„Wie cool, dass du auch hier bist“ – Wie Frauen einander bei Belästigung im Club beistehen

Die letzte Rettung, wenn man beim Feiern bedrängt wird, ist nicht ein Typ auf einem weißen Ross, sondern die Frau mit der Flasche Bier in der Hand.

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"Gut, dass du da bist." Foto: Kevin Laminto / Unsplash | CC0

Wenn man über flüchtige Freundschaften mit fremden Frauen auf Partys spricht, wird eigentlich immer die gleiche Geschichte erzählt. Das Setting ist dann irgendeine Damentoilette oder die Schlange davor. Tampons werden verschenkt, Lippenstifte geliehen, Kondome wechseln die Besitzerin. Und auf einmal werden an diesem nun magischen Ort die schönsten Komplimente ausgetauscht. Vielleicht verlässt man das Klo dann mit einer Spur mehr Selbstbewusstsein, vielleicht muss man lachend den eigenen Freund*innen von der Bekanntschaft erzählen, die man in den meisten Fällen am nächsten Tag vergessen hat.

Das sind gute Geschichten. Das sind vor allem reale Geschichten. Und ich habe auch so ein, zwei Oberteile, an denen die Erinnerungen von betrunkenen Komplimenten heften. Aber es gibt da noch so ganz andere Bande, die sich zwischen Sterni und Sekt schließen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die auf einmal meine besten Freundinnen wurden – zumindest für den Moment. Die mir dringend etwas Wichtiges erzählen mussten, mich ewig gesucht haben oder schnell mit mir an die Bar verschwunden sind. Warum? Weil sie etwas erlebt haben, das vermutlich nur Frauen untereinander verstehen.

Wenn man nicht „Nein“ sagt, um trotzdem zu gefallen

Es gibt Situationen, in denen es nicht so leicht ist, Konsens oder Dissens zu kommunizieren. Situationen, in denen die Gefahr vielleicht nicht so groß scheint oder man der Einfachheit halber etwas erträgt, das man eigentlich nicht runterschlucken will. Mittlerweile gehe ich zum Glück immer seltener zum Tanzen in Clubs, in denen furchtbare Typen ihr Unwesen treiben – das sind, meiner Erfahrung nach, meist so Läden, in denen grausige Popmusik läuft, Typen eher mit Hemd und Frauen besser mit hohen Schuhen reinkommen, wo das Interieur auf sehr schick macht, die Getränke zu viel kosten und es trotzdem auf der Toilette irgendwann nach Kotze stinkt. Mein Geschmack hat sich in der Hinsicht ziemlich verändert und trotzdem hinterlassen die vielen Wochenenden, an denen ich mich dort immer mal wieder betrunken habe und von Typen einfach angefasst wurde, eine sehr prägende Erfahrung.

Irgendwann hat meine Mutter mich gefragt, ob ich beim Tanzen schon mal sexuell belästigt wurde. Da war ich vielleicht 18 und ich sagte Nö. Die richtige Antwort wäre gewesen: jedes gottverdammte Mal. Ich glaube, dass ich meine Mutter da nicht einmal bewusst angelogen habe. Es kam mir absolut selbstverständlich vor, dass beim Tanzen irgendwann ein Typ von hinten ankommt, mir die Hände an die Hüften legt und man diesen komischen – und mittlerweile hochgradig peinlichen – Arsch–an–Penis–Tanz hat, obwohl man in so vielen Fällen nicht mal das Gesicht des Trockenvöglers kennt. Und genauso selbstverständlich wie eben das zu ertragen, waren die hilfesuchenden Blicke an meine Freund*innen.

Bande zwischen Frauen

Aber das eigentlich Erstaunliche ist nicht, dass diejenigen, mit denen ich unterwegs war, in die Situation eingegriffen haben, sondern, dass genügend andere junge Frauen, ohne mich zu kennen, mein Unwohlsein erkannt haben. Es ist mir schon häufig passiert, dass Fremde immer dann interveniert haben, wenn es für einen weiblichen Blick offensichtlich war, dass ich mich unwohl fühle.

Ein Beispiel: Die oben beschriebene Situation geschah, irgendein betrunkener Typ tanzte mich von hinten an, ich verfiel in Schockstarre. Auf einmal nahm eine andere Frau meine Hand, zog mich von dem Typen weg und wir tanzten zwei Meter entfernt weiter. Ich flüsterte ein Danke – sie nickte nur. Das war ganz selbstverständlich für sie. Und auch der Typ verstand, dass das die Abfuhr war, die ich vorher „nur“ durch steife Körperhaltung signalisiert hatte – und machte sich an die nächste ran.

Auf einmal nahm eine andere Frau meine Hand und zog mich von dem Typen weg.

Ein anderes Mal war da dieser komische ältere Typ, der mir unbedingt ein Getränk ausgeben wollte. Er fragte auch vorher nicht, was oder ob ich will, nein, er brachte mir einfach ein Bier mit. Irgendwie nett gemeint, dann wird der Abend billiger für mich, dachte ich mir. Man könnte das vielleicht als leichtsinnig betrachten, denn er hätte ja was ins Getränk reinkippen können – dem war glücklicherweise nicht so. Aber leichtsinnig war es trotzdem, denn der Kerl dachte offensichtlich, jetzt, wo er mir ein Bier ausgegeben hatte, wäre ich ihm einen Gefallen schuldig. Er ließ mich nicht in Frieden, egal, wie unfreundlich ich war. Ich sagte ihm, dass ich eine rauchen gehe würde und er kam mit. Ich sagte ihm, ich würde gerne alleine gehen und er sagte, okay, aber er würde jetzt auch eine rauchen wollen.

Wir waren draußen und natürlich stand er neben mir, laberte mich voll. Mein Blick traf den von zwei anderen Frauen und die Frage, ob ich okay wäre, stand deutlich zwischen uns. Ich ging zu den beiden und ein Schauspiel begann: Ich tat so als seien sie alte Freundinnen von mir, nahm beide in den Arm und wir quatschten im Sinne von: „Ach wie cool, dass ihr auch hier seid“ und „Dich haben wir ja ewig nicht gesehen“. Die eine machte meinem Verfolger klar, dass wir jetzt erstmal fünf Minuten quatschen müssten und ob er bitte abziehen könnte. Er ging, endlich. Ich rauchte mit den beiden zu Ende. Wir hatten uns eigentlich nichts zu sagen. Aber darauf kam es auch nicht an.

Solidarisieren nennt sich das wohl. Und das brauchen wir noch viel mehr – in jeder Situation, die für andere, warum auch immer, bedrohlich, beleidigend oder auch nur unangenehm wirkt.

Aber wieso kann ich das nicht selbst regeln?

Irgendwann habe ich mit einem Freund darüber geredet, der fragte, warum ich denn nicht selbst die Situationen gelöst hätte, wenn ich doch ganz klar keine Zeit mit dem Typen verbringen wollte. Ich meinte zu ihm, dass ich es in den Momenten einfach nicht konnte und eben nicht gewusst hätte, wie. Was ich damit eigentlich gemeint habe, ist wohl eher, dass ich mir Sorgen darum machte, wie der Typ auf die Abfuhr reagieren würde. Und das ist das Gruselige dabei – wir Frauen lernen früh, dass ein „Nein“ zu einem Mann auch mit Risiken verbunden ist.

Frauen lernen früh, dass ein „Nein“ zu einem Mann auch mit Risiken verbunden ist.

Ich weiß nicht, wie ich heute reagieren würde, wenn ich im gleichen schäbigen Laden mit den gleichen schäbigen Typen tanzen würde. Ich hoffe anders. Aber früher konnte ich nicht. Es waren Momente der absoluten Machtlosigkeit. Ich wusste nicht, wie ich mich charmant lösen sollte. Denn darauf kam es mir absurderweise trotzdem irgendwie an: zu gefallen, nicht anzuecken und bloß keine negativen Reaktionen von dem Typen abzubekommen. Nicht gefallen zu müssen ist eben auch etwas, das viele Frauen erst spät oder auch nie in ihrem Leben lernen. Aber erfahrungsgemäß reichte ein deutliches „Nein“ alleine auch oft nicht aus – im Gegenteil, manchmal stachelte das nur den Eroberungsinstinkt an.

Deswegen: Danke an all die fremden Frauen, die gleiche Erfahrung gemacht haben und für mich die Rettung waren, die ich in dem Moment nicht selbst sein konnte.

Aber wir machen ja mehr als das!

Es ist keine angeborene Eingebung von Frauen, zu erkennen, wenn eine andere sich bedrängt oder unwohl fühlt. Solidarität ist etwas, das wir schon früh lernen, weil wir selbst so viele Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um uns zu schützen. Aus den eigenen Erfahrungen, der eigenen Vorsicht, entwickeln Frauen ein Verständnis dafür, was es heißt, auf sich und andere aufzupassen. Es gibt Dinge, die man als Frau macht, um sich um präventiv vor Belästigung und Übergriffen zu schützen, die uns möglicherweise drohen könnten, die für uns völlig selbstverständlich sind.

  1. Wenn ich oder Freundinnen ein Date haben, besonders wenn es ein Blind Date ist, geht keine von uns los, ohne zumindest zu sagen, wo man sich trifft. Es hat auch einen Grund, warum die ersten Dates meist an öffentlichen Orten stattfinden.
  2. Wenn ich alleine nach Hause gehe, kommt immer irgendwann der Zeitpunkt, dass ich in meine Jackentasche greife, um mich mit einem Schlüssel zu bewaffnen.
  3. Würde ich joggen gehen, würde ich mir vielleicht auch darüber Gedanken machen. Meine Mitbewohnerin verlässt das Haus zum Laufen immer mit Kopfhörern, aber wenn sie im dichten Wald joggt oder an einer Gruppe Männern vorbei, schaltet sie die Musik aus. Wenn es dunkel ist, nimmt sie die Kopfhörer erst gar nicht mit.
  4. Ich habe mir angewöhnt, wenn mein Blick den einer fremden Person auf der Straße trifft, freundlich zu lächeln
  5. oder zumindest diesem unangenehmen Wer-gewinnt-den-Blickkontakt-Contest aus dem Weg zu gehen. Aber selbst ein höfliches Lächeln kann schon als krasser Flirt aufgenommen werden, deswegen überlege ich es mir lieber zwei Mal, wenn ich einen Typen in der Straßenbahn anlächle. Vielleicht wurde so das Resting Bitch Face erfunden.
  6. Wenn man wieder mal allein ist, aber nicht so wirken will, ist es ein super Trick, einfach so zu tun, als würde man jemanden anrufen. Oder tatsächlich jemanden anrufen! Es gibt zumindest ein Gefühl von Sicherheit.
  7. Ob im Auto oder in der Bahn oder zu Fuß: Es ist ein komisches Gefühl, wenn man denkt, dass es da diesen einen Typen gibt, der scheinbar genau den gleichen Weg hat. Deswegen werden Umwege genommen. Das können ganze Stationen sein, andere Straßen oder bloß ein Straßenseitenwechsel.
  8. Manchmal wird, um ewige Diskussionen zu vermeiden, dann doch einfach die Handynummer rausgegeben – aber sich darauf nie wieder gemeldet.

Es wäre doch schön, wenn Männer mit der gleichen Selbstverständlichkeit die Straßenseite wechseln würden, sobald sie bemerken, dass eine Frau sich immer wieder umsieht, schneller geht. Und noch schöner wäre es, wenn irgendwann dieses Bedürfnis auf getrennten Seiten zu laufen, gar nicht mehr da wäre.


von Judith Riemann auf EDITION F

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