Wie der Postillon einen Tweet von „Bild“-Chef Julian Reichelt kaperte

Seit einigen Tagen sorgt ein kurioser Tweet von Julian Reichelt für Verwirrung. Nimmt sich der Bild-Chefredakteur neuerdings etwa selbst aufs Korn oder wurde sein Account möglicherweise gehackt?

Wer sich in den vergangenen Stunden den Twitter-Account von Julian Reichelt genauer angeschaut hat, dürfte sich verwundert die Augen gerieben haben: Der Chefredakteur der Bild teilte auf seinem persönlichen Profil eine Meldung, deren Schlagzeile immer wieder wechselte. Julian Reichelt wird von den Reptiloiden bezahlt, stand da zum Beispiel zeitweise oder: Julian Reichelt ist neidisch auf Christian Drostens Locken. Was steckt hinter den Meldungen?

Gulasch ist köstlich! 

Aber von vorn: Julian Reichelt und die Bild-Zeitung gerieten in den vergangenen Tagen über die Berichterstattung zu einer vermeintlich fehlerhaften Studie des Virologen Christian Drosten an der Berliner Charité in die Kritik, wonach Kinder und Jugendliche laut Bild angeblich mit dem Coronavirus genau so ansteckend seien wie Erwachsene. Die Zeitung ließ dabei den Konjunktiv, in dem das Studienergebnis gehalten ist, außen vor. In der Studie heißt es jedoch: „Children may be as infectious as adults“, also: Kinder könnten so infektiös wie Erwachsene sein. Drosten hatte zuvor bereits die Antwort auf eine Anfrage der Bild-Zeitung mit Verweis auf deren „tendenziöse Berichterstattung“ abgelehnt.

Das Satiremagazin Der Postillon schaltete sich in die Bild-Kritik mit einer Troll-Aktion ein. Bereits am 13. Mai – also zwei Wochen vor der Veröffentlichung des Bild-Artikels – hatte das Satirejournal einen Artikel mit dem Titel Update kommt: Bill Gates kündigt Covid-20 an veröffentlicht. Wer den dazugehörigen Link des Artikels aufruft, findet die ursprünglichen Schlagzeile inzwischen nicht mehr. Stattdessen betitelte Der Postillon den Artikel seit dem 26. Mai abwechselnd mit absurden Schlagzeilen wie Julian Reichelt wird von den Reptiloiden bezahlt, Julian Reichelt ist neidisch auf Christian Drostens Locken, Gulasch ist köstlich oder aktuell (Stand: 28. Mai 2020, 12:00 Uhr) Samweis Gamdschie ist der wahre Held von Herr der Ringe.

„Das ist der endgültige Beweis!“

Absurde Schlagzeilen sind für ein Satiremagazin wie den Postillon natürlich erstmal nichts Ungewöhnliches, auffällig schien aber, dass sich viele der Überschriften auf Julian Reichelt bezogen. In der Zwischenzeit brachte ein nachträglich dem Artikel hinzugefügter Hinweis der Postillon-Redaktion Licht ins Dunkel. Dort ist zu lesen: „Hier steht eigentlich eine andere Schlagzeile, aber wir wollen Bild-Chef-Hetzer Julian Reichelt ein bisschen trollen, weshalb wir die Meldung zwischenzeitlich geändert haben.“

Reichelt, und das hatte die Postillon-Redaktion offenbar nicht vergessen, hatte den Satireartikel über die Ankündigung von Covid-20 wenige Stunden nach der Veröffentlichung am 13. Mai auf seinem persönlichen Twitter-Profil mit den ironischen Worten „Das ist der endgültige Beweis!“ geteilt. Der Postillon änderte daraufhin regelmäßig das Vorschaubild und die Überschrift des Artikels, sodass es den Anschein erweckte, Reichelt wäre der Absender der kuriosen Meldungen.

Der Postillon bediente sich hierfür eines einfachen Tricks.

Die Troja-Methode

Anhand der Metadaten einer verlinkten Webseite, erstellen Social-Media-Plattformen wie Twitter oder Facebook ein Vorschaubild (auch Snippet oder Teaser genannt) sowie eine zuvor festgelegte Überschrift. Diese Angaben lassen sich von den Betreiber*innen einer Webseite gezielt und jederzeit verändern – auch nach Veröffentlichung eines Artikels.

  1. Eine Seite veröffentlicht einen Beitrag mit entsprechendem Vorschaubild und einer Überschrift.
  2. Anhand der Metadaten der verlinkten Webseite erstellt die Social-Media-Plattform ein Vorschaubild.
  3. Der Beitrag wird von einer beliebigen Person auf Twitter geteilt.
  4. Nun kann der*die ursprüngliche Verfasser*in des Artikels mit der Änderung der Metadaten sowohl das Bild als auch die Überschrift beliebig ändern, ohne dass die Person über eine Änderung informiert wird.

Ob Reichelt über die Vereinnahmung seines Tweets Bescheid weiß oder ob es ihm schlicht egal ist, ist nicht bekannt. Aktuell ist sein Tweet noch online. mm

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