Wie du damit umgehen kannst, wenn du weißt, dass jemand fremdgeht

Was tun, wenn jemand aus deinem Bekanntenkreis fremdgeht – und du es weißt? Hier kommt ein wenig Hilfe bei einem echten Dilemma.

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"Wirst du es ihm irgendwann sagen, dass du fremdgehst?" Foto: Ehimatalor Unuabona / Unsplash | CC0

„Als ich das erste Mal in so einer Situation war, hatte meine beste Freundin eine Affäre mit einem Kollegen. Wir waren in unseren 20ern und ich wohnte in den Semesterferien bei ihr, weil ich in ihrer Stadt jobbte. Sie hat mich da mit reingezogen und ich habe für sie gelogen. Das war scheiße, weil ich mich damit mies gefühlt habe und sie mich nicht nur zur Mitwisserin, sondern auch zur Unterstützerin machte“, das schreibt mir eine Bekannte, die anonym bleiben möchte, als ich auf Social Media nach dem Thema Fremdgehen frage.

Ich selbst kenne ähnliche Situationen, aus verschiedenen Perspektiven. Es ist ungefähr so erfreulich wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Das Ganze mündet in einer komplizierten Gewissensfrage: Wenn du weißt – nicht nur gerüchtehalber gehört hast, sondern wirklich aus erster Hand weißt – dass ein*e Freund*in, Bekannte*r oder Kolleg*in seine*n Partner*in betrügt – was zum Teufel machst du dann? Einerseits willst du dich nicht in die Beziehung einmischen und niemanden in die Pfanne hauen, andererseits jedoch fühlst du dich unter Umständen ziemlich schlecht, wenn du (unfreiwillig) ein solches Geheimnis hütest. Puh.

Ansprechen oder schweigen?

Die allererste Frage lautet: Sind die beiden in einer monogamen Beziehung oder leben sie möglicherweise ein anderes Modell? Davon hängt ab, ob das, was du als Fremdgehen einsortierst, auch tatsächlich von den Beteiligten so gesehen wird.

Falls es sich in der Tat um eine monogame Beziehung handelt, schließt sich die nächste logische Frage an: Ansprechen ja oder nein? „Das sollte man nur dann, wenn man sich zu hundert Prozent sicher ist“, sagt die Beziehungsexpertin und Buchautorin Elena Sohn. „Ungeprüfte Vermutungen oder Gerüchte in den Raum zu stellen, kann für verheerenden, überflüssigen Schaden sorgen.“

Zu berücksichtigen ist auch ein weiterer Aspekt: Welche Motivation steckt hinter deinem Bedürfnis, das Fremdgehen zu thematisieren? „Wenn es dabei nur um den persönlichen Gerechtigkeitssinn geht, ist das kein Argument. Entscheidend ist die Frage: Kann ich der Person, der ich reinen Wein einschenken möchte, damit überhaupt etwas Gutes tun – bewahre ich sie also vor Schaden? Oder mache ich vielleicht eher etwas kaputt, was gar nicht kaputt gehen müsste?“, sagt Elena Sohn.

Hier gilt es sorgfältig abzuwägen. Denn, so die Beziehungexpertin: „Eine Affäre muss nicht immer eine Gefahr für die Beziehung darstellen.“

Außerdem ist es laut Elena Sohn wichtig, dir bewusst zu machen, wie gut du die betroffene Person kennst: „Je besser, desto eher lässt sich einschätzen, ob sie es wissen wollen würde.“ Manchmal kann es tatsächlich sinnvoller sein, zu schweigen.

So gehst du am besten vor, wenn jemand fremdgeht

Du hast lange mit dir gerungen und dich also fürs Ansprechen entschieden? Okay, dann kommt jetzt die Frage nach dem Wie. Oder vielmehr: Wen zuerst?

Das hängt unter anderem davon ab, wie nahe du beiden Beteiligten stehst. Falls du den*diejenige*n, der*die fremdgeht, ähnlich gut wie den*die Betrogenen kennst, solltest du dich laut Elena Sohn zuerst an ihn*sie wenden: „Und zwar ohne Pistole auf die Brust à la ‚Wenn du es nicht sagst, mache ich es‘, sondern eher im Sinne von ‚Ich habe das herausgefunden und weiß nicht, wie ich jetzt damit umgehen soll‘.“

So hat der*die Fremdgehende die Chance, die Angelegenheit selbst zu regeln und reinen Tisch zu machen.

Doch das ist leider nicht für alle der Weg der Wahl, nicht selten gibt es eine Abwehrreaktion. „Erst dann würde ich die betrogene Person ansprechen“, sagt Elena Sohn. „Womit jedoch immer zu rechnen ist: Dass man dabei selbst zum Ziel des Zorns wird.“ Und das kann wirklich, wirklich ätzend und anstrengend sein.

Schweigen ist auch okay

Doch auch, falls du dich zum Schweigen entscheiden solltest, ist das in Ordnung. Vor allem dann, wenn du die Beziehung nicht genug einschätzen kannst. „Dann braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben“, sagt Beziehungsexpertin Elena Sohn. „Man handelt ja nicht so, weil man loyal dem Betrügenden gegenüber ist, sondern weil man sich nicht anmaßt, darüber zu urteilen, was für andere Menschen gut oder schlecht ist. Und das ist vollkommen okay.“

Eine ähnliche Lösung hat auch meine Bekannte für sich gefunden, wie sie weiter schreibt: „Aktuell hat dieselbe Freundin, inzwischen seit Jahren verheiratet, eine Affäre mit ihrem Nachbarn. Ich sage ihr deutlich, dass sie mit ihrem Mann sprechen soll, da sie in beide verliebt ist und dass sie ja über die Möglichkeit einer offenen Beziehung sprechen können. Das will sie nicht und sie weiß zwar, dass Lügen moralisch daneben ist, ändert aber nichts. Daher grenze ich mich ein wenig ab. Ich würde nicht für sie lügen, daher besuche ich sie im Moment nicht, weil ihr Mann ohnehin ein wenig Verdacht schöpft und ich mich da nicht instrumentalisieren lassen will. Schwierige Frage ist halt die Loyalität. Beide sind meine Freunde, beiden fühle ich mich verpflichtet, aber es ist ihre Ehe. Not my call.“

Denn unterm Strich ist eine Sache sehr entscheidend: Der*diejenige, der*die fremdgeht, bist nicht du.

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