Wie die Kirche mit einer YouTuberin den christlichen Glauben cool machen will

Die 20-jährige Jana Highholder soll schaffen, was im klassischen Gottesdienst nicht mehr gelingt: Junge Menschen für Religion begeistern. Über den Versuch, die eingestaubte Institution Kirche zu erneuern.

Wie die Kirche mit einer Youtuberin Glaube cool machen will

Jana Highholder studiert Medizin und arbeitet nebenbei als Influencerin für Gott. Foto: Marcus Frenk

Jana fährt sich durch ihre blonden Locken und spricht in die Kamera: „Glaube ist nicht Teil meines Lebens, er ist mein Fundament.“ Sonst lacht sie viel, aber diesen Satz sagt sie völlig ernst. Ihren Glauben habe sie im Alter von sechs Jahren gefunden. Damals bekam sie die Diagnose Krebs. Ihre Mutter habe geweint und gesagt: „Gott schleppt uns da durch.“ Jana Highholder, 20 Jahre alt und Medizinstudentin in Münster, ist YouTuberin und Poetryslammerin – und sie arbeitet für die Evangelische Kirche in Deutschland. Sozusagen als Gottes Influencerin.

Auf ihrem YouTube-Kanal Jana glaubt spricht sie seit einem halben Jahr darüber, warum sie glaubt und wie sie das im Alltag stärkt – sie zeigt aber auch viel Verständnis für jene, die sich mit dem Glauben schwer tun oder ihn komplett ablehnen. „Ich bin total erfüllt!“, schreibt eine Kommentatorin unter einem von Janas Videos, andere finden: „Missionarischer Blödsinn“, „Verdummbibelung 2.0“ und immer wieder die Frage: „Soll das Jugendliche in die Kirche locken?“

Ja, das soll mit Jana glaubt gelingen. Anlass dazu hat die Kirche genug: Im vergangenen Jahr sind 200.000 Menschen aus der Evangelischen Kirche ausgetreten, noch einmal 10.000 mehr als im Vorjahr. Bei der Katholischen Kirche sieht es mit über 167.000 Austritten 2017 nicht besser aus. Damit verbleiben sowohl in der Evangelischen als auch in der Katholischen Kirche zwar noch immer mehr als 20 Millionen Mitglieder – doch wie alt die wohl sind?

Wenn Gott da ist, wo die Menschen sind, muss er 2018 ins Netz

Zumindest hat eine Institution, die so alt ist wie die Kirche, Erfahrung im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Und wenn Gott da ist, wo die Menschen sind, dann muss er im Jahr 2018 eben ins Netz. Aber folgen sie ihm dort auch? Jana ist nicht der erste Versuch, sich digital aufzustellen. Mit katholisch.de und evangelisch.de haben zwei christliche Konfessionen eigene Nachrichtenseiten. Beim mehrsprachigen Online-Portal des Vatikans Vatican News bereiten seit Dezember 2017 650 Mitarbeiter*innen Geschichten rund um den Papst multimedial auf. Von dort wird auch der Twitteraccount des Papstes betrieben, in über zehn Sprachen. 634.000 Menschen folgen dort dem deutschsprachigen Pontifex, der deutschen YouTuberin Bianca Heinicke alias Bibis Beauty Palace hingegen über zwei Millionen.

Vor einem Jahr feierte die evangelische Jugend Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin einen Instagram-Gottesdienst. Aufrufe: 236. In Walsrode in Niedersachsen wird eine Kollekten-App für bargeldloses Spenden getestet. Und in Wittenberg in Sachsen-Anhalt, wo einst Martin Luther seine Thesen anschlug, kam man kürzlich auf die Idee, Psalme in Tweets umzuschreiben  – Hashtag #twalm. „Tweetet dem Herrn ein paar freshe Memes, denn er tut Wunder“ lautet ein wohl nicht ganz ernst gemeinter Post.

Die Kirche habe keine Antworten auf ihre Fragen, sagen Jugendliche

Gerade einmal 19 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich laut einer Studie der Evangelischen Kirche vom November 2018 als religiös. Nur fünf Prozent sagen, dass für sie Gott oder die Kirchengemeinde eine Rolle spielen. Eine postchristliche Generation, die ein eigenständiges, glückliches Leben führt, auch ohne die Kirche. Die jüngste Shell-Jugendstudie ergab, dass rund zwei Drittel aller Jugendlichen zwar gut fänden, dass es die Kirche gebe, sagt der Münchner Sozialwissenschaftlers Ulrich Schneekloth, doch 57 Prozent der Jugendlichen fänden auch, auf die Fragen, die sie wirklich bewegen, habe die Kirche keine Antwort.

Kann Jana da ansetzen? Ihr Kanal hat 8.700 Abonnent*innen, ihr meistgeklicktes Video fast 40.000 Aufrufe. Die übrigen Videos haben sich allerdings lediglich zwischen 3.000 und 5.000 Personen angesehen. Mit den persönlichen Einblicken in ihr Leben bietet die 20-Jährige viel Angriffsfläche. Als Reaktion auf die vielen hämischen und bösartigen Kommentare zitiert sie die Bibel: „Überwindet Böses nicht mit Bösem. Wie einfach ist es, jemanden zu lieben, der eurer Meinung ist? Liebt eure Feinde.“ Jana will ihren Glauben mit anderen teilen, nicht ihn verteidigen, sagt sie. 

In einigen Videos trifft die 20-Jährige durchaus den Nerv dessen, was wohl einige Jugendliche und junge Erwachsene beschäftigt. Es geht darum, wie man Selbstbewusstsein entwickeln kann, um das Streben nach Beliebtheit und die Frage, ob das wirklich so wichtig ist, um Prüfungsstress und Zukunftssorgen. Was jedoch bisher fehlt, sind gesellschaftliche Fragen zu Identität und Sexualität. Wenn der Papst erst kürzlich mal wieder davon spricht, dass Homosexualität heute eine Modeerscheinung sei, er weder Schwule noch Frauen in der Priesterausbildung sehen will und Abtreibung mit dem Engagieren eines Auftragsmörders vergleicht – wären das nicht auch Themen junger Menschen und damit Themen für ein Video von Jana?

Wenn es nach dem Oberhaupt der Katholischen Kirche geht, scheint es Projekte wie Jana glaubt oder Instagram-Gottesdienste auch nicht unbedingt zu brauchen: „Die Kirche ist jung, weil das Evangelium wie ein Lebenssaft ist, der sie immer wieder erneuert“, schreibt der Papst – immerhin – auf Twitter. Amen.