Wie du im Job über psychische Gesundheit reden kannst

Warum es so schwierig ist, im Berufsleben über deine psychische Gesundheit zu sprechen und wie du es trotzdem angehen kannst.

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Über psychische Probleme zu sprechen, kostet Überwindung. Foto: Toimetaja tõlkebüroo / Unsplash | CC0

„Es geht mir psychisch nicht gut“ – diesen Satz laut auszusprechen, das erfordert eine gehörige Portion Mut und fällt vielen Menschen extrem schwer. Besonders im Job. Laut einer Untersuchung im Auftrag des Unternehmens Teledoc haben 82 Prozent der Menschen, die eine Diagnose aus dem Mental-Health-Spektrum haben, nicht mit ihren Vorgesetzten darüber gesprochen.

Und einer anderen aktuellen US-Studie zufolge haben die Hälfte aller Millennials und Dreiviertel der Befragten aus der Generation Z schon mal einen Job auf Grund von Mental-Health-Problemen gekündigt.

Dass vor allem so viele junge Leute davon betroffen zu sein scheinen, kommt allerdings nicht daher, dass unsere Welt insgesamt vor die Hunde geht und sie das Elend nicht mehr ertragen können – sondern vor allem daher, dass sie über Mental Health reden und entsprechend handeln. Allerdings kostet das Überwindung, weil psychische Probleme gerade im Job oft noch immer stigmatisiert werden.

Aber wenn es der Seele nicht gut geht, geht es der Seele nicht gut. Ganz egal, wie die Diagnose konkret lautet: Nur, weil kein Blut aus einer psychischen Wunde spritzt, heißt das nicht, dass sie nicht wahnsinnig schmerzt und dass sie nicht lebensgefährlich ist. Deshalb hier ein paar Ansätze, wie du mit dem Thema im Job umgehen kannst.

Warum ist es so schwierig, über Mental Health zu reden?

In einer perfekten Welt könntest du einfach zu deiner*deinem Vorgesetzten gehen und sagen, dass es dir psychisch nicht gut geht – und er*sie würde dir gute Besserung wünschen oder eventuell sogar Tipps geben, wie beispielsweise bei einem Bandscheibenvorfall.

„In Bezug auf den Job sagen viele, dass sie Sorge haben, als nicht leistungsfähig abgestempelt zu werden“, erklärt die Burn-out-Expertin und Buchautorin Carola Kleinschmidt. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Und Depression oder Burn-out sind nun einmal so etwas wie ‚Nicht-mehr-Funktionieren‘ in Reinform.“ Die Performance-Fassade bröckelt und es fällt schwer, es sich selbst und dann auch vor anderen einzugestehen, dass etwas innen drin aus der Balance geraten ist.

„Viele haben ihre Chefs auch schon mal angesprochen und es hat sich nichts gerändert. Das ist frustrierend“, so Carola Kleinschmidt. Doch nicht darüber reden ist auf Dauer wirklich keine gute Idee und vor allem keine Lösung. Psychische Probleme gehen nicht einfach weg, nur, weil du es dir wünschst. Im Gegenteil – sie werden schlimmer.

Und zu glauben, dass Kolleg*innen oder Vorgesetzte das sehen oder spüren und dann von sich aus aktiv werden, ist auch keine gute Idee. „Ich erlebe häufig Chefs, die tatsächlich nichts mitbekommen von dem Druck, den ihre Mitarbeiter erleben. Oder die selbst am Rande der Erschöpfung arbeiten“, sagt Carola Kleinschmidt.

Homeoffice bis Krankschreibung

Es kommt in erster Linie darauf an, wie die konkreten Umstände sind. Also, wie gravierend und akut oder chronisch ist das psychische Problem, wie ist die Situation am Arbeitsplatz? „Wenn es einem nicht gut geht, man dennoch arbeitsfähig ist – ausgelöst zum Beispiel durch einen Trauerfall oder eine Scheidung – kann man das kommunizieren und dann auch Unterstützung bekommen“, so Carola Kleinschmidt.

Das Leben ist nicht selten von Krisen und Katastrophen geprägt. Eine hilfreiche Sofortmaßnahme könnte zum Beispiel sein, einige Tage im Homeoffice zu vereinbaren; das nimmt schon mal ein ganzes Stück Druck raus.

Wenn es jedoch einen schweren akuten Schub gibt und du nicht arbeitsfähig bist: ganz klar krankmelden. „Zu Hause bleiben, zum Arzt gehen, eine Krankschreibung bekommen – und gar nichts beim Arbeitgeber erklären“, sagt Carola Kleinschmidt. Würdest du bei einem heftigen körperlichen Infekt ja genau so machen.

Bei längerfristigen psychischen Problemen ist es jedoch essenziell, Vorgesetzte ins Vertrauen zu ziehen – allein schon, damit klar ist, warum bestimmte Dinge im Job bei dir anders laufen als sonst und darauf Rücksicht genommen werden kann.

Dabei komme es allerdings durchaus auf das Verhältnis zum*zur Chef*in an. „Ist es gut, kann man sagen ‚Ich fühle mich überfordert‘. Dann kann man sich gemeinsam austauschen oder überlegen, was helfen könnte“, sagt Carola Kleinschmidt. „Wenn man kein sehr vertrauensvolles Verhältnis hat, würde ich immer zuerst mit anderen Personen – Freunde, Hausarzt, soziale Beratung – sprechen, um innerlich zu klären, was ich wirklich von meinen Vorgesetzten will und was ich sagen möchte.“

Auch über langfristige Lösungsansätze wie Teilzeitarbeit, einen Extra-Mental-Health-Tag pro Monat, Neujustierung der Aufgaben oder eine längere Auszeit mit Wiedereingliederung kannst du dir vorher in Ruhe Gedanken machen und dir dabei Hilfe holen. Diese Klarheit hilft anschließend im Gespräch.

„Es ist hilfreich, wenn man sich die Rollen einmal klar macht: Ich bin angestellt und in der Firma, um einen Job zu machen. Vorgesetzte sind letztlich auch Mitarbeiter und sollen ihren Job machen. Insofern ist es eigentlich ganz normal, dass ich Bescheid sage, wenn ich meine Arbeit nicht mehr gut erledigen kann“, sagt Carola Kleinschmidt. „Gute Vorgesetzte sind als Leitplanke präsent – und Angestellte können sagen: Hier klappt was nicht. Dann schaut man zusammen nach Lösungen.“

Es hat sich was getan

Es hat sich inzwischen zum Glück in vielen Unternehmen schon einiges in Sachen Bewusstsein für und Umgang mit Mental Health bewegt. „Gerade seitdem es die Diagnose Burn-out gibt, die war bis vor ein paar Jahren absolut unüblich, werden Symptome, die damit verbunden sind – Depressionen, Erschöpfung, Panikattacken – nicht mehr abgestempelt“, sagt die Diplompsychologin und Beraterin Madeleine Leitner, „zumal sich auch durchaus prominente Personen dazu bekannt haben.“

Ja, das Stigma mag noch existieren, aber es ist geschrumpft. Das gilt auch für andere Mental-Health-Probleme. Und es gibt Hilfe: „In großen Unternehmen gibt es Sozialbetreuer, manchmal auch Betriebsärzte, die dann an passende Behandler verweisen konnten oder Betroffene beraten haben“, sagt Madeleine Leitner. Vor allem eine entsprechende Sensibilisierung und Schulung von Führungskräften könne von Unternehmensseite aus laut Leitner extrem wichtig sein.

Wie spricht man als Vorgesetzte*r seine Angestellten auf das Thema Mental Health an? Sehr dezent, feinfühlig und selbstverständlich unter vier Augen. „Sagen, dass man sich Gedanken macht, weil einem etwas Konkretes aufgefallen ist“, sagt Madeleine Leitner. „Fragen, ob die Person darüber ein Gespräch führen möchte und gegebenenfalls mit wem – es muss ja nicht der oder die Vorgesetzte selbst sein.“

Auf keinen Fall aufdrängen, moralisieren, abwerten, bloßstellen oder wie einen großen Problemfall behandeln, rät die Diplompsychologin.

Mehr Wertschätzung für seelische Gesundheit

Letztlich sind Mental-Health-Probleme Teil des Menschseins; die wenigsten kommen in ihrem Leben ganz ohne davon. Es ist also wirklich normal und nichts, weshalb du dich schämen müsstest. „Wir brauchen viel mehr Wertschätzung für unsere psychische Gesundheit“, sagt auch Carola Kleinschmidt. „Insofern würde ich mir wünschen, dass gerade junge Menschen schon anfangen, darauf zu achten. Man sollte reflektieren, was einem wirklich wichtig ist. Wie man damit umgeht, wenn etwas nicht so gut klappt. Und wie man sich erholt.“