Wie du Familienstreit unter dem Tannenbaum vermeidest

Weihnachten mit der Familie soll festlich und harmonisch sein. Doch oft passiert genau das Gegenteil: Das Fest endet im Streit. Schuld sind vor allem falsche Erwartungen.

Weihnachten, das Fest der Liebe – meistens jedenfalls.

Weihnachten, das Fest der Liebe – meistens jedenfalls. © Seifenblasen-Blubb / photocase.de

Mal wieder steht die Gans auf dem Tisch, obwohl Mutti weiß, dass ihre Tochter vegan lebt. Wieder fallen Sätze wie: „Du hättest dich auch mal öfter melden können.“ Oder: „Nicht alle wollen in den Gottesdienst.“ Und dann hat der Vater der Mutter wieder ein Haushaltsgerät geschenkt. Verflogen ist die besinnliche Weihnachtsstimmung.

Schon die Vorweihnachtszeit hat das Stresslevel hochgesetzt: Die Geschenke mussten besorgt werden, Kinder und Partner*innen mussten aus entlegenen Gebieten anreisen. Und wenn dann noch unterschiedliche Vorstellungen aufeinandertreffen, explodiert der unter Dampf stehende Kessel – und das Fest der Liebe endet im Desaster.

Warum hängt zu Weihnachten aber so häufig der Haussegen schief?

Zu hohe Ansprüche zu Weihnachten

Julia Dreseler coacht Familien und kennt daher die Krisen unter dem Tannenbaum. Auf allen Seiten seien zu hohe Erwartungen wie das wichtigste Familienfest der Deutschen aussehen soll: „Viele haben den Anspruch, dass die Familie an Weihnachten intensive und harmonische Tage miteinander zu verbringen hat“, sagt sie.

Doch was ist, wenn die Eltern erwarten, dass die erwachsenen Kinder mit in den Gottesdienst kommen? Und was, wenn die Mutter sich mit den Aufgaben alleine fühlt und nörgelt und doch nicht fragt, ob ihr jemand hilft. Oder die Gans auf den Tisch kommt, obwohl die Eltern wissen, dass der Sohn kein Fleisch mehr isst? Wie können wir darauf reagieren?

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Der Kommunikationscoach Karsten Noack rät, die eigenen Wünsche für das Fest frühzeitig zu äußern. Auch die Familientherapeutin sieht die Lösung darin, sich vor dem eigentlichen Fest über die Sehnsüchte an Weihnachten zu sprechen. „Wie wollen wir Weihnachten feiern, was wollen wir beibehalten und was vielleicht ändern?“ Dabei könne jede*r Wünsche äußern, jedes Anliegen habe seine Berechtigung.

Die Mutter kann sich im Vorhinein helfende Hände in der Küche wünschen, Sohn und Tochter ein Gericht ohne Fleisch. Der andere möchte an Weihnachten noch Freunde treffen. Und auch beim Gottesdienst lasse sich ein Kompromiss finden, sagt die Expertin. Dazu gehöre auch, auf sich selber zu schauen und sich zu fragen: „Welche Erwartungen habe ich? Wo kann ich mit mir und meinen Mitmenschen gnädig sein?“ Vielleicht sei es nicht so schlimm, auch mal mit in den Gottesdienst zu gehen, regt die Psychologin an.

Achtung: lang schwelende Konflikte

Eine andere Sache ist es natürlich, wenn der Streit tiefliegende Gründe hat. „Bei Familienstreitigkeiten geht es meist nicht nur um das gerade diskutierte Thema“, erklärt der Kommunikationscoach Noack. Alle Familienmitglieder verbinde eine Vorgeschichte. Ob das der Sohn ist, der sich nur selten meldet und die Mutter ihm das an Weihnachten vorwirft. Oder Opa, der zu viel redet und der Enkelin, der der Kragen anschwillt, weil sie es nicht mehr hören kann.

Kommen all diese Gefühle ins Spiel, bleiben die wenigsten sachlich. Statt Argumente fallen dann oft bissige Bemerkungen, Vorwürfe, Angriffe und Beleidigungen. Kommunikationscoach Noack verteufelt Streitereien aber nicht per se, weil sie wie ein reinigendes Gewitter wirken, sagt er. Wichtig sei es, den Streit irgendwann zu beenden. „Man muss den Zeitpunkt erkennen, wann man aufhören muss.“

Julia Dreseler rät bei hochkochenden Emotionen kurz das Gespräch zu verlassen, durchzuatmen, im Zweifel das Gespräch zu vertagen. Es helfe, sich gemeinsam abzulenken und zum Beispiel spazieren zu gehen. Wichtig sei, so die Psychologin, dass die Familienmitglieder sich signalisieren, dass sie sich trotz Zankerei gern haben. „Man kann sich zwischendurch einfach mal in den Arm nehmen und versuchen, über etwas anderes zu sprechen.“ Auch Noack rät Gegenargumente auch einfach mal runterzuschlucken. Es könne helfen, sich gegenseitig an Gemeinsamkeiten zu erinnern.

Politische Diskussion an Weihnachten?

Ähnliches gilt bei politischen Themen. Die Einstellungen sind häufig so unterschiedlich wie die Parteienlandschaft selbst. Sollte die Familie das Thema also meiden? „Es kommt auf die Streitkultur in der Familie an“, sagt die Expertin. Es gebe Familien, da sei es Ritual, zusammen zu sitzen und heiß zu debattieren. Sie bereichern sich an den verschiedenen Meinungen.

Manchmal sei Politik aber ein rotes Tuch. Dann sollte das Thema umgangen werden. Karsten Noack erklärt, bei solch heiklen Themen helfe es ,über Werte zu sprechen. Diese seien meist überraschend nah beieinander – also doch wieder Gemeinsamkeiten.

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Die wichtigsten Zutaten für ein gelingendes Weihnachtsfest sind also laut Dreseler: andere Gedanken zu tolerieren, sich auf die Suche nach Kompromissen zu machen und auch ein wenig Humor. „Es ist wichtig, nicht so streng mit sich und den anderen zu sein.“ Schließlich wisse man nicht, wie oft man so als Familie zusammen kommen könne. „Wenn wir darüber nachdenken, dass vielleicht in zehn Jahren der Opa nicht mehr dabei sein wird, dann werden wir automatisch kompromissbereiter.“