Menschen und Amelotatist*innen, die sie kennengelernt hat, Beziehungen wie jede andere auch – mit den selben Glücksmomenten und Herausforderungen. Man müsse sich eben, wie in jeder anderen Beziehung auch, gegenseitig respektieren und akzeptieren – und dazu gehöre auch, sich selbst zu akzeptieren, wie Ilse Martin betont. Gerade das sei ja für Menschen mit Behinderung nicht immer ganz einfach, wie sie aus eigener Erfahrung weiß.

Ilse Martin lebt seit ihrer Geburt mit einer Körperbehinderung und berichtet: „Als Mensch mit Behinderung wird man oft diskriminiert und hat in Folge dessen ein nicht ganz perfektes Bild von sich selbst.“ Deswegen sei es zunächst einmal sehr irritierend, Menschen zu begegnen, die gerade die eigene Behinderung als schön empfänden.

„Auf Datingseiten habe ich festgestellt, dass meine Kommunikationspartner mit Behinderung dazu neigten, die Behinderung so ein bisschen unter den Teppich zu kehren oder herunterzuspielen“, berichtet auch Anna. Das findet sie schade und es macht für sie schwierig, mit denjenigen in einen engeren Kontakt zu treten: „Erstens ist es bei mir eigentlich nicht nötig. Und zweitens hätte da schon lieber die ungeschönte Wahrheit“, – die ja für Anna ganz besonders schön ist.

Ob sich ein Mensch mit Behinderung auf eine Beziehung mit einem*r Amelotatist*in einlassen könne, hänge ganz entscheidend davon ob, inwieweit er*sie ein positives Selbstbild jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen entwickeln könne, betont Ilse Martin. „Wenn man sich selbst nicht akzeptieren kann, kann man nicht verstehen, warum jemand anders die Behinderung schön findet und sich darauf überhaupt nicht einlassen“, so Martin.

„Es ist immer die Frage, wie der*diejenige zu sich selbst steht“, sagt auch Anna. Aber nicht nur auf Seiten der Partner*innen mit Behinderung, sondern auch auf Seiten der Amelotatist*innen sei es wichtig, zunächst mit sich selbst ins Reine zu kommen, bevor man sich in eine Beziehung stürze, so Anna. „Es ist nicht gut, in eine Beziehung zu gehen, wenn man sich selbst dieser Neigung noch nicht sicher und mit ihr noch nicht im Reinen ist, weil man einfach auch als Ameline oder Amelo verletzlich ist“, findet sie.

Der Austausch im Internet kann den Betroffenen sehr helfen

Anna rät anderen jungen Amelinen und Amelos dazu, sich die nötige Zeit zu geben, die Neigung erst einmal für sich selbst zu erforschen und vor einer sexuellen oder romantischen Begegnung mit einem behinderten Menschen zunächst auf Plattformen zum Thema Sexualität den Kontakt mit anderen Betroffenen zu suchen. „Es ist hilfreich, mit anderen Amelos und Amelinen zu sprechen, die in ihrem Leben schon ein bisschen weiter sind, die Beziehungserfahrung haben und vielleicht ein paar Tipps geben können, worauf es ankommt, wenn man sich entschließt: Ich suche eine*n Partner*in mit Behinderung oder ich möchte das ausprobieren.“

Wenn beide Seiten aber im Reinen mit sich sind – die einen mit ihrer Neigung, die anderen mit ihrem Körper – können schöne Beziehungen entstehen, weiß Anna nicht nur aus ihren eigenen Erfahrungen: „Ich kenne einige Beziehungen, in denen ein*e Partner*in mit Behinderung mit einem Amelo oder einer Ameline zusammen ist oder war. Und das sind auch wirklich schöne Beziehungen.“ Anna hält fest: „Sobald die Beziehung in einen Alltag kommt, sind da keine großen Unterschiede mehr zu anderen Partner*innenschaften.“

Die Tatsache, mit jemandem zusammen zu sein, der*die eine Behinderung hat, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Anna

Die Reaktionen des sozialen Umfelds seien manchmal der eigentliche Unterschied zu anderen Partner*innenschaften. „Die Tatsache, mit jemandem zusammen zu sein, der*die eine Behinderung hat, ist für viele nicht nachvollziehbar“, so Anna. Als sie einem Bekannten von ihrer ersten Beziehung mit einem Mann mit einer Behinderung erzählt habe, habe dieser ganz erstaunt gemeint: „So hässlich bist du doch gar nicht, dass du nicht auch einen normalen Freund haben könntest.“ Auch Ilse Martin weiß, dass eine Beziehung mit einer behinderten Person im sozialen Umfeld auf Unverständnis stoßen kann – bis hin zu Reaktionen wie: „Hast du keine*n richtige*n Partner*in gefunden?“

„Leute, die solche Sprüche von sich geben, unterstellen, ich hätte nichts besseres abbekommen“, meint Anna. Sie verstünden nicht, dass sie in einer Beziehung mit einem behinderten Mann ja überhaupt keinen Nachteil sehe – im Gegenteil: „Die angeblich besseren Partner, die diese Leute im Kopf haben, die will ich ja gar nicht.“ Aber der wirksamste Weg, solchen Klischees entgegenzuwirken, sei es doch, einfach das Gegenteil zu leben, findet Anna. Deswegen genießt sie es mit ihren Partnern, die eine Behinderung haben, unter Leute zu gehen und zu vermitteln: „Hey – nur weil man eine Behinderung hat, heißt das nicht, dass man unattraktiv ist.“ Anna meint: „Dann dürfen die anderen auch ruhig mal starren.“

*Auf Wunsch der Protagonistin dieses Beitrags wurde ihr Name geändert.

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