Wie du Sinn in deiner Arbeit findest

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Sicherheit und Gehalt schön und gut, aber heute soll der Job auch sinnstiftend sein. Foto: © photocase

Impact, Purpose und Sinn: Was nach New-Work-Hippie-Bibel klingt, ist viel mehr als Arbeitsesoterik, erklärt der Diplom-Psychologe Nico Rose im Interview.

Nico Rose, früher waren Faktoren wie Sicherheit und Gehalt im Job total wichtig. Heutzutage steht der Sinn der Arbeit im Fokus. Wie lässt sich das erklären?

Nico Rose: Zunächst: Die Faktoren Sicherheit und Gehalt stehen nach wie vor ganz oben auf der Liste. Umfragen zeigen seit Jahren, dass ungewöhnliche viele Absolvent*innen in Deutschland den Staatsdienst sehr attraktiv finden. Da wächst das Gehalt zwar nicht in den Himmel, aber er bietet natürlich das Optimum an Absicherung.

Ich denke, heutzutage suchen mehr Menschen einen tieferen Sinn in ihrer Arbeit, weil andere sinnstiftende Strukturen unseres Lebens auf dem Rückzug sind. Die Mitgliedszahlen von Kirchen und Parteien gehen seit Jahrzehnten zurück, zudem leben weniger Personen in klassischen Familienverbänden. Gleichzeitig scheint der Mensch evolutionär bedingt ein Bedürfnis nach einem höheren Sinn im Leben zu haben. Ihre Religion finden viele Menschen heute eben in der Arbeitswelt.

Ist es eine reine Sache des Mindsets, ob man die eigene Arbeit als sinnvoll oder sinnlos bewertet?

Jein. Ja, weil die die Forscherin Amy Wrzesniewski schon vor über 20 Jahren aufgezeigt hat, dass manche Menschen ihre Arbeit stärker als ein Art Berufung auffassen, während für andere eher das persönliche Vorankommen im Vordergrund steht, und wieder andere in erster Linie arbeiten gehen, um einfach Geld zu verdienen. Diese Mindsets kommen über alle Berufsgruppen hinweg vor, sprich: Die Reinigungskraft im Krankenhaus kann ihren Job durchaus als Berufung auffassen, während Chefärzt*innen vor allem ans Geld denken könnten.

Nein, weil es Bedingungen an und in Organisationen gibt, die personenübergreifend dazu führen, dass Menschen mehr oder weniger Sinn in ihrer Arbeit verspüren. Unternehmen mit einem klar definierten prosozialen Zweck bieten beispielsweise mehr Potenzial für Sinnkopplung. Doch auch bestimmte Aspekte der Führungs- und Unternehmenskultur haben einen Einfluss.

Warum ist das Sinnerleben in der Arbeit so wichtig und beschränkt sich nicht nur auf unser Privatleben?

Sinnerleben hat viel mit dem Erkennen von Mustern zu tun. Steve Jobs beschrieb das anschaulich in seiner berühmten Stanford-Rede. Da nennt er es connecting the dots: Wir haben das Bedürfnis, dass einzelne Episoden unseres Lebens sich zu einem größeren Ganzen zusammenfügen. Wir wollen (uns) erklären können, wie eins zum anderen geführt hat – und vielleicht auch, welche Erkenntnisse wir im Laufe der Zeit daraus gewonnen haben. Das gilt für unser privates Leben genauso wie für den beruflichen Bereich.

Im Übrigen legen Forschungsarbeiten nahe, dass Menschen mehr Sinn im Leben verspüren, wenn sie ihre beruflichen Aktivitäten als sinnstiftend beschreiben.

Außerdem auf ze.tt: So unterschiedlich arbeiten Menschen weltweit

Wie kann eine Führungskraft den Boden für ein sinnvolles Arbeitsumfeld bereiten?

Es geht dabei um die Förderung von interner und externer Vielfalt. Wer als Mitarbeitender das Gefühl hat, willkommen zu sein – unabhängig von Ethnie, sexueller Orientierung, Äußerlichkeiten, aber auch Aspekten wie Hobbys, Musikgeschmack und so weiter, hat es leichter mit der Sinnfindung.

Auf meinem Türschild in meinem früheren Job im Stab des Personalvorstands von Bertelsmann stand beispielsweise zum Schluss nicht mehr Nico Rose, Vice President, sondern Nico Rose, God of Metal. Eine Kollegin, die wie ich auf Heavy Metal steht, hatte das Schild zu meinem 40. Geburtstag austauschen lassen – und dann ist das bis zu meinem Ausstieg zehn Monate später so geblieben. Das ist nur ein kleines Detail und vordergründig auch total unwichtig. Aber: Ich habe mir jeden morgen einen Ast abgefreut, wenn ich ins Büro gekommen bin. Das Türschild hat mich in einem wichtigen Teil meiner Persönlichkeit bestätigt. Genau darum geht’s.

Inwiefern gehen Sinn und Verantwortung in der Arbeit miteinander einher?

Menschen mit größerer Verantwortung haben es etwas einfacher mit der Sinnperspektive. Sie können leichter auf das große Ganze einer Organisation blicken, was wiederum dem Erkennen von Mustern dienlich ist. Zudem deuten Forschungsarbeiten darauf hin, dass psychologische Aspekte wie Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugungen ein eigenständiger Treiber von arbeitsbezogenem Sinnerleben sind. Kurz gesagt: Wer sich als einflussreich erlebt, hat es auch leichter, einen Sinn im eigenen Tun zu spüren.

Wie können Führungskräfte ihren Mitarbeitenden das Gefühl geben, dass sie sinnvolle Arbeit leisten, außer ihnen zu sagen, dass das Projekt super wichtig für das Unternehmen ist?

Erstens: Sie können ihnen mehr Verantwortung übertragen. Je mehr Aufgaben eine Führungskraft delegiert oder Themen auch ganz loslässt, desto größer ist das Sinnpotenzial für die Mitarbeitenden.

Zweitens: Sie können einen respektvollen und vielleicht sogar wertschätzenden Umgang vorleben und dafür sorgen, dass die Kolleg*innen das untereinander ebenso halten. Wir ziehen Sinnerleben auch aus gelingenden Beziehungsmustern.

Drittens: Sie können Mitarbeitenden helfen, sich selbst in ihrer Arbeit näher zu kommen. Das geht zum einen durch eine ausgeprägte Stärkenorientierung. Wenn Mitarbeitende viel Zeit mit Aufgaben verbringen dürfen, die nah an ihren Stärken liegen, dann fühlt sich das in der Regel stimmiger an, als wenn wir Zeit mit Themen verbringen müssen, die wir für uns als Schwächen definiert haben.

Was ist dran an der Purpose-Debatte, die momentan geführt wird?

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass das Thema (Unternehmens-)Purpose gerade eine klassische Management-Sau zu werden droht, die durchs Dorf getrieben wird. Man spricht, in Anlehnung an den Begriff Greenwashing, mittlerweile vom Purposewashing, wenn ein Unternehmen kommunikativ einen Purpose propagiert, dem es im Handeln nicht gerecht wird.

Im Übrigen bin ich der Meinung: Nicht jede Organisation muss gleich die Welt retten. Es reicht, wenn die meisten Unternehmen gute Produkte oder Dienstleistungen zu fairen Preisen anbieten – auf eine Art und Weise, die das Wohlergehen der Mitarbeitenden fördert und die Belastungen für die Umwelt und weitere Stakeholder bestmöglich minimiert. Man sollte nicht alles kommunikativ überhöhen. Ich plädiere dafür, die Purpose-Kirche im Dorf zu lassen.

Wenn ich keinen Sinn mehr in meiner Arbeit sehe, muss ich dann gleich den Job wechseln oder gibt es noch andere Möglichkeiten?

Es gibt andere Lösungen. Prinzipiell haben Menschen die Möglichkeit, aus dem Job, den sie haben, jenen zu machen, den sie wirklich, wirklich wollen. Im Englischen wird dieses Verhalten job crafting genannt. Es geht darum, dass Mitarbeitende – mit oder ohne Zustimmung der Vorgesetzten – aktiv und kontinuierlich ihr Rollenprofil verändern.

Zum einen können Menschen ihr Aufgabenspektrum verändern. Es gibt die Möglichkeit, mehr oder weniger von bestimmten Tätigkeiten auszuführen. Andererseits können Menschen das Netzwerk der Beziehungen gestalten, in dem sie arbeiten. Sie können sich neue Beziehungen erschließen und andere herunterfahren oder ganz ruhen lassen, um ihr Erleben während der Arbeit zu verändern. Schließlich können Menschen die kognitive und emotionale Bewertung der Aufgaben verändern. Stichwort: Schichte ich Steine aufeinander oder baue ich an einer Kathedrale?

Wie hoch dürfen die Erwartungen an den Sinn in der Arbeit sein, ohne dass sich Unzufriedenheit breit macht?

Insbesondere in der freien Wirtschaft ist die Zugehörigkeit und damit auch der Sinnhorizont an bestimmte Leistungserwartungen geknüpft. Das Bindungsversprechen beruht auf mehr oder weniger expliziten Erwartungen an das zukünftige Verhalten.

Arbeitgeber können jeden Menschen recht leicht vor die Tür setzen, müssen dafür nur bestimmte gesetzliche Rahmenbedingungen einhalten – oder zur Not etwas tiefer in die Tasche greifen. Aber wenn die Organisation harte Kante zeigt, ist es von einem auf den anderen Tag vorbei mit der Zugehörigkeit. Dann ist es auch vorbei mit der Sinnperspektive. Das bedeutet: Wer sein Sinnerleben vornehmlich an die Arbeit für eine Organisation knüpft, stellt dieses hohe Gut auf tönerne Füße.

Wir tun gut daran, uns verschiedene Sinnquellen zu erschließen, privat wie auch beruflich. Der gegenwärtige Trend zum side hustle, also einem beruflichen Projekt, das Arbeitnehmer neben dem Hauptjob in einer Organisation betreiben, zeigt mir, dass viele Menschen das intuitiv bereits erkannt haben.


Dieser Artikel von Nicole Plich ist zuerst auf Business Punk erschienen.

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