Wie dieser Verein obdachlosen Frauen mit Gratisbinden helfen will

Nicht genug Geld oder keinen Zugang zu Periodenprodukten zu haben, betrifft auch Menschen in Deutschland. Was wir dagegen tun können? Zwei Berlinerinnen hatten eine Idee.

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Katja Dill und Undine Mothes von Social Period wollen Menschen helfen, die wenig Geld und keinen Zugang zu Menstruationsprodukten haben. Foto: © Gunda Windmüller

Wer menstruiert, zahlt im Monat einige Euro für entsprechende Produkte. Nachhaltige Perioden-Unterwäsche gibt’s für 40 Euro, Cups für 15 Euro und Tampons und Binden kosten, je nach Menge, immerhin noch 3 bis 5 Euro. Klingt im Vergleich zum monatlichen Netflix-Abo vielleicht erstmal nicht viel, aber da sind wir schon beim Thema: „Nicht viel“ ist eine Kategorie derer, die’s haben. Für diejenigen, die es nicht haben, sieht es ganz anders aus.

500 Millionen Menschen haben weltweit keinen Zugang zu hygienischen Menstruationsprodukten. In Deutschland betrifft das zum Beispiel obdachlose Personen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht von bundesweit circa 100.000 obdach- und wohnungslosen Frauen aus. Davon leben nach Schätzungen der Caritas allein in Berlin etwa 2.500. Viele von ihnen haben es schwer, an Menstruationsprodukte zu kommen: „Alle Anlaufstellen, mit denen wir gesprochen haben, haben uns das Problem bestätigt“, sagt Undine Mothes vom Verein Social Period.

Gegründet hat sie den Verein gemeinsam mit ihrer Freundin Katja Dill. Dill erfuhr von dem Problem fehlender Menstruationsprodukte während ihres Studiums. Für ein Seminar besuchte sie eine Einrichtung für obdachlose Menschen und hörte dort von der Notlage derer, die menstruieren und auf der Straße leben. Sie erzählte Undine davon und die beiden hatten ziemlich spontan eine Idee: einen Verein zu gründen, der Spendenboxen für Menstruationsprodukte aufstellt.

Spendenboxen in Supermärkten

Solche Boxen stehen mittlerweile in drei Berliner Edeka-Filialen und wenn es nach Social Period geht, sollen in den nächsten Monaten noch sieben dazukommen. Sie funktionieren ganz ähnlich wie die Tierfutter-Spendenboxen, die man bereits aus Einkaufsgeschäften kennt: Kund*innen können in den Läden Menstruationsprodukte kaufen und in die Kisten als Spende einwerfen. Social Period organisiert die Abholung und verteilt den Inhalt an ihre Kooperationspartner*innen – den Verein Strassenfeger, die Caritas und den Sozialdienst Katholischer Frauen, die allesamt Anlaufstellen für obdachlose Frauen in Berlin betreiben. Eine Karte mit den aktuellen Standorten der Spendenboxen findet ihr hier.

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Auf der Box wird erklärt, wie’s funktioniert. Foto: © Gunda Windmüller

„Bis aus der Idee die Boxen wurden, hat es allerdings fast ein Jahr gedauert“, sagt Mothes, „Wir waren erst so begeistert und dachten think big, aber dann haben wir Monate mit dem Schreiben von Förderanträgen verbracht, die leider alle nicht erfolgreich waren. Wir haben beide Vollzeitjobs und kennen uns in dem Bereich auch überhaupt nicht aus, da mussten wir erstmal ganz viel netzwerken und uns Wissen aneignen.“

Ohne ihre Freund*innen hätten sie es nicht geschafft, sagt Mothes mehrmals. So hat ein Bekannter unentgeltlich die Boxen zusammengebaut, über eine Werbeagentur kam der Kontakt zu Edeka zustande. Alle Ausgaben haben die beiden erst einmal selbst getätigt, mittlerweile rufen sie zu Geldspenden über Startnext auf. Außerdem bahnten sich Gespräche mit einer großen Drogeriekette als weitere Kooperationspartnerin an.

Die beiden Frauen sind aber vor allem auch auf die Unterstützung von Freiwilligen angewiesen. Wenn sich jemand fände, der oder die einmal im Monat eine Spendenbox im Kiez abholen und zu einer der Anlaufstellen bringen könnte, würde das schon helfen.

Lieber Binden statt Cups

Und welche Produkte sind als Spende am sinnvollsten? „Wir werden immer nach der Nachhaltigkeit gefragt“, sagt Mothes. „Aber man muss wissen, dass es für obdachlose Frauen schwierig ist, sich irgendwo die Hände zu waschen, daher sind Binden einfach die praktischste Variante und eben keine Tampons oder Cups.“ Nachhaltigkeit sei etwas, was man sich erstmal leisten können müsse.

Im Alltag sehen wir zwar obdachlose Menschen, aber wir ignorieren sie meistens. Und die Menstruation sehen wir noch nicht mal und denken deswegen auch nicht darüber nach.

Undine Mothes, Gründerin von Social Period

Wir treffen Mothes und Dill im August auf einer Vernissage vom Verein und Kooperationspartner Strassenfeger, beide tragen an diesem Abend T-Shirts mit ihrem Logo, das zwei verschiedenfarbig rote Kreise zeigt. Zusammen mit dem Namen des Vereins Social Period – welcher mehrdeutig auch als „soziales Zeitalter“ gelesen werden kann – symbolisiert es das Anliegen der beiden 27-Jährigen: „Alle menstruierenden Menschen verbindet etwas, aber nicht jede*r menstruiert gleich“, sagt Mothes.

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Der Tisch von Social Period bei der Vernissage des Strassenfegers. Foto: © Gunda Windmüller

Die Menstruation sei außerdem noch immer ein stigmatisiertes Thema: „Im Alltag sehen wir zwar obdachlose Menschen, aber wir ignorieren sie meistens. Und die Menstruation sehen wir noch nicht mal und denken deswegen auch nicht darüber nach“, erklärt Mothes. Das wollen die zwei Freundinnen ändern. Auf der Vernissage läuft das schon ziemlich gut, schnell ist alles ausverkauft und die Box gefüllt. Doch idealerweise würden Einrichtungen für obdachlose Menschen selbst schon besser ausgestattet mit Menstruationsprodukten – ein Problem, das sich durch den Verteilungsschlüssel für die Einrichtungen ergibt. Die Einrichtungen bekommen zwar Gelder für Produkte der persönlichen Hygiene. Aber diese sind zu niedrig, um obdach- und wohnungslosen Menschen, die menstruieren, genügend Produkte ausgeben zu können.

Außerdem auf ze.tt: So vielfältig sind Hygieneprodukte weltweit