Wie du deine Interessen im Job durchsetzt, ohne deine Kolleg*innen zu verärgern

Schön, wenn sich alle gut verstehen, aber muss es im Job nicht manchmal knallen, damit man weiterkommt? So gelingt der komplizierte Spagat.

Bring dein Anliegen so rüber, wie du dich für einen guten ersten Eindruck präsentieren würdest. Quelle: Pexels | CC0

Die eigene Harmoniebedürftigkeit ist zwar eine feine Sache, aber führt eben auch dazu, dass man auf keinen Fall riskieren will, einen Streit vom Zaun zu brechen oder dass jemand was in den falschen Hals bekommt. Wir wollen doch alle nett zueinander sein! Bitte!

Psycholog*innen nennen diesen Charakterzug Verträglichkeit: Je verträglicher du bist, desto höher ist das Risiko, dass du nicht genug für deine eigenen Interessen einstehst, um den Frieden nicht zu gefährden, und um schlechte Vibes im Team zu vermeiden.

Für Leute mit einer großen Sehnsucht nach Harmonie ist es beispielsweise schon schwer, jemanden aus dem Team etwas zu fragen, oder um etwas zu bitten, denn das Risiko ist jedes Mal die Antwort Nein, und damit einhergehend ist da die Angst, jemanden zu verärgern, die Angst vor einer Absage, vor einer negativen Antwort. Also fragen viele erst gar nicht, um sich eine Niederlage zu ersparen.

Das Dumme ist nur: So kommen wir im Berufsleben womöglich nicht weit, wenn es darum geht, bei Kolleg*innen das durchzusetzen, was uns selbst wichtig ist.

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Wie harmoniesüchtig bist du?

Eine 2012 im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass Männer, die besonders verträglich sind, weniger verdienen würden als weniger verträgliche Männer – der Unterschied betrug bis zu 10.000 Dollar im Jahr (in der Studie ging es nur um Männer, insofern hier keine Daten zu verträglichen und unverträglichen Frauen). Verträglich wurde so definiert: Wie wichtig ist es jemandem, gut mit anderen auszukommen? Und: In welchem Ausmaß ist jemand dazu bereit, anderen gegenüber kritisch zu sein?

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Schöner wär’s, wenn’s anders wäre, aber es erscheint leider auch logisch, dass es besonders verträglichen Vorgesetzten seltener gelingt, für ihr Team alle notwendigen Ressourcen einzufahren und alles aus den Mitarbeiter*innen herauszuholen.

Bei The Muse haben wir eine spannende Auflistung gefunden, was jede*r tun kann, um die eigenen Ziele besser durchzusetzen, auch wenn diese Durchsetzungsstärke nicht unbedingt im eigenen Charakter angelegt ist:

1. Nicht um den heißen Brei herumreden

Leute, die besonders auf Harmonie bedacht sind, neigen dazu, ihre Fragen (und Antworten) durch relativierende Phrasen und Füllwörter zu verwässern. Hast du also ein Projekt beendet und wirst gefragt, ob du fertig bist, dann antworte idealerweise: „Ja, fertig!“ und nicht „Joa, sozusagen fertig“. Bei Fragen gilt das genauso: Möchtest du jemanden um etwas bitten, dann fange nicht an mit „Also, ich hatte mich gefragt, ob es womöglich möglich wäre, dass …“, sondern: „Könntest du bitte …?“

Schon klar, du stellst die Frage so umständlich, weil du glaubst, das käme höflicher und netter rüber, und dein Gegenüber würde eher zustimmen, wenn du nicht zu fordernd klingst. In Wirklichkeit aber entsteht der Eindruck, dass dein Anliegen nicht wirklich wichtig ist, und dass du womöglich selbst gar nicht davon überzeugt bist, dass es wirklich wichtig ist.

2. Bring dein Anliegen so rüber, wie du dich für einen guten ersten Eindruck präsentieren würdest

Nicht nur der Inhalt deines Anliegens (Worum geht es? Was will jemand konkret von mir?), sondern auch die Art und Weise, wie es vorgebracht wird, beeinflusst die Reaktion des*r Angesprochenen. Deshalb solltest du so auftreten, wie du es auch versuchst, um einen guten ersten Eindruck zu machen: nicht verdruckst, sondern selbstbewusst, aufrecht, mit kräftigem Handschlag und ohne zu nuscheln.

Das lässt sich auch auf die Situation übertragen, in der du Leute um etwas bittest, die du womöglich schon länger kennst und mit denen du täglich zusammenarbeitest. Wer besonders harmonieliebend ist, würde vielleicht lieber einen salopperen Weg wählen, aber wer will, dass das Anliegen ernst genommen wird, der sollte es auch seriös vorbringen. Und genauso wichtig ist es, auch deine Erwartungshaltung rüberzubringen, dass dein Anliegen ernst genommen wird, denn das erhöht die Wahrscheinlichkeit enorm, dass es tatsächlich so ist.

3. Eine Begründung mitliefern

Sollte eigentlich selbstverständlich sein, wird aber trotzdem ständig vergessen: Liefere einen guten Grund für dein Anliegen. Das muss wirklich kein ausufernder Vortrag sein, einfach kurz und knackig erwähnen, warum dein Anliegen wichtig ist. Dein Gegenüber sollte nicht nur verstehen, was du willst, sondern warum du es willst.

[Außerdem auf ze.tt: Sie schreibt die Bewerbung – andere kriegen den Job]

Argumentierst du kurz und bündig, macht das eher den Eindruck, als hättest du dein Anliegen wirklich gut durchdacht und es hätte Hand und Fuß, als wenn du lang und breit zu umständlichen Ausführungen ansetzt, warum dieses oder jenes total wichtig ist.

4. Fragen ist nichts Schlimmes!

Vergiss nie: Im Arbeitsleben ist es völlig normal und tägliches Geschäft, nach Dingen zu fragen und andersrum, Anfragen zu bekommen und diese zu bearbeiten. Es gehört zum Tagesgeschäft von Vorgesetzten, die Anliegen ihrer Mitarbeiter*innen entgegenzunehmen und zu entscheiden, wie Ressourcen verteilt werden. Jede*r Vorgesetzte will diese Entscheidungen so treffen, dass sie das Beste für das Unternehmen herausholen; man sollte also keine abschlägige Antwort persönlich nehmen.

Und vielleicht hilft es dir ja, dir bewusst zu machen: Deine Vorgesetzten haben kein Problem damit, ihre Anliegen an dich heranzutragen; andersrum solltest du also auch keines haben müssen.


von Lisa Seelig auf EDITION F

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