Wie du herausfindest, was du in einer Beziehung wirklich brauchst

Wer eine glückliche Partner*innenschaft will, sollte bei sich selbst anfangen. Das klingt plausibel und gut – aber wie genau geht das? Das raten zwei Expertinnen.

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Party oder lieber zusammen chillen? Nur wer zuerst seine eigenen Bedürfnisse kennt und auch artikuliert, weiß, was sie*er sich in einer Beziehung wünscht. Foto: Julian Myles / Unsplash | CC0

Kein Herz schlägt gleich: Wie Menschen lieben, ist so unterschiedlich wie sie sind. Jede*r sucht und braucht etwas anderes in einer Beziehung. Manche Menschen haben zum Beispiel ein größeres Unabhängigkeitsbedürfnis als andere. Und selbst bei derselben Person verändert sich das im Laufe des Lebens: Das 17-jährige Ich hat andere Bedürfnisse als das 37-jährige.

Allerdings wissen viele Menschen gar nicht so genau, was sie wirklich in einer Beziehung brauchen und warum, sondern hangeln sich irgendwie so durch. Doch ohne dieses Wissen über die eigenen Bedürfnisse ist eine dauerhaft erfüllende Partner*innenschaft schwierig. Und die Verantwortung für die Erfüllung unbewusster Bedürfnisse an die Partner*innen zu übertragen, ist überfordernd und unfair.

Hier erklären zwei Expertinnen, wie du deine eigenen Bedürfnisse erkennst und in deiner Beziehung zum Ausdruck bringst.

Warum sind Bedürfnisse verschüttet?

Ein Grund dafür, dass jemand die eigenen Bedürfnisse nicht richtig spürt und kennt, können Kindheitserfahrungen sein.

Wenn beispielsweise in der Herkunftsfamilie den Bedürfnissen des Kindes wenig bis keine Bedeutung beigemessen worden sei, dann könne das laut der Beziehungsexpertin Andrea Bräu dazu führen, dass die betreffende Person von ihren Gefühlen und Bedürfnissen in gewisser Weise abgespalten worden sei: „Dann muss dieser Mensch üben, das wieder zu verbinden.“

Das sieht auch die Paartherapeutin Sigrid Sonnenholzer so: „Als Kinder erleben wir sehr oft, dass unsere Wünsche und Bedürfnisse von Erwachsenen nicht wahrgenommen werden. So lernen wir schon als kleiner Mensch, dass das, was wir wollen, nicht wichtig ist.“ Infolgedessen würden die Bedürfnisse zunächst unterdrückt – bis du sie als Erwachsene*r gar nicht mehr spüren, geschweige denn äußern kannst.

Andererseits spielen aber auch gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle. Wer zum Beispiel tendenziell polyamor veranlagt ist, der*die stellt sich mit diesem Bedürfnis dem in der Gesellschaft vorherrschenden monogamen Beziehungsmodell entgegen. Das ist anstrengend und kräftezehrend und kann Angst auslösen; deshalb kann es sein, dass entsprechende Bedürfnisse vermieden und vernachlässigt werden.

Unterdrückte, unbewusste und verdrängte Bedürfnisse sind aber nicht weg, sie schwelen lediglich unter der Oberfläche, können unkontrolliert und unerwartet hervorbrechen und dann Konflikte, Schmerz und Ärger verursachen.

Wie lassen sich Bedürfnisse entdecken?

Um Bedürfnisse zu entdecken, sind (Selbst-)Beobachtung und Fragen besonders wichtig: Was genau sind Aspekte an und Momente in Beziehungen, die dich glücklich machen und erfüllen? Was fühlt sich hingegen eher unangenehm und anstrengend an? Wie fühlst du dich bei Interaktionen mit bestimmten Menschen und warum? Wer gibt dir Energie und wer nimmt sie dir – und weshalb genau hast oder willst du Nähe mit wem?

Dabei können der berühmte Knoten im Bauch, genau wie die artverwandten Schmetterlinge, gute erste Hinweise bieten.

Dazu kommt eine Überprüfung der eigenen Wertvorstellungen: Was ist dir wichtig im Leben, wonach strebst du? Wenn du beispielsweise am liebsten ständig reisen und die Welt entdecken willst, könnte eine Beziehung mit jemandem, der*die sich mit jeder Faser nach Reihenhaus und Garten sehnt, von Grund auf etwas anstrengend werden.

„Es ist wichtig, sich mit den eigenen Erwartungen an das Leben, an die Beziehung oder an sich selbst zu beschäftigen“, sagt auch Sigrid Sonnenholzer. Und erklärt: „Die Erwartungen sind gleichzeitig Bedürfnisse. Wir sollten uns Fragen stellen wie: Was ist für mich der Sinn meines Lebens? Was brauche ich, um glücklich zu sein?“

Entsprechende Wertvorstellungen und Erwartungen können laut Sonnenholzer schon in der Kennenlernphase geprüft werden: „Nähe oder Distanz, Ordnung oder Unordnung, Karriere oder Familie, Autonomie oder Bindung beispielsweise.“

Menschen, deren Bedürfnisse in der Kindheit so gut wie gar nicht stattgefunden haben, sollten sich bei der Wiederentdeckung dessen, was sie brauchen und wollen, professionelle Unterstützung holen. „Hier würde es wahrscheinlich helfen, sie wieder ins Spüren zu bringen, was mit Therapie einhergeht. Zum Beispiel Hypno- oder Körpertherapie“, sagt Andrea Bräu.

Wie lassen sich Bedürfnisse in der Beziehung erfüllen?

Wenn du eine Idee davon hast, was du brauchst und willst, um glücklich zu sein, dann kannst du dieses Wissen auf den Bereich Liebe und Beziehung übertragen. Wer sich in einer Partner*innenschaft befindet, sollte laut Andrea Bräu über die eigenen Bedürfnisse sprechen und sie kommunizieren. „Bedürfnisse kann man nur integrieren, wenn der oder die andere sie kennt. Das schieben jedoch viele unbewusst dem Partner oder der Partnerin zu. Deshalb gibt es ja oft so viel Stress in Beziehungen.“

Ebenso ausschlaggebend: Grenzen setzen und sagen, was dir nicht gut tut. „Hier müssen wir uns erstens selbst gut kennen und einschätzen können und uns zweitens trauen, auch mal nicht zu gefallen“, so Andrea Bräu.

Das beginnt laut der Beziehungsexpertin schon bei der Partner*innensuche: „Um zu gefallen, finden viele alles toll, was der oder die andere macht.“ Und nach ein paar Jahren fährt er*sie dann nicht mehr mit zum Segeln oder Tauchen, weil es eben nie die eigenen Bedürfnisse waren, sondern die des*der anderen. Eine Beziehung sei aber nicht nur durch vollständige Symbiose erfüllend: „Man muss nicht alles gemeinsam tun.“

Es ist also entscheidend, dass du Raum für dich in deiner Beziehung beanspruchst und einnimmst. Es sei nicht sinnvoll, dem*der Partner*in das Gefühl zu geben, dass alles in Ordnung sei und sich seinen*ihren Bedürfnissen unterzuordnen, sagt Sigrid Sonnenholzer: „Der oder die andere verlässt sich darauf. Und wenn wir dann Bedürfnisse anmelden oder uns beschweren, ist es schwierig, eine andere Richtung einzuschlagen.“

Ohne Kompromissbereitschaft und Kommunikation funktioniere eine erfüllte, gesunde, stabile Beziehung nicht. „Nehmen wir an, es geht um das Thema Freiraum als Bedürfnis. Dann muss geklärt werden, in welchem Umfang brauche ich meinen Freiraum – wie oft möchte ich alleine weggehen und wie viel ist für den oder die anderen auch tragbar? Und dann gilt es, einen Kompromiss zu finden, der für beide Gültigkeit hat“, erklärt Sigrid Sonnenholzer.

Die Bedürfnisse beider Partner*innen spielen eine gleichberechtigte Rolle; sie zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen, ist unerlässlich – selbst auf die Gefahr hin, dass die Beziehung dann scheitere, meint Sigrid Sonnenholzer: „Das ist besser, als das jahrelanges Unterdrücken der eigenen Wünsche. Letzteres rächt sich immer.“

Je besser du dich kennst, desto besser die Beziehung

Egal, was für eine Beziehung du führst und wie die Gesellschaft oder die Familie dazu steht – wichtig ist, dass du dich bewusst dafür entscheidest und dich gut damit fühlst. Genau wie dein*e Partner*in. Das heißt nicht, dass alles konfliktfrei und perfekt Topf-auf-Deckel-Style passen muss – es kommt vielmehr darauf an, dass ihr beide eure Bedürfnisse kennt und respektiert und wie ihr mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgeht und Kompromisse aushandelt. Und zwar ohne, dass sich eine*r von euch dauerhaft unterdrückt und ungesehen fühlt.