Wie du dich in einer festen Beziehung nicht langweilst

Immer der gleiche Mensch neben dir auf der Couch, inzwischen kennt ihr euch auswendig. Das ist oft der Punkt, an dem es in der Beziehung zu kriseln beginnt. Doch das muss nicht sein.

Nicht immer auf der Couch rummuckeln!

Nicht immer auf der Couch rummuckeln! Foto: Addictive Stock/Photocase

In jeder Beziehung kommt irgendwann die Zeit, in der Netflix & Chill eben tatsächlich nur noch das ist: zusammen Fernsehen gucken. Vielleicht mal was kochen, gelegentlich standardisierter Koitus. Und Abwechslung ist, danach beim Einschlafen mal das große und mal das kleine Löffelchen zu sein. Alles schön gemütlich. Aber auch alles schön?

Dass der Funkenflug im Laufe der Beziehung langsam flacher wird und sich die Schmetterlinge im Bauch in gemächliche Motten verwandeln, ist ganz natürlich und hat unter anderem neurochemische Gründe. Wer frisch verknallt ist, bei dem schiebt das Euphorie- und Belohnungszentrum im Gehirn 24-Stunden-Schichten; später übernimmt nach und nach das Bindungshormon Oxytocin.

Alles ganz normal. Laut Statistik verleiht ein knappes Drittel der Menschen in einer Beziehung der Partnerschaft das Prädikat: Joa, ist in Ordnung, aber ich könnte glücklicher sein. Und Wissenschaftler*innen fanden in einer Studie heraus, dass das sexuelle Interesse nach rund zwölf Monaten deutlich abnimmt.

Normal, aber nicht gut

Doch laut einer anderen Erhebung ist „wir haben uns auseinander gelebt“ der Haupttrennungsgrund: Gut 37 Prozent der Befragten haben deswegen schon mal eine Beziehung beendet. Es mag also alles ganz normal sein – deshalb ist es jedoch noch lange nicht gut.

Gelebte Routine kann zum Todfeind der Liebe werden. Obschon Stabilität, Verlässlichkeit und Geborgenheit grundsätzlich etwas sehr Wunderbares sind, ist es ein bisschen so wie mit dem Essen: Jeden Tag Käsebrot wird auf Dauer öde, selbst wenn Käsebrot für alle Zeiten unangefochtenes Lieblingsessen bleibt. Tja, und nun?

Nicht durch unerforschte Betten tigern

Ob, wann und wie sehr du dich in deiner langen Beziehung langweilst, hängt maßgeblich von deinem Charakter ab. „Es ist eine Typ-Frage, ob man Routine als beengend oder geborgen empfindet. Am besten ist sicher, eine Mischung aus Routine und Abwechslung zu leben“, sagt auch die Beziehungsexpertin und Buchautorin Elena Sohn.

Manche Menschen sind so genannte Thrillseeker und brauchen einfach aufgrund ihres Naturells öfter mal was Neues. Das heißt allerdings nicht zwangsläufig, durch unerforschte Betten tigern zu müssen. Wenn du dich für eine monogame Beziehungsform entschieden hast, kannst du auch innerhalb der Partnerschaft für den Rückflug der Schmetterlinge sorgen. Zumindest gelegentlich.

Budapester Beinschere hilft bloß bedingt

Sex-Tipps können manchmal so hilflos und konstruiert wirken wie: „Hey, habt ihr schon mal die Budapester Beinschere probiert?“ Und sie scheinen so verlockend, weil relativ einfach umsetzbar. Nicht groß quatschen, einfach Peitsche und Plüschhandschellen besorgen und schon ist alles wieder in Butter? Hm, ja, aber nee.

Ein eingeschlafenes Sexleben ist eine komplexe Angelegenheit, die sehr unterschiedliche Ursachen haben kann, von denen merkwürdigerweise die wenigsten direkt mit Sex zu tun haben. Stress und Druck zum Beispiel, Kummer, Ängste, unausgesprochene Wünsche. Wirklich offen und aufrichtig miteinander reden ist zwar anstrengender als auspeitschen, hilft jedoch erfahrungsgemäß nachhaltiger. Außerdem, das nur mal am Rande, ist guter Sex zwar wichtig für, aber noch lange nicht gleichbedeutend mit einer guten Partnerschaft.

Trotzdem lohnt sich der Blick in die Kiste: Fahrt ihr aus purer Gemütlichkeit nur noch das Socken-an-Standardprogramm? Wenn du deine*n Sexpartner*in einschließlich seiner*ihrer Vorlieben sehr gut kennst, ist es selbstverständlich logisch, auf kürzestem und effizientestem Weg zum Ziel kommen zu wollen. Dann könnte vielleicht die Budapester Beinschere ein Anfang sein. Das Miteinanderreden jedoch keinesfalls auslassen!

Ziele, Hobbys, Ausflüge

Auch abseits von Sex gibt es einige Dinge, die eine lange Beziehung beleben und die potenziell gefährliche Routine durchbrechen können. Das fängt bei recht winzigen Veränderungen im Alltag an, beispielsweise mit einer Date-Night, einem Tagesausflug oder einem Wochenendtrip. Anders gesagt: Runter vom Sofa, macht mal wieder was.

Auch ein gemeinsames Ziel oder Ideal leidenschaftlich zu verfolgen, belebt mitunter eine lange Beziehung. Das kann von zusammen abnehmen und Sport machen über ein neues Hobby wie Kitesurfen bis hin zum gemeinsamen Engagement für Klimaschutz oder Menschenrechte gehen.

Wichtig dabei ist allerdings, dass ihr euch nicht ausschließlich auf das Neue stürzt und euch so ablenkenderweise mit allem anderen außer der Beziehung beschäftigt, sondern euch abseits des Engagements und Hobbys ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit füreinander nehmt.

Get a life – außerhalb der Beziehung

Getrennt voneinander neue Impulse suchen kann ebenfalls super funktionieren. „Häufig liegt Langeweile in der Partnerschaft daran, dass beide ihre eigenen Interessen zugunsten der Beziehung vernachlässigen“, sagt Expertin Elena Sohn, „dann meint man, es sei wichtiger, das Wochenende zusammen zu verbringen, anstatt auch mal etwas getrennt voneinander zu unternehmen. Dabei ist das ganz wichtig, um für neuen Input zu sorgen.“

Genau der macht nämlich wieder neugierig auf den*die Partner*in. Und ihr könnt das Erlebte dann angeregt miteinander teilen, anstatt nur muckelig nebeneinanderher zu netflixen. Denn wenn ihr dauernd so nah aneinander klebt, dass nicht mal eine Fernbedienung dazwischen passt – woher soll dann die Anziehung kommen? Die braucht nun mal einen gewissen Abstand.

Laut Elena Sohn sei es deshalb entscheidend, sich eine Existenz außerhalb der Beziehung zu bewahren und sich auch gegenseitig darin zu unterstützen: „Beide sollten die Freiräume haben, auch ein eigenes Leben weiterzuführen. Und – gerade in sexueller Hinsicht – den Mut aufbringen, über ihre persönlichen Wünsche offen zu reden.“

Du bist selbst für dein Glück verantwortlich

All das heißt selbstverständlich nicht, dass das gemeinsame Muckeln auf der Couch pures Teufelswerk ist. Im Gegenteil: Nur mit einem Menschen, bei dem du dich wahrhaftig geborgen fühlst, kannst du richtig zur Ruhe kommen und vollkommen du selbst sein, und das ist wundervoll. Es kann allerdings auf Dauer auch gefährlich werden – dann, wenn nicht mehr viel anderes in der Beziehung geschieht.

Wichtig ist, ein Stück Eigenständigkeit innerhalb einer langen Beziehung zu bewahren und laut Elena Sohn einen neugierigen, liebevollen Blick auf den*die Partner*in zu behalten: „Den haben vor allem die Menschen, die auch allein glücklich sein könnten. Weil sie frei von großen Erwartungen und Ansprüchen sind. Man kann also darauf achten, sich bewusst zu machen, dass man persönlich für sein Glück verantwortlich ist – und nicht der andere. Dann kommt der Rest von allein.“