Wie dieses Hebammenkollektiv trans und queeren Menschen beim Elternwerden hilft

Ein Mann, der ein Kind gebiert, eine Familie, die aus drei Eltern besteht: Auch queere und trans Paare gründen Familien. Nicht alle Geburtshelfer*innen sind sensibel für ihre Bedürfnisse. Ein Interview

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Das Hebammenkollektiv Cocoon. Foto: © Cocoon

Das Thema Geburt ist mit vielen Unsicherheiten verbunden, für queer, trans und nicht-binäre Menschen ganz besonders. Die beiden Hebammen Imogen Raye Minton und Cato Warm haben deshalb gemeinsam mit zwei Kolleg*innen 2019 das queerfeministische Hebammenkollektiv Cocoon in Berlin gegründet. Sie begleiten Menschen vom Kinderwunsch über Schwangerschaft und Geburt bis hin zum Ende des ersten Lebensjahres des Kindes. Im Interview erzählen sie, wie sie arbeiten, vor welchen Herausforderungen queere und trans Personen bei der Familiengründung stehen und wieso sie ungern Wörter wie Muttermilch benutzen.

ze.tt: Cato Warm, ihr bezeichnet euch als queerfeministisches Hebammenkollektiv. Was heißt das?

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Cato Warm. Foto: © Cocoon

Cato Warm: Wie andere Hebammen in Praxisgemeinschaften auch sind wir alle freiberuflich tätig. Wir helfen uns gegenseitig aus, wenn wir mal krank sind oder müde nach einer Geburt. Was uns unterscheidet, ist unser Fokus auf queere Themen. Wir beschäftigen uns beispielsweise mit Communitybuildung für Menschen, die sich als queer oder trans verorten. Viele brauchen das Gefühl, Teil einer Community zu sein, da sie manchmal nicht mehr so viel Kontakt zu ihren Herkunftsfamilien haben. Außerdem tut es gut, sich im Prozess des Elternwerdens mit Leuten austauschen zu können, die in einer ähnlichen Situation sind.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein Kollektiv zu gründen und nicht einfach eine Praxis zusammen zu eröffnen?

Cato: Wir machen schon länger queere Geburtsvorbereitungskurse zusammen und haben gemerkt, dass manche Menschen, die im Geburtswesen tätig sind, mit trans Menschen deutliche Berührungsängste haben. Daraufhin haben Imogen, Leonie, Kjell und ich entschieden, ein eigenes Kollektiv zu gründen.

In einer Phase, in der ein Mensch sich sowieso verletzlich fühlt, ist es nicht schön, permanent als etwas ‚Ungewöhnliches‘ behandelt zu werden.

Imogen Raye Minton

Als Kollektiv leisten wir auch politische Arbeit, dafür bekommen wir kein Geld von den Krankenkassen. Viele reguläre Hebammenpraxen tun das nicht.

Mit welchen Ängsten oder Wünschen kommen die Menschen, die ihr betreut, zu euch?

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Imogen Raye Minton. Foto: © Cocoon

Imogen Raye Minton: Bei unseren queer, trans und nicht-binären Eltern merke ich vor allem, dass sie sich freuen, von Hebammen begleitet zu werden, die ein Bewusstsein für ihre Lebenserfahrungen haben – und diese möglicherweise teilen. In einer Phase, in der ein Mensch sich sowieso verletzlich fühlt, ist es nicht schön, permanent als etwas „Ungewöhnliches“ oder „Exotisches“ behandelt zu werden.

Im Wochenbett stellen sich viele Paare die Frage, wie Elternschaft abseits der heteronormativen Rollenaufteilung aussieht. Viele interessieren sich auch für sehr spezifische Sachen wie induzierte Laktation und Body/Chest Feeding.

Was heißt induzierte Laktation und Body/Chest Feeding?

Cato: Induzierte Laktation (Anm. d. Red.: das gezielte Hervorrufen der Milchbildung) kann jede Person machen, die Brustdrüsengewebe hat. Das ist unabhängig von Schwangerschaften. Man kann so versuchen, die Milchproduktion anzuregen. Somit können beispielsweise auch Männer stillen.

Imogen: Chest Feeding oder Body Feeding bedeutet auf Deutsch in etwa „Milch geben aus dem eigenen Körper“. Beides sind Begriffe, die von trans und nicht-binären Menschen, die sich nicht als weiblich identifizieren, in den letzten Jahren ausgesucht wurden, um den Prozess des Stillens besser zu beschreiben, ohne zum Beispiel so Wörter wie Brüste oder Muttermilch zu verwenden. Diese Wörter sind sehr beladen mit geschlechterspezifischen Zuschreibungen.

Fast alle Begriffe rund um Schwangerschaft und Geburt beziehen sich ja auf Frauen.

Imogen: Besonders im Deutschen: Muttermund, Muttermilch, Mutterkuchen. Auf Englisch ist es so viel leichter, weil viele Wörter einfach geschlechtsneutrales Latein sind.

Kannst du Beispiele nennen?

Cato: Wir benutzen tatsächlich oft lateinische Begriffe wie Uterus oder Cervix. Außerdem versuchen wir, Umschreibungen zu verwenden. Aber wir merken alle, dass das etwas Zeit braucht, weil in der Ausbildung andere Begriffe gelehrt werden. In den Geburtsvorbereitungsterminen fragen wir die Menschen auch immer, welche Wörter sie gerne benutzen wollen.

Imogen: Das ist auch Teil des Erstgesprächs: Welche Wörter sie gerne verwenden für ihren eigenen Körper, welche Wörter wir benutzen sollen. Das gehört für uns nicht nur zur Begleitung von trans oder nicht-binären Menschen dazu, sondern gilt für alle, die zu uns kommen. Gerade in der Geburtsvorbereitung ist es wichtig, individuell mit den Paaren umzugehen.

Cato: Wir fragen die Leute auch nach dem Pronomen, mit dem sie angesprochen werden, weil das nicht immer gleich ersichtlich ist. Also ob eine Person mit „sie“, „er“ oder anders angesprochen werden möchte.

Ihr bietet auch DIY-Insemination-Workshops, also Workshops zur Samenübertragung an. Was passiert da?

Cato: Uns ist wichtig, Leute zu empowern, dass sie auch selbst schwanger werden können und nicht primär auf Fertilitätszentren oder Ärzt*innen zurückgreifen müssen, nur weil ihnen eine der Zutaten fehlt: meist die Samenzellen. In Workshops oder Einzelberatungen erklären wir den Leuten, wie sie ihren Zyklus beobachten können, was sie tun können, um ihre Fruchtbarkeit zu erhöhen und wo man Samen herbekommen kann. Wir beschreiben auch, welche unterschiedlichen Methoden von Insemination es gibt, etwa mithilfe einer Menstruationstasse oder eines Katheters, und auch, wo man sich die Instrumente sterilisieren lassen kann. Wir besprechen mit ihnen die Vor- und Nachteile der Methoden.

Man kann sich Samen auch bestellen, ohne dass eine Klinik dahintersteht?

Cato: Ja, es gibt eine Samenbank in Dänemark, die auch nach Deutschland versendet. Da braucht es keine Kliniken. Es gibt hier medizinisches Fachpersonal. Bei denen meldet man sich zurück, wenn man durch den Samen schwanger geworden ist.

Fertilitätszentren richten sich an Leute, die körperliche Probleme mit dem Schwangerwerden haben. Seht ihr das kritisch?

Imogen: Ja. Die Krankenkasse beteiligt sich unter anderem nur zur Hälfte an den Kosten einer Fertilitätsbehandlung, wenn du ein hetero Paar bist, ein Mann und eine Frau. Das ist aus unserer Sicht der wichtigste Kritikpunkt: Die Kliniken werden nur bezahlt, wenn für die Befruchtung hinreichende Erfolgschancen bestehen. Deshalb wird häufig gleich auf hoch medizinische Interventionen, wie Hormonbehandlung oder IVF, also In-vitro-Fertilisation, zurückgegriffen.

Cis Menschen haben es oft nicht nur biologisch, aber auch rechtlich und finanziell deutlich leichter.

Imogen Raye Minton

Die medizinische Situation führt zu einem krassen Ungleichgewicht bei der Familiengründung. Cis Menschen haben es oft nicht nur biologisch, aber auch rechtlich und finanziell deutlich leichter. Eines unserer Ziele ist deshalb auch, dafür zu kämpfen, dass Hebammen in Deutschland Inseminationen bei Menschen zu Hause machen dürfen. In den USA, wo ich herkomme, geht das bereits. Dort können queere Menschen dann auch in einem vertrauten Umfeld, also beispielsweise im eigenen Schlafzimmer, schwanger werden, wenn sie von Hebammen bei einer intrauterinen Insemination begleitet werden wollen.

Wenn wir noch vor der Geburt bleiben: Vor welchen Herausforderungen stehen queere und trans Menschen noch, zum Beispiel in Bezug auf die Wahl der Krankenhäuser?

Cato: Natürlich müssen Krankenhäuser alle Personen aufnehmen, aber die Frage ist ja, womit eine Person dann dort konfrontiert ist. Ich habe den Eindruck, dass die Kliniken mittlerweile versuchen, so neutral wie möglich zu sein. Ein schwangerer trans Mann erzählte mir, die Hälfte des Personals hätte ihn bei der Geburt mit dem richtigen Pronomen „er“ angesprochen. Darüber war er schon sehr glücklich.

Imogen: Manche Kliniken haben nicht auf dem Schirm, wie diskriminierend ein Besuch bei ihnen sein kann. Sie geben sich ganz offen und freuen sich auf alle und haben gleichzeitig nicht besonders viel Interesse, sich darüber zu informieren, wie sie queere Menschen bei einer Geburt gut begleiten können.

Cato: Eine Hebamme aus Süddeutschland rief mich kürzlich an, weil sie zum ersten Mal einen trans Mann im Geburtsvorbereitungskurs sitzen hatte. Sie war total verunsichert und hatte Angst, in tausend Fettnäpfchen zu treten. Ich fand es richtig gut, dass sie versucht hat, an Informationen zu kommen. Da sie sicherlich nicht die Einzige ist, der es so geht, wollen wir nächstes Jahr auch eine Fortbildung für Hebammen aus ganz Deutschland anbieten. Letztlich braucht es mehr Bildung in dem Bereich.

Bedeutet das, ihr arbeitet gar nicht mit Kliniken zusammen?

Imogen: Wir sagen nicht, dass in Kliniken nur Diskriminierung zu erwarten ist. Es gibt auch Kliniken, mit denen wir sehr gern zusammenarbeiten. Aber uns ist es wichtig, dass wir sicher sein können, dass es dort keine überraschenden Begegnungen mit diskriminierenden Personen gibt. Das gibt den Gebärenden Sicherheit. Sie wissen, wer das Geburtsteam ist. Sie wissen, dass sie sich im Rahmen dieser Gruppe von Menschen fallen lassen können.

Manche Kliniken haben nicht auf dem Schirm, wie diskriminierend ein Besuch bei ihnen sein kann.

Imogen Raye Minton

Cato: Wir begleiten auch Leute, die in einer Klinik aus mehreren unterschiedlichen Gründen sehr wahrscheinlich diskriminierende Erfahrungen machen würden, etwa weil sie BIPoC sind oder weil sie auch noch zusätzlich trans sind. Das ist für uns ein Grund, Hausgeburtshilfe anzubieten. Wir arbeiten aber auch noch mit Doulas (Anm. d. Red.: nichtmedizinische*r Helfer*in, der*die einer gebärenden Person während und nach der Geburt emotional und körperlich zur Seite steht) zusammen, die in einem Notfall während der Hausgeburt als vertraute Person mit in die Klinik gehen können.

Zum Abschluss noch eine Frage zu dem Namen eures queerfeministischen Hebammenkollektivs: Warum „Cocoon“?

Imogen: Wir legen viel Wert auf eine autonome, selbstbestimmte Geburt und ein ebensolches Wochenbett. Wir sehen unsere Rolle darin, Personen zu begleiten, aber nicht darin, die Person zu „entbinden“. Der Kokon symbolisiert für uns den Schutzraum, den wir in diesem Prozess des Elternwerdens anbieten. Diese Transformation ist für uns alle einer der wichtigsten Gründe, warum wir Hebammen geworden sind. Wir finden Babys auch super (lacht), aber für uns ist der Schwerpunkt schon die Geburt für die Eltern. Wir wollen, dass Eltern, die eine krasse Grenzerfahrung erleben, sich nach der Geburt stark fühlen und empowered sind. Und sich bereit fühlen, Eltern zu sein. Diesen Effekt zu erzielen, das ist unser Traum für die Geburtshilfe.

Außerdem auf ze.tt: Out Now! #6 – „Ich werde meine Transsexualität niemals verbergen“

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