Wie du es schaffst, dass dir Vorgesetzte keine WhatsApp im Urlaub schreiben

Frei ist frei – oder? Was du tun kannst, wenn du von der Arbeit immer wieder Mails und WhatsApps im Urlaub bekommst.

Nein, du musst nicht im Urlaub auf Nachrichten von Vorgesetzten antworten! Foto: Unsplash | CC0

Stellen wir uns eine*n Arbeitnehmer*in vor, der*die nicht nur einen arg anstrengenden Job hat, sondern auch eine kräftezehrende Lebensphase durchmacht und dringend Erholung braucht. Er*sie nimmt zwei Wochen Urlaub und verbringt ihn zu Hause auf der Couch.

Doch der*die Vorgesetzte besteht darauf, dass der*die Angestellte erreichbar ist und über WhatsApp im Urlaub auf dem Laufenden bleibt. Auch Kolleg*innen schicken immer wieder Nachrichten mit Job-Content. Folge: von Erholung keine Spur, abschalten so gut wie unmöglich.

Keine Frage, dass das minimal bis maximal nervig ist. Aber ist das eigentlich rechtens? Und vor allem: Wie erklärst du deinen Vorgesetzten und Kolleg*innen, dass du verdammt noch mal deine Ruhe willst – ohne, dass sie sauer werden?

Was ist eigentlich der Sinn von Urlaub?

Um die Perspektive kurz gerade zu rücken: Urlaub ist nicht einfach bloße physische Abwesenheit vom Arbeitsort, er dient der Erholung. Abschalten, runterkommen, wieder aufladen. Aber da ist noch mehr.

„Urlaub dient nach dem Willen des Gesetzgebers nicht nur der Erholung. Dann könnten Vorgesetzte ja sagen: ,Na komm, die zwei Nachrichten pro Tag werden die Erholung doch nicht gefährden'“, erklärt der Arbeitsrechtexperte Michael Felser. „Der Anspruch auf Erholungsurlaub ist nicht allein darauf angelegt, erschöpfte Arbeitskraft zu regenerieren – sondern auch darauf, dem oder der Begünstigten eine Sphäre der Selbstbestimmung in persönlicher Freiheit zu ermöglichen – also frei von jeglicher Fremdbestimmung durch Vorgesetzte.“

Das erlebst du ja schließlich im Job-Alltag schon genug und kannst dich dem*der Weisungsbefugten nicht entziehen.

Berufliche Nachrichten auf WhatsApp im Urlaub zu bekommen, beeinträchtigt sowohl deine Erholung – weil du eben ständig an die Arbeit erinnert wirst und dich gedanklich mit entsprechenden Themen und Problemen befasst – als auch deine Selbstbestimmung.

Grenzen setzen ist wichtig und okay – auch im Job

Deshalb ist es entscheidend, dass du auch im Job deutliche Grenzen ziehst. Dazu gehört, klar zu kommunizieren, dass es auf WhatsApps im Urlaub, Mails oder ähnliches keine Antwort geben wird.

Das ist übrigens absolut legitim, wie Arbeitsrechtexperte Michael Felser klarstellt: „Vorgesetzte haben im Urlaub nichts, aber auch gar nichts zu bestimmen. Angestellte müssen weder den Laptop, noch das Smartphone mitnehmen oder die Urlaubsadresse hinterlassen. Sie können einfach abtauchen.“

Du darfst also dienstliche Mails und Nachrichten auf WhatsApp im Urlaub geflissentlich ignorieren. Und zwar ohne arbeitsrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. „Im Gegenteil könnten sogar Angestellte den Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin abmahnen, wenn sie im Urlaub belästigt werden, weil der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin damit gegen Rechte der Arbeitnehmenden verstößt“, sagt Michael Felser.

Nun sind jedoch arbeitsrechtliche Konsequenzen das Eine; angespannte Stimmung und Konflikte mit Vorgesetzten allerdings das ebenfalls sehr unschöne Andere. Doch dafür gibt es Lösungsmöglichkeiten.

WhatsApp im Urlaub – eine Sache der Absprache

„Konflikte treten häufig dann auf, wenn nicht kommuniziert wird“, sagt Professorin Laura Venz, Expertin für Arbeit- und Organisationspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. So kommen leicht unausgesprochene, nicht übereinstimmende Erwartungen und damit Missverständnisse ins Spiel. „Häufig hat man in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht – ,Jetzt hat mir meine Chefin schon wieder im Urlaub geschrieben‘ – und nicht darüber gesprochen“, sagt Professorin Venz.

Dann kann es passieren, dass Mitarbeiter*innen annehmen, der*die Chef*in erwarte, dass Mails gecheckt und Nachrichten auf WhatsApp im Urlaub gelesen werden – obwohl das gar nicht der Fall ist. Umgekehrt kann ein*e Vorgesetzte*r eine Antwort aus dem Urlaub als „Oh, da möchte jemand auf dem Laufenden gehalten werden“ interpretieren, obwohl auch das eigentlich nicht zutrifft.

Es gebe natürlich hier und da auch kontrollsüchtige Vorgesetzte; das sei jedoch eher die Ausnahme, meint Professorin Laura Venz: „Viele reflektieren das wahrscheinlich gar nicht. Tatsächlich sind Führungskräfte selbst häufig auch im Urlaub erreichbar und verlangen das dann möglicherweise auch von ihren Mitarbeiter*innen, ohne weiter darüber nachzudenken.“

So geht das, ohne desinteressiert zu wirken

Das Wichtigste: klare, verbindliche Ansagen. Einschließlich der Anforderungen an und Auflagen für Führungskräfte bezüglich dessen, was sie von ihrem Team erwarten dürfen und was nicht. „Absprachen im Unternehmen sind das A und O. Idealerweise gibt es klare Regeln im Team, die generell für alle gelten“, so die Expertin. „Mit der Führungskraft lassen sich Absprachen aber auch individuell treffen.“

Das könne beispielsweise dann der Fall sein, wenn ein*e Mitarbeiter*in gern von sich aus auf dem Laufenden gehalten werden möchte, weil es um ein Herzensprojekt geht. Oder der*die Angestellte hat eingewilligt, im Notfall Mails oder Nachrichten auf WhatsApp im Urlaub zu lesen. Dann sollten die entsprechenden Vorgesetzten oder Kolleg*innen aber auch darauf Rücksicht nehmen und nicht mit Kleinkram nerven.

Hilfreich sei laut Laura Venz zudem, klare Grenzen in Bezug auf die Kommunikationsmittel zu ziehen. „Die private Handynummer sollte für Vorgesetzte im Urlaub tabu sein – generell für berufliche Kommunikation, hier geht es auch um Datenschutz.“ Und wer ein Diensthandy hat, lässt das im Urlaub eben ausgeschaltet.

Aber auch auf dem Privathandy musst du nicht auf WhatsApp im Urlaub reagieren – auch, wenn das schwieriger sein kann. „Bei WhatsApp kann man arbeitsbezogene Gruppen stummschalten und das Handy einfach während eines Ausfluges oder am Strand oder Pool komplett ausmachen“, sagt Laura Venz.

Ob, wann und wie oft du deine Mails im Urlaub liest, entscheidest du selbst – zum Beispiel einmal täglich am Abend. Oder auch gar nicht. Doch wofür auch immer du dich entscheidest: Chef*innen und Kolleg*innen müssen Bescheid wissen.

Andere Kommunikationspartner*innen bekommen als Antwort auf Mails an dich eine Abwesenheitsnotiz, idealerweise mit Rückkehr- beziehungsweise voraussichtlichem Antwortdatum und alternativen Ansprechpartner*innen. Die natürlich eingeweiht sind, versteht sich. „Wer viele Mails erwartet, kann diesen Zeitraum einfach um zwei bis drei Tage in die ,Wieder-bei-der-Arbeit‘-Zeit legen, so bleibt ein bisschen Luft zum Abarbeiten“, rät Laura Venz.

Letztlich liegt es mindestens zur Hälfte bei dir, wie du mit Mails und Nachrichten auf WhatsApp im Urlaub umgehst; auch du solltest dich an die getroffenen Absprachen halten und Mails und Nachrichten nicht oder nur zu den besprochenen Zeiten beantworten. Dabei können dich laut Laura Venz ganz simpel ein gestellter Timer oder aufmerksame Mitreisende unterstützen: „Ein bisschen Druck und Kontrolle von außen kann auf jeden Fall sehr hilfreich sein, eine gute Balance zu finden und sich selbst an die vorgenommenen Zeiten zu halten.“

Enge Mitreisende und andere Urlaubsgesellschaft gehören laut Expertin übrigens auch in die Absprachen mit einbezogen und sollten wissen, was mit Vorgesetzten vereinbart ist: „Sonst kommt schnell schlechte Stimmung auf und der Erholungseffekt verpufft.“

Schlechtes Gewissen? Nicht doch!

Trotz allem lässt sich manchmal das schlechte Gewissen ob der beruflichen Unerreichbarkeit nicht gänzlich abschalten. Das allerdings lässt sich erstens üben und zweitens im Laufe des Urlaubs nach. „Wer vereinbart hat, dass keine Nachrichten gecheckt werden, muss auch keinen Grund für ein schlechtes Gewissen haben“, sagt Laura Venz.

Letztlich ist das mit den beruflichen Mails und Nachrichten auf WhatsApp im Urlaub eine Typ- und Situationsfrage. Es gibt durchaus Menschen, die aufgrund ihrer Position oder ihrer Persönlichkeit zumindest grob und punktuell Bescheid wissen wollen oder müssen.

„Ich würde das nicht prinzipiell verteufeln. Es kann viel unentspannter sein, den ganzen Urlaub über zu grübeln, ob etwas vorgefallen ist“, sagt auch Laura Venz. „Entscheidend ist hier immer die eigene Präferenz. Möchte ich im Urlaub keinesfalls mit beruflichen Nachrichten zu tun haben, werde aber damit konfrontiert – zum Beispiel per WhatsApp auf meine private Nummer – steht das der Erholung im Weg“, erläutert die Expertin. „Bin ich aber lieber auf dem Laufenden, kann eine geregelte Möglichkeit durchaus erholsamer sein als ständiges Grübeln. Problematisch wird es, wenn ich gar nicht mehr abschalten kann.“

Handy aus, Füße hoch

Wichtig ist, dass du für dich selbst einen guten Weg findest – nur du weißt wirklich, was dich stresst und was dich entspannt. Jede*r, der*die im Urlaub freie Zeit braucht, um aufzuladen und wieder Ideen und Energie zu tanken oder sich um das eigene Leben zu kümmern, hat das verdient. Und das hat absolut nichts mit Faulheit, Desinteresse oder Mindermotivation zu tun.

Wenn du vorher mit Vorgesetzten und Kolleg*innen Erwartungen und Möglichkeiten besprichst und klare Absprachen triffst, dann hast du auch wirklich so viel arbeitsfreie Zeit, wie du brauchst. Für hartnäckige Fälle und falls gar nichts anderes hilft: Konversationen auf WhatsApp im Urlaub stummschalten oder archivieren. Und dann Füße hoch.

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