Wie die Natur helfen kann, uns selbst besser kennenzulernen

Oft suchen wir vor großen Entscheidungen den Rat anderer Menschen. Dabei verlieren wir jedoch schnell den Bezug zu uns selbst.

Foto: Nora Reckhardt/ze.tt

Was will ich? Wer bin ich? Was sind meine Ziele? Warum geht es mir gerade nicht gut? Auf der Suche nach Antworten für große Fragen oder wichtige Entscheidungen eignen sich oft Gespräche mit den besten Freund*innen oder uns nahestehenden Menschen. Schließlich kennen sie uns sehr gut. Wir bekommen Feedback, Unterstützung und Trost. Alternativ nutzen wir vielleicht das Internet als Ratgeber: Schnell die Frage eingetippt und schon finden wir dort ähnliche Geschichten, Gedankenanstöße, Erfahrungsberichte, zu denen wir uns positionieren können.

Am Ende stehen uns Tausende Ideen zur Verfügung – und wir wählen eine aus, die sich zumindest für den Moment irgendwie stimmig anfühlt. Bis dahin haben wir so viel interagiert, dass wir den Bezug zu der wichtigsten Person zur Klärung unserer Fragen oft bereits verloren haben: den Bezug zu uns selbst.

Stephanie Lou Santowski ist Naturcoachin. Laut ihr können wir am besten herausfinden, was wir wirklich wollen, wenn wir in der Natur sind.

Rückbezug zu uns selbst

Foto: Nora Reckhardt

Naturcoaching arbeitet mit der Annahme, dass uns ein angeleiteter und bewusster Aufenthalt in der Natur zu unserer eigenen, inneren Natur zurückbringen kann. Eine Methode dafür ist der Medicine Walk. Hierfür formulieren Coach*in und Klient*in in einem Vorgespräch eine Absicht oder eine Fragestellung entsprechend dem Thema, mit dem sich der*die Teilnehmende beschäftigen möchte. Anschließend geht der*die Klient*in für einen bestimmten Zeitraum in den Wald.

Dabei gelten strikte Regeln, jede Form von Ablenkung ist tabu. Kein Essen, kein Handy, kein Kontakt zu Menschen. Nur Wasser und ein Notizbuch sind erlaubt. Der*die Klient*in kann sich im Wald fortbewegen, beobachtet und übt sich im Wahrnehmen der Natur um ihn*sie herum. Denn das, was wir in einem Baum, einem Blatt oder einem Wurzelwerk sehen, kann zeigen, was uns fehlt, was uns belastet, was wir uns wünschen.

Eine Gruppe eng beieinander stehender Pilze kann Sehnsucht auslösen – nach Geborgenheit oder Sicherheit.

Stephanie Lou Santowski

„Wenn wir mit einer Frage oder einem Thema in die Natur gehen, kann es hilfreich sein, zu beobachten, was mich anzieht. Wie fühle ich mich, wenn ich bestimmte Phänomene sehe? Was lösen sie in mir aus? Eine kleine Gruppe eng beieinander stehender Pilze kann Sehnsucht auslösen – nach Geborgenheit oder Sicherheit. Sie kann aber auch Beklemmung auslösen. Oder die Pilze fallen dem*der Klient*in nicht einmal auf, weil sie für die Person nicht relevant sind. Jede*r nimmt automatisch mit, was er *sie braucht“, erklärt Santowksi.

Die Natur spiegele nur das, was wir selbst in dem Moment in sie hineingeben, so Santowski. Dabei können unter professioneller Anleitung Ängste oder Bedürfnisse deutlich werden, Wünsche, die uns nicht bewusst waren, weil wir sie aufgrund verschiedener Aspekte in unserem gesellschaftlichen System vernachlässigt haben.

Natur wertet nicht

Das Besondere an der Naturzeit ist die völlige Abwesenheit einer Färbung der eigenen Gedanken und Wahrnehmung durch Wertung oder Reaktion eines anderen Menschen. Ein Baum hat keine unterschwellige Erwartungshaltung, ein Baum urteilt nicht. Die Natur kann nur annehmen. Sie lenkt uns auch nicht unbewusst in eine Richtung, sondern zeigt uns auf, was in uns ist. Sie dient als neutraler Spiegel unseres Selbst.

Foto: Nora Reckhardt

So bereichernd und tröstend es sein kann, im Gespräch mit anderen Menschen Unterstützung zu suchen oder Entscheidungen zu treffen: Letzten Endes bringt uns das Suchen von Antworten im Kontakt mit anderen Menschen stets dazu, uns zu positionieren. In einer Welt voller Menschen, die immer und überall ihre Geschichten teilen, die wir dann konsumieren, mit denen wir uns vergleichen und messen, kann die Natur eine absolute Rückbesinnung auf uns selbst bieten.

Auf andere Menschen reagieren wir

Heutzutage gibt es eine riesige Auswahl an Methoden am Coaching-Himmel. Ursula Maria-Beugel, systemisch-integrative Coachin, erklärt: „Elementar für erfolgreiches Coaching ist die Wertungsfreiheit, dass sich die Klient*innen sicher und angenommen fühlen können und nicht beurteilt werden.“

Sie versteht sich als neutrale Reflexionspartnerin, die ordnet und so unbewusste Gedankenmuster aufdecken kann, die uns zum Beispiel davon abhalten, Entscheidungen zu treffen. In vielen Situationen kann diese enge Begleitung durch eine*n Coach*in bei der Selbstreflexion sicherlich sehr sinnvoll und ordnend sein. Jedoch müssen wir auf einen anderen Menschen, dem wir gegenüber sitzen, immer irgendwie reagieren. Dies eröffnet einen Raum für Interpretation, die den Fokus wieder ein Stück von uns selbst ablenkt.

In der Natur können wir ganz wir selbst sein

Beim Medicine Walk erzählt der*die Klient*in dem*der Coach*in von den Erlebnissen und Wahrnehmungen im Wald. Diese wird in der dritten Person nacherzählt. Der Abstand kann hilfreich sein, manche Dinge noch einmal zu hinterfragen. In einem Gespräch kann das Erlebte danach weiter reflektiert werden. Hier deckt sich das Naturcoaching mit anderen Coachingformen. Hinzugefügt wird jedoch ein Raum, in dem wir nur uns selbst zuhören können – die Natur. In dieser Zeit lernen wir uns kennen, ohne Druck, irgendeinem Menschen genügen zu müssen, irgendetwas sein zu müssen, das wir gar nicht sind.

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