Wie drei Berlinerinnen die Modeindustrie nachhaltig verändern wollen

Als Fashion Changers setzen sich Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller für faire Mode ein. Im Interview erzählen sie, was das mit Feminismus, Diversität und Privilegien zu tun hat.

19_Fashion Changers_Autorinnenfoto (c) emilie elizabeth
Die Fashion Changers: Nina, Vreni und Jana (v. l. n. r.). Foto: © Emilie Elizabeth

Die Modebranche muss fairer, feministischer und diverser werden, finden Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller. 2017 gründeten sie deshalb Fashion Changers, eine Plattform, die nachhaltige Mode online und offline sichtbarer machen will. In ihrem Onlinemagazin verbinden sie Modeaktivismus mit Nachhaltigkeitsthemen und gesellschaftlichen Fragen, darüber hinaus veranstalten sie eigene Events, halten Vorträge und wollen Menschen zusammenbringen, die sich dafür genauso interessieren und stark machen wollen.

Gerade haben die drei ihr erstes Buch veröffentlicht, Fashion Changers – Wie wir mit fairer Mode die Welt verändern können, eine Art Fair-Fashion-Leitfaden. Wieso wir mehr über nachhaltigen Konsum sprechen müssen, warum faire Mode meist nur in Standardgrößen zu haben ist und was sich auf Seiten der Unternehmen dringend ändern müsste? Wir haben Nina und Jana zum Interview getroffen.

ze.tt: Nina und Jana, was genau hat Mode mit Feminismus zu tun?

Jana: Mode ist sowieso ein feministisches Thema. Es wird über Hidschabs, Miniröcke und sowieso immer über das Aussehen von Frauen diskutiert. Wenn wir aber noch dahinter gucken, also schauen, woher unsere Kleidung kommt, sind es auch zu 80 bis 85 Prozent Frauen, die sie im globalen Süden nähen. Nur circa ein Prozent der Textilarbeiter*innen ist gewerkschaftlich organisiert, viele werden ausgebeutet. Das heißt zum Beispiel bis zu 80 Überstunden in der Woche, Lohnkürzungen ohne Begründung, auch mal kein Lohn, Streikverbot, sexualisierte Gewalt.

Wie passt das dann zusammen, wenn ich ein Girlpower-T-Shirt anziehe und weiß, dass am anderen Ende der Welt eine Frau dieses T-Shirt genäht hat, die dafür ausgebeutet wird? Wie definiere ich dann Feminismus? Uns geht es darum, allen Frauen weltweit eine Stimme zu geben. Wir fordern Arbeitsrechte und Arbeitsschutz für die Menschen, die die Kleidung nähen. Das bedeutet es für uns, intersektionalen Feminismus zu leben.

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{Werbung} HOW TO BE A FASHION REBEL 🚩 In Zeiten der Klimakrise, ansteigendem Nationalismus und drängenden Fragen zu Gerechtigkeit fragen wir uns oft, was wir eigentlich mit dem vermeintlich oberflächlichen Thema der Mode bewirken wollen. Warum ist es wichtig, dass wir uns mit dem Konstrukt Kleidung beschäftigen? Wie können wir es nutzen, um große Themen, die uns im Alltag, aber eben auch beruflich bewegen, sichtbar zu machen? Und wie schaffen wir es, Mode als Vehikel für Empowerment, Teilhabe und Vielfalt zu nutzen? Gemeinsam mit @kokoworld.eu haben wir in einem Editorial diese Fragen ergründet. Herausgekommen ist ein bildstarkes Manifest für Veränderung, Solidarität und Aktivismus, das wir jetzt im Fashion Changers Magazin präsentieren. Seid ihr bereit für eine Moderebellion? Foto: @where_is_emilie #letschangethatfashiongame #fashionchangers #kokorebels #diversewithkoko #dressupdressright

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Was heißt das für Konsument*innen konkret?

Jana: Das ist die schwerste Frage: Was kann ich tun, worauf kann ich achten? Die Schwierigkeit ist, dass es kein Schwarz-Weiß gibt. Man kann nicht sagen: Du darfst jetzt nicht mehr da einkaufen, sondern nur noch da. Es gibt Siegel, die bezeugen, dass bestimmte Standards eingehalten wurden, aber am Ende ist es ein Mix aus verschiedenen Komponenten. Zum einen erstmal darüber nachzudenken, was für ein Privileg ich habe, dass es mir möglich ist, wöchentlich oder monatlich Kleidung zu kaufen. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich einiges gar nicht brauche, ist das ein erster Schritt.

Und dann, wenn ich der Meinung bin, dass ich etwas brauche, schauen: Wie konsumiere ich? Wir sind alle keine Freundinnen von fundamentalistischen Entscheidungen und glauben, dass jede*r ihre*seine eigene Geschwindigkeit hat. Ich würde niemanden verurteilen, der oder die doch ab und zu etwas bei Fast-Fashion-Ketten kauft. Wenn das in Reduktion passiert, ist schon total viel gewonnen. Ich glaube, für den Großteil der Gesellschaft ist ein Mix ideal und am einfachsten umsetzbar. Ich kann für mich entscheiden, nur noch Fair Fashion zu kaufen, aber das muss nicht zwangsläufig für alle gelten.

Nina: Was alle machen sollten: Bei Fast-Fashion-Unternehmen, bei denen man gerne einkaufen geht, Fragen stellen. Wir unterschätzen die Macht dieser Fragen.

Sich mit Kleidung auseinanderzusetzen ist ein sehr privilegiertes Thema, ich muss Zeit und Ressourcen dafür haben.

Nina

Wen genau soll ich fragen? Dem Unternehmen bei Facebook schreiben?

Nina: Ja, zum Beispiel. Social Media ist ein Weg, der für Viele der Beste ist. Ich habe es früher auch so gemacht, dass ich im Laden direkt die Verkäufer*innen gefragt habe, wie die Sachen hergestellt wurden. Dann fragen die ihre Kolleg*innen und niemand weiß es und sie recherchieren weiter.

Wir sollten aber nicht ins Fast-Fashion-Shaming reingehen, denn wir kennen die sozioökonomischen Hintergründe der Menschen nicht, die in Fast-Fashion-Läden einkaufen. Es ist ein Privileg, sich so mit Mode auseinanderzusetzen wie wir das tun. Aber Fragen stellen, das kann jede*r.

Jana: Was noch ein schöner Tipp ist: Es muss nicht nur um deine individuelle Konsumentscheidung gehen, du hast auch einen Wirkungskreis. Du kannst in deiner Familie eine Diskussion anstoßen, selbst wenn du nicht alles „richtig machst“. Oder bei der Arbeitsstelle, wenn sie Textilien bezieht – seien es Handtücher oder Merchandise-Shirts –, mal nachfragen: Woher kommen die Sachen? Können wir das nächste Mal Bio-Baumwolle kaufen? Das kann schon viel bewirken, weil die andere Person sich vielleicht noch keine Gedanken darüber gemacht hat. Selbst, wenn man nicht die finanziellen Mittel hat, faire Mode zu kaufen, gibt es Wege, das Thema anzustoßen.

Was haltet ihr davon, dass große Ketten wie H&M nachhaltige Kollektionen herausbringen?

Nina: Ich sage immer erstmal, dass es für die Awareness generell cool ist, weil sie ganz andere Menschen erreichen, als wir das mit unserer Arbeit tun. Aber dann muss sofort die Differenzierung einsetzen. Wir beschäftigen uns viel mit Greenwashing und was da die Indikatoren sind. Bei der Conscious Collection von H&M, Mango oder Vero Moda muss man sich fragen, inwiefern das eine additive Linie ist, also wie oft sie rauskommt. Diese Kollektionen lösen ja nicht die konventionellen Kollektionen ab. Es kommen immer noch bis zu 24 Kollektionen im Jahr raus, wovon nur sehr, sehr wenige Conscious Collections sind. Wir haben also einen zusätzlichen Ressourcenverbrauch, das Geschäftsmodell an sich hat sich nicht geändert.

Als Konsument*in kann man außerdem schauen: Was sind das für Siegel, die das Unternehmen verwendet? Gar keine oder unternehmenseigene? Letztere bedeuten gar nichts. Dann sollte man sich fragen, inwiefern es hier wirklich um Nachhaltigkeit oder nur assoziative Begriffe geht. Ist die Kleidung tatsächlich komplett aus Bio-Baumwolle oder ist sie nur mit 12 Prozent beigemischt? Was ist über die Produktionsbedingungen zu erfahren? Außerdem die Werbung: Oft wird sich im wahrsten Sinne des Wortes ein grüner Anstrich verpasst, gefühlige Wörter benutzt und damit geworben. Investiert das Unternehmen Geld in transparenzfördernde Maßnahmen? Engagiert es sich auch politisch? Unterstützt es ein Gesetz zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht?

Je leiser ein Unternehmen über Nachhaltigkeit spricht, desto ernster nimmt es sie.

Jana

Jana: Ein schönes Beispiel ist Adidas und der Schuh aus recyceltem Meeresmüll. Das Kampagnenbudget für das nachhaltige Produkt war höher als der Betrag, der in die Entwicklung des Produktes geflossen ist. Das ist nicht immer gleich sichtbar, aber gerade bei Riesenkampagnen – und von dem Schuh wurden eigentlich nur lächerlich wenige Exemplare produziert – sieht man, dass ein Unternehmen so ein Produkt nutzt, um sich einen grünen Anstrich zu verpassen. Nach außen wirkt das. Da sagen jetzt viele: Adidas ist doch okay, die haben recycelten Meeresmüll. Ich höre immer wieder, dass Adidas super nachhaltig sei.

Nina: Dabei dringt über Verfahrensprozesse nichts nach außen.

Jana: In einigen Fällen ist es sogar so: Je leiser ein Unternehmen über Nachhaltigkeit spricht, desto ernster nimmt es sie. Wir kennen Unternehmen, die bewusst gar nicht darüber sprechen, weil sie nicht in die Greenwashing-Ecke gestellt werden wollen. Die sagen: Wir machen das unter dem Radar. Wenn uns jemand fragt, können wir alles belegen, aber wir müssen das nicht an die große Glocke hängen.

Ein weiteres Thema, das euch beschäftigt, ist Diversität in der Mode.

Nina: Man sieht ja, dass wir selbst nicht besonders divers sind. Das schon mal vorweg. Sich mit Kleidung auseinanderzusetzen ist ein sehr privilegiertes Thema, ich muss Zeit und Ressourcen dafür haben. Menschen aus marginalisierten Gruppen haben diese Zeit und Ressourcen oft nicht, weil sie ganz andere Themen im Alltag beschäftigen. Das heißt einerseits, dass das Thema in vielen Communities nicht so präsent ist. Es heißt aber auch, dass es nicht präsenter werden kann, weil diese Leute nicht angesprochen werden.

Unternehmen denken, sie hätten das Geld nicht oder „wir wollen keine dicke Menschen“ oder, oder, oder. Es gibt viele Aspekte zu beachten. Für unser Buch haben wir mit unserer Coverlady, der Designerin Buki Akomolafe, sehr ausführlich darüber gesprochen. Sie hat in der Schwarzen Community gemerkt, dass die Labels eher Rassismus und Sozialkritik beschäftigen, was ja total verständlich ist. Aber dadurch fallen Themen wie Nachhaltigkeit oder Klimaschutz hintenüber.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass vor allem in der Kommunikation von fairer Mode – im Gegensatz zur konventionellen Mode, wo es in den vergangenen Jahren schon etwas Bewegung gab – ein Typ Mensch vorrangig gezeigt wird: die weiße, privilegierte Frau. Ganz allmählich kommen die Labels auf die Idee, mal andere Typen zu zeigen. Aber bei Größenvielfalt sagen die Modemarken oft, dass sie sich das nicht leisten könnten. Dabei gibt es durchaus Labels, denen das von Anfang wichtig ist, und sei es nur Größe 34 bis 44. Menschen, die ein Label starten, machen oft erstmal Mode für sich selbst. Und wer kann sich das leisten? Das sind wieder die Privilegierten. Da schließt sich der Kreis.

Gefühlt ging die Entwicklung von Fashion Changers recht schnell. Vor etwa einem Jahr ist euer Magazin online gegangen, jetzt habt ihr schon ein Buch veröffentlicht. Wart ihr auch ein bisschen „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“?

Nina: Also ich bin schon sehr lange an diesem Ort (lacht). Ich bin schon seit acht Jahren in der nachhaltigen Branche. Ich habe das Gefühl, wir haben uns das richtig krass erarbeitet. Klar, es gibt immer Zufälle und man kann sagen, die Klimabewegung hilft auch der nachhaltigen Modebranche, aber letztlich haben wir das Thema vorangetrieben.

Jana: Für uns hat sich das selbst überschlagen. Aber ja, gerade seit 2019 ist eine sehr viel haltungsstärkere Gesellschaft da und solche Themen bekommen mehr Raum.

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BOOK DAY 💥 Ab heute ist unser Buch FASHION CHANGERS. WIE WIR MIT FAIRER MODE DIE WELT VERÄNDERN KÖNNEN im Handel erhältlich – erschienen im @knesebeck_verlag mit wunderschönen Fotografien von @lena_scherer_photo ❤️ Dieses Buch erzählt davon, wieviel Potenzial in Mode steckt und wie wir Kleidung als Vehikel nutzen können, um Menschen zu empowern, klimaschädliche Wirtschaftsstrukturen hinter uns zu lassen und groß gedachte Veränderung zu bewirken. Es mag wie eine Utopie klingen, doch wir glauben sehr stark an diese kraftvolle Veränderung. Wir freuen uns über euren Support, indem ihr von dem Buch erzählt, es kauft, in euren örtlichen Buchhandlungen und Bibliotheken danach fragt und uns vielleicht sogar eine Bewertung hinterlasst (ihr wisst schon wo 😅). Danke, dass ihr mit uns die Modeindustrie verändert. Gemeinsam packen wir noch eine ganze Menge. ❤️ #letschangethatfashiongame #fashionchangers #fashionchangersbuch

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Ihr seht auf euren Fotos super stylisch aus, wie kauft ihr selbst ein?

Jana: Als ich angefangen habe, mich mit fairer Mode zu beschäftigen, habe ich erstmal gesagt, ich kaufe gar nichts mehr. Ich war total überfordert von all diesem Wissen. Es gab eine Zeit, da hatte ich immer nur schwarze Hose, schwarzen Pulli an, weil das eben verfügbar war. Bei mir ist es jetzt ein Mix aus fairen Klamotten, ein bisschen Kleidung von Freundinnen – was vor allem für Events praktisch ist – und Secondhand. Secondhand tatsächlich auch, weil ich mit meiner Größe 42 bei Fair Fashion an Grenzen stoße. Oft geht es nur bis 38 oder steht mir einfach nicht, weil es auf eine 36 ausgelegt ist.

Nina: Bei mir ist es ähnlich. Ich kaufe sehr wenig ein, höchstens zehn Kleidungsstück im Jahr, Schuhe mitgerechnet. Davon ist die Hälfte auch Secondhand, der Rest fair. Als ich aufgehört habe, Fast Fashion zu kaufen, hat das so 40 Tage gedauert bis ich gar keinen Bock mehr darauf hatte. Dann waren das keine schönen Kleider mehr, sondern nur billig produzierte Ware, die nicht zu dem passt, wer ich sein möchte. Und du gewinnst neue Sachen dadurch: Zeit, Geld, neue Gedanken. Shoppen ist kein Hobby. Es gibt ja diesen schrecklichen Spruch: „Shopping is my cardio“; da denke ich: Dann geh doch einfach zum Sport.

Welche Pläne habt ihr noch für dieses Jahr?

Jana: Wir haben im vergangenen Jahr die #fairbylaw-Petition von Lisa Jaspers, der Gründerin von Folkdays, unterstützt, die mittlerweile über 150.000 Unterschriften hat. Die Petition fordert eine unternehmerische Sorgfaltspflicht, also Transparenz entlang der Lieferketten. Deutsche Unternehmen könnten so für Menschenrechtsverletzungen in ihren eigenen Lieferketten verantwortlich gemacht werden. 2019 waren wir dafür viel auf der Straße, aber dieses Jahr wollen wir mehr Lobbyarbeit machen, all unsere politische Kraft nutzen, damit das noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt wird.

Nina: Damit haben wir uns auch etwas weg bewegt von „Dein Kassenzettel ist dein Stimmzettel“, und stattdessen den Fokus auf die Unternehmen gelenkt.

Jana: Wir wollen weg von Primark-Shaming. Wir wollen eher, dass die Kund*innen wissen: Dieses Teil wurde fair produziert. Wir würden uns wünschen, dass die nachhaltige Branche das mehr pusht. Denn konventionelle Mode ist demokratisch. Wir wollen, dass Konsument*innen davor geschützt werden, dass sie menschenrechtsschwierige Artikel kaufen müssen.

Nina: Das gilt nicht nur für die Modebranche, sondern für alle Unternehmen von Konsumgüterbranchen, die ihren Sitz in Deutschland haben.

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