Dieser Mann half dabei, Sklavinnen von der Terrorgruppe Daesh zu befreien

In Onlineforen und Chatgruppen verkaufte die Terrorgruppe Daesh jesidische Frauen und Kinder. Bahzad Farhan gab sich als Kämpfer aus, um Informationen über die Verschleppten zu bekommen und sie so zu befreien.

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Der 31-jährige Bahzad Farhan gehört selbst zur religiösen Minderheit der Jesid*innen. Foto: © Helena Kreiensiek

Keine zehn Jahre alt ist das Mädchen auf dem Foto. Stark geschminkt und in knappem Spitzentop liegt sie auf einem alten Teppich und posiert aufreizend. Wenn es nicht schon die gezwungene Haltung ist, die den Widerwillen verrät, dann sind es das tränennasse Gesicht und die roten Augen, die traurig in die Kamera schauen. „Bilder wie diese gibt es zu Tausenden“, sagt Bahzad Farhan von der Kinyat Organization for Documentation und blättert zum Beweis weiter durch den dicken, schwarzen Aktenordner in seinen Händen.

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Auszug aus einem Chatprotokoll aus einem der Ordner von Bahzad Farhan. Foto: © Helena Kreiensiek

„Hab‘ eine zu verkaufen. Hässliches Gesicht, Körper ist okay“, steht dort geschrieben. Bahzad Farhan klappt den Ordner zu und zieht den nächsten aus dem Regal. Die zahllosen Aktenordner, die sich in Farhans Büro nahe der Grenze zwischen dem Irak und der Türkei stapeln, geben einen Einblick in das, was sich in den vergangenen Jahren im Irak und in Syrien ereignet hat. Zu Tausenden wurden unter Daesh Frauen und Kinder aus religiösen Minderheiten wie Vieh verkauft. Auf Sklav*innenmärkten in den besetzten Gebieten, aber auch auf Verkaufsplattformen im Internet und in den Chatgruppen der Extremist*innen. Das geht unter anderem aus einem Report (pdf) von FIDH hervor, einem Dachverband verschiedener Menschenrechtsorganisationen mit Sitz in Paris.

Am schwersten traf es die Jesid*innen, eine religiöse Minderheit, der auch Bahzad Farhan angehört. Durch akribische Recherche schaffte er es, sich in Chatgruppen wie Caliphate’s Market oder The Great Mall of the Islamic State einzuschleusen. Getarnt als IS-Kämpfer gab Bahzad Farhan vor, am Kauf einer Sklavin oder eines Kindes interessiert zu sein. Tatsächlich bekam er auf diese Art wertvolle Informationen über die Gefangenen, ihren Gesundheitszustand, ihre Herkunft und ihren Aufenthaltsort. Wie genau er dann vorgeht, um sie tatsächlich zu befreien, möchte Farhan nicht erzählen. Zu viele Jesid*innen seien immer noch in Gefangenschaft bei Kämpfern, die im Ausland untergetaucht sind. Zu viele seien es, an deren Suche und Rückholung immer noch gearbeitet wird.

56 Frauen und Kinder konnte er auf die Art über die Jahre ausfindig machen und retten, sagt Farhan. Überprüfen lässt sich diese Zahl freilich nicht. Die Verhandlungen dazu liefen meist über die Instant-Messaging-Dienste Telegram Web und Signal. „Insgesamt gab es sechs große derartige Verkaufsplattformen und etliche kleinere. Einige dieser Gruppen sind bis heute noch aktiv“, sagt Farhan.

„Wir brauchen Gerechtigkeit“

„Am Anfang war es mir wichtig, einfach festzuhalten, was mit meinen Leuten passiert“, erklärt er. Mittlerweile ist daraus ein ganzes Büro geworden, in denen seitenweise Chatverläufe, Bilder und Ortsangaben dokumentiert sind. Seine Hoffnung ist es, diese einmal als Beweismaterial vor einem internationalen Tribunal verwenden zu können. „Wir brauchen Gerechtigkeit“, sagt er. Und dazu gehört für ihn, wie auch für viele andere, dass die IS-Kämpfer ins Gefängnis kommen.

Während er das erzählt, schaut er mit ernster Miene auf das Geschehen vor seinem Büro. Mit der tief stehenden Abendsonne kommt Leben in die Straßen. Eine Gruppe Kinder spielt lärmend auf einem freien Feld in der Nähe Fußball, im Hintergrund hört man das Gelächter von Männern beim Kartenspiel. Die Stimmung ist friedlich, doch die Lebensumstände sind hart. Vor allem in den kurdischen Gebieten im Norden des Iraks leben seit 2014 Tausende von Binnengeflüchtete in notdürftig errichteten Zelten.

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Camp Sharyia, rund 25 Kilometer entfernt von Dohuk. Foto: © Helena Kreiensiek

Viele der Menschen leben bereits seit fünf Jahren in dieser Übergangssituation, die sich immer mehr zu einem unfreiwilligen Dauerzustand entwickelt. „Mit dem Daesh ist das Unglück gekommen“, beschreibt es ein junger Mann aus einem der Geflüchtetenlager. Vor allem im Sinjar, dem Hauptsiedlungsgebiet der Jesid*innen nahe der Grenze zu Syrien, wütete Daesh besonders grausam.

Als Ungläubige und Teufelsanbeter*innen verachtet, versklavten die Extremisten zu Tausenden die Frauen und Mädchen der religiösen Minderheit, deren Ursprünge auf mehr als 2.000 Jahre vor Christus zurückgehen. Die Männer wurden ermordet und die Jungen wurden von den Extremisten einer religiösen Gehirnwäsche unterzogen, um sie zu Kämpfern des Daesh auszubilden. Die Folgen dieser Zeit sind gravierend – und noch längst nicht überstanden.

Hoch verschuldet

Zu dem kollektiven Trauma kommt hinzu, dass das Freikaufen der Gefangenen oft bis zu 10.000 US-Dollar (etwa 8.800 Euro) pro Person oder mehr kostet. „Viele der Familien in den Flüchtlingslagern sind hochverschuldet“, sagt Lisa Miara von der Springs of Hope Foundation Inc.. „Es gab eine Zeit, da sind die Leute regelmäßig im ganzen Camp herumgelaufen und haben Geld gesammelt, um ihre Angehörigen freizukaufen. Mit Centbeträgen wurden die nötigen Summen angespart – und jetzt stehen viele Familien vor einem riesigen Schuldenberg“, sagt sie.

Die Hoffnung, sie wiederzufinden, wird mit jedem Tag, der vergeht, kleiner.

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Der Preis pro Freikauf variiert. Je nach Alter und Verfassung der Gefangenen, aber auch danach, wie viele Mittelsmänner noch zusätzlich bezahlt werden müssen. Eine Zeitlang hatte die Kurdische Regionalregierung verarmte jesidische Familien noch finanziell beim Freikauf ihrer Angehörigen unterstützt. Doch mit der anhaltenden Konfliktsituation und den Disputen mit der irakischen Zentralregierung stehen diese Gelder nicht mehr zur Verfügung.

Ins Ausland verschleppt

Rund 3.000 Jesid*innen gelten jedoch laut dem Yazidi Rescue Office immer noch als vermisst, obwohl mit der Schlacht um Baghus im März 2019 das letzte Territorium von Daesh gefallen ist. „Etliche der verschleppten Frauen und Kinder wurden von den Kämpfern ins Ausland verkauft oder mitgenommen“, sagt ein Mitarbeiter einer internationalen Organisation, der anonym bleiben möchte, weil er Repressalien befürchtet. „Daesh war ein internationales Phänomen. Viele der Kämpfer kamen aus Saudi Arabien, Tschetschenien und der Türkei, aber auch aus Deutschland und Frankreich.“ Die Liste der Nationalitäten ist lang.

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Auszug aus einem Chatprotokoll aus einem der Ordner von Bahzad Farhan. Foto: © Helena Kreiensiek

Die Verschleppten könnten theoretisch überall auf der Welt sein. Die meisten werden in Saudi Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten vermutet. Doch während sich zu Zeiten von Daesh ein ausgeklügeltes Schmugglernetzwerk zur Befreiung der Gefangenen entwickelte, gibt es bislang nichts Vergleichbares, was die Suche nach den Vermissten im Ausland ermöglichen könnte. Die Hoffnung, sie wiederzufinden, wird mit jedem Tag, der vergeht, kleiner. „Es wird immer schwerer, Spuren zu finden“, sagt Farhan und zeigt wieder auf das Bild des Mädchens mit den verweinten Augen. „Nach ihr suchen wir zum Beispiel auch noch.“