Wie das Schreiben über meine Beeinträchtigung mir hilft, sie zu vergessen

Lange Zeit wollte sich unser Autor nicht als behindert definieren und hat sich damit viel mehr beeinträchtigt, als es seine Behinderung tut. Die Netflix-Serie Special hat ihn daran erinnert.

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Zunächst war ich skeptisch: Warum muss ein*e Autor*in mit Beeinträchtigung über das Thema Beeinträchtigung schreiben und das ganze auch noch Special nennen? Foto: Netflix / Screenhot |Youtube

Ryan sitzt bei seiner Mutter am Küchentisch und öffnet Briefe. Die Aufgabe ist Teil seines Praktikums bei einem Onlinemagazin und fällt ihm schwer. Seine Hände zittern und verkrampfen sich. Seine Mutter fragt ihn: „Warum sagst du deiner Chefin nichts über deine Zerebralparese? Ich bin mir sicher, sie wird dir eine Pause geben.“

Diese Szene stammt aus der Netflix-Serie Special, die seit dem 12. April online ist. Die Hauptfigur ist Ryan, ein junger Mann mit Zerebralparese. Die Rolle heißt wie ihr Schauspieler Ryan O´Connell, der auch der Autor der Serie ist und selbst eine Zerebralparese hat. Eine Zerebralparese – oder kurz CP – ist eine körperliche Beeinträchtigung: Man hinkt und hat Koordinationsschwierigkeiten.

Zunächst war ich skeptisch: Warum muss ein*e Autor*in mit Beeinträchtigung über das Thema Beeinträchtigung schreiben und das ganze auch noch Special nennen?

Als ich dann doch begann, die Serie zu gucken, stellte ich fest, dass sie genau meine Frage zum Thema hat. Seine Mutter gibt Ryan den Ratschlag, sich auf das Pitchen von Ideen für Artikel zu konzentrieren, anstatt Briefe zu öffnen. Ryan ist der Meinung, dass er nichts Spannendes zu erzählen hat: „Ich glaube kaum, dass ein Artikel über die Zeit, in der ich die Schule schwänzte, um mit meiner Mutter Minigolf zu spielen, das Internet in Begeisterung versetzen wird.“ Seine Mutter schlägt vor, doch über seine Zerebralparese zu schreiben. Auf diesen Vorschlag reagiert er zunächst empört. In der letzten Episode sieht man Ryan dann doch einen Artikel über seine Beeinträchtigung schreiben. Genauer: Über die Frage, warum es schwierig ist, vor sich selbst wegzulaufen. Zwischen diesen beiden Szenen liegt Ryans Erfahrung, dass es unmöglich ist, seine Beeinträchtigung zu negieren.

Ich komme nicht voran, wenn ich mich damit aufhalte zu versuchen, meine Beeinträchtigung zu verstecken

Die Serie hat mich schließlich überzeugt – so sehr, dass ich jetzt genau das tue, was mich am Anfang skeptisch werden ließ. Ich schreibe als Autor mit Beeinträchtigung über das Thema Beeinträchtigung. Ja, ich habe selbst eine Behinderung. Ich habe eine Hemiparese. Das ist eine leichte Lähmung, die entweder die linke oder die rechte Körperhälfte betrifft. In meinem Fall ist die linke Körperhälfte betroffen. Wie Ryan habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich nicht vorankomme, wenn ich mich damit aufhalte zu versuchen, diese zu verstecken. Daran hat mich Special erinnert.

Erlebnisse, die dir vermitteln: Du bist anders

Wenn man eine Parese hat, hinkt man. Das bringt Kommentare und Fragen mit sich. In der ersten Szene wird Ryan von einem Kind auf der Straße angesprochen: „Sie laufen merkwürdig. Sie sollten ins Krankenhaus gehen.“ Ryan erklärt ihm, dass er eine Zerebralparese hat. Der Junge rennt schreiend weg. Das ist eine unterhaltsam zugespitzte Szene. Und doch erzählt sie von jenen Differenzerfahrungen, die Menschen mit Beeinträchtigung tagtäglich machen. Differenzerfahrungen sind Erlebnisse, die dir vermitteln: Du bist anders! Von denen hatte ich viele.

Welche Behinderung haben Sie genau?

Als Kind wurde ich oft gefragt: „Warum läufst du so komisch?“ Auch heute noch höre ich immer wieder Fragen zu meiner Beeinträchtigung. Vor etwa zwei Jahren sprach mich zum Beispiel eine Frau auf dem Bahnsteig an: „Entschuldigung, welche Behinderung haben Sie genau?“

Solche Erlebnisse erzeugen das, was Ryans Chefin Olivia so treffend an Ryan als internalisierten Ableismus diagnostiziert. Internalisierter Ableismus meint verinnerlichte Behindertenfeindlichkeit: Wenn Beeinträchtigte die Vorurteile gegen Menschen mit Beeinträchtigung selbst aufnehmen und Behinderung als etwas Schlechtes sehen. Man wurde von anderen so oft auf seine Beeinträchtigung reduziert, dass man diese versteckt und verleugnet.

26 Jahre lang war ich Dauersingle. Irrtümlich glaubte ich, das läge an meiner Beeinträchtigung

Besonders schwer schlägt sich der internalisierte Ableismus auf das Sexualleben nieder, weil er das Selbstwertgefühl mindert. Ich bin 27 Jahre alt und seit einem Jahr bin ich mit meiner ersten Freundin zusammen, mit der ich seit zwei Monaten sogar verheiratet bin. 26 Jahre lang war ich Dauersingle. Irrtümlich glaubte ich, das läge an meiner Beeinträchtigung. Dabei lag es an meinem geminderten Selbstwertgefühl. In dem Moment, in dem ich anfing, zu meiner Beeinträchtigung zu stehen, veränderte sich meine Ausstrahlung. Auch Ryan macht diese Erfahrung. In der ersten Episode kommentiert Ryan seinem Physiotherapeuten gegenüber den Hintern eines anderen Mannes. Sein Physiotherapeut ermahnt ihn, er solle sich solche Kommentare für Grindr aufheben. Ryan antwortet: „Erstaunlich, dass du denkst, ich hätte das Selbstbewusstsein für Grindr.“ Dann überwindet Ryan seinen internalisierten Ableismus und lernt seine Zerebralparese zu akzeptieren. Dadurch traut er sich, in sein Liebes– und Sexualleben zu starten.

Erstaunlich, dass du denkst, ich hätte das Selbstbewusstsein für Grindr.

Ryan, in Special

Man weiß nie, was andere an einem lieben

Ich bin mit einer Kommilitonin auf einem Date. Wir gehen spazieren. Meine Kommilitonin greift nach meiner linken Hand, die augenblicklich zur Faust einfriert. Das ist mir peinlich. Ich ziehe meine Hand weg und schlage vor, die Seiten zu wechseln. Auf Grund meiner Hemiparese verkrampft sich meine linke Hand – besonders dann, wenn ich nervös oder aufgeregt bin. Viel zu lange habe ich versucht das zu verstecken. Wann immer nur möglich, verbarg ich die Hand in meiner Tasche. Vor allem, wenn ich mich mit Frauen traf, in die ich verknallt war. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war. Wenn wir Hände halten, besteht meine Frau darauf, meine linke Hand zu halten. Das ist ihre Lieblingshand. Man weiß nie, was andere an einem lieben. Daher sollte man nichts an sich verstecken.

Ich habe eine Behinderung – na und?

In den vielen Jahren meines Lebens, in denen ich mich anstrengte, meine Beeinträchtigung zu verbergen, habe ich mich viel mehr beeinträchtigt gefühlt als heute, wo ich sagen kann: Ich habe eine Behinderung – na und? Wie Ryan sich schließlich traut, über seine Beeinträchtigung zu schreiben, kann ich heute auf ze.tt über meine Beeinträchtigung schreiben, um sie dann wieder zu vergessen.