Wie ein bisexueller Brasilianer das Leben unter Präsident Bolsonaro wahrnimmt

In Brasilien wird jährlich eine der größten Pride Paraden der Welt veranstaltet, gleichzeitig stirbt durchschnittlich alle 20 Stunden ein queerer Mensch gewaltsam.

Drei Millionen Brasilianer*innen feierten die Pride Parade anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Stonewall-Proteste in São Paulo. Foto: MIGUEL SCHINCARIOL/AFP/Getty Images

„Bolsonaro ist die personifizierte Rückkehr zum kolonialen Brasilien“, sagt Alyson Carvalho. „Wir kommen plötzlich wieder zurück zu alten Ideen über Geschlechter und Sexualität. Nach dem Motto: Mädchen tragen pink und Jungen tragen blau. Es ist eine Katastrophe!“ Der 24-jährige Brasilianer lebt in Analândia im Staat São Paulo, hat gerade sein Studium in Englisch und Portugiesisch auf Lehramt beendet und ist bisexuell. Damit gehört er für den rechtskonservativen Präsidenten Jair Bolsonaro zu einer minderwertigen Bevölkerungsgruppe. Direkt nach seinem Amtsantritt strich er die Belange der LGBTQ-Community von der Agenda des neuen Menschenrechtsministeriums.

Die brasilianische Gesellschaft sei grundsätzlich schon heteronormativ, erzählt Alyson. Aber seitdem Bolsonaro Präsident ist, sei die Situation für viele Mitglieder der LGBTQ-Community noch schwieriger geworden.

Ich habe keine Ahnung, wie die nächsten Jahre aussehen werden.

Alyson Carvalho
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„Als queerer Mensch in einem Land wie Brasilien zu leben, ist eine tägliche Herausforderung“, findet Alyson Carvalho. Foto: Alyson Carvalho

Bolsonaro hat schon vor seiner Wahl rassistische, sexistische und homophobe Kommentare gemacht. In einem Interview sagte er, er hätte lieber einen toten Sohn als einen homosexuellen. Er bezeichnet sich selbst als „homophob und stolz darauf“. Deswegen sind Alyson und viele andere queere junge Menschen in Brasilien besorgt. „Ich habe keine Ahnung, wie die nächsten Jahre aussehen werden.“

Was der junge Lehrer für Englisch und Portugiesisch am wenigsten verstehen kann: Viele queere Menschen, die er kennt, haben Bolsonaro selbst gewählt. Und das, obwohl sie seine Meinung über die LGBTQ-Community kannten. „Vielleicht war ihnen ein Machtwechsel so wichtig, dass sie nicht wirklich darüber nachgedacht haben, ob Bolsonaro eine gute Alternative für unser Land ist. Einige haben auch gesagt, dass sie seinen homophoben Äußerungen nicht glaubten. Sie denken, dass die nur verbreitet wurden, um Bolsonaros Image zu schädigen.“

Das Risiko, ermordet zu werden, ist für trans* Menschen 17-mal höher als für Homosexuelle

Alysons Heimatland Brasilien war bereits vor der Wahl des neuen Präsidenten ein gefährlicher Ort für queere Menschen. Nach Zahlen der Grupo Gay da Bahia, der ältesten brasilianischen NGO, die sich für die Rechte Homosexueller einsetzt, starben im vergangenen Jahr 420 Brasilianer*innen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. 320 von ihnen wurden ermordet, die übrigen 100 nahmen sich selbst das Leben. Im Durchschnitt bedeutet das ein Opfer eines Hassverbrechens gegen LGBTQ-Menschen alle 20 Stunden. Besonders schwierig sei der NGO zufolge die Situation für trans* Menschen. „Das Risiko, dass eine trans* Person ermordet wird, ist 17-mal höher als bei einer schwulen Person“, schreibt die Grupo Gay da Bahia 2018 in einem Bericht über Gewaltverbrechen gegen die LGBTQ-Community.

Das hat auch Alyson erlebt. „Viele trans* Menschen haben große Probleme, einen Job zu finden, der ihre Identität anerkennt. Sie müssen sich prostituieren, um zu überleben. Außerdem kenne ich ein paar trans* Personen, die für ihre Identität körperlich angegriffen wurden.“

Es gab Momente, da wollte ich es meiner Mutter erzählen.

Alyson Carvalho

Er selbst sagt, er wusste schon immer, dass er bisexuell sei. In der High School habe er das erste Mal mit seinen zwei besten Freunden über seine sexuelle Orientierung gesprochen. Sie meinten daraufhin nur, dass das in Ordnung sei. „Und, dass sie das eigentlich schon wussten“, erinnert Alyson sich. Seiner Familie gegenüber hat er sich dagegen nicht geoutet. „Es gab Momente, da wollte ich es meiner Mutter erzählen, aber ich war mir nicht sicher, ob sie negativ reagieren würde.“

Diese Unsicherheit, so sagt Alyson, sei eine Konsequenz der heteronormen brasilianischen Gesellschaft. „Das System ist überall: In der Schule, der Kirche, den Familien, den Freundesgruppen. Wenn du ein Junge bist, musst du Mädchen mögen und wenn du ein Mädchen bist, musst du Jungs mögen. Vielleicht auch, weil Religion hier noch einen großen Einfluss auf die Menschen hat.“ Für ihn sei es aber kein großes Problem, dass er sich nicht vor seiner Familie geoutet habe.

Alyson ist gerade nicht in einer Beziehung, aber die meisten Männer, mit denen er bisher zusammen war, haben sich selbst als schwul identifiziert. Ob ein queeres Pärchen sich gefahrlos in der Öffentlichkeit bewegen kann, hängt seiner Erfahrung nach davon ab, in welchem Teil des Landes sie sich befinden. „Ich glaube im Südosten, wo ich lebe, ist es friedlicher, weil Menschen hier liberaler sind und mehr Zugang zu Informationen haben.“ Dasselbe könne man aber nicht über den Norden und Nordosten Brasiliens sagen.

Oberstes Gericht erkennt Homophobie als Verbrechen an

Neben den Problemen, mit denen die LGBTQ-Community zu kämpfen hat, gibt es aber auch immer wieder kleine Erfolge. Erst im Juni 2019 hat das Oberste Gericht Homophobie als Verbrechen eingestuft. Zuvor waren zwar schon Anfeindungen aufgrund von Hautfarbe, Ethnie, Religion und Herkunft illegal, verbale Angriffe gegen queere Menschen rutschten aber bis zur Gesetzesänderung noch durch eine Gesetzeslücke und konnten nicht verurteilt werden.

Als queerer Mensch in einem Land wie Brasilien zu leben, ist eine tägliche Herausforderung.

Alyson Carvalho

Die schwierige Situation führt auch dazu, dass die queere Community enger zusammenhält: „Wenn man die Gemeinschaft mit einem Wort beschreiben will, dann ist es: stark. Als queerer Mensch in einem Land wie Brasilien zu leben, ist eine tägliche Herausforderung“, sagt Alyson. „Wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig helfen, um Bolsonaros Regierung zu begegnen.“ Er selbst bringe sich ein, indem er an Diskussionsgruppen und Vorträgen teilnehme. „Ich versuche immer zu helfen, indem ich anderen zuhöre“. Trotzdem sei er sich als junger Lehrer nicht sicher, wie viel er mit seinen Schüler*innen über das Thema sprechen kann. „Ich mache mir Sorgen, was die Eltern darüber denken könnten.“

Außerdem bestehe die Gefahr, dass die Bolsonaro-Regierung den Lehrer*innen vorwerfe, ihre Schüler*innen zu indoktrinieren, wenn sie unliebsame Themen ansprechen. Bolsonaro und sein Bildungsminister Abraham Weintraub haben, der britischen Zeitung The Guardian zufolge, erst Anfang Mai auf Twitter Schüler*innen dazu aufgerufen, vermeintlich politisch indoktrinierte Lehrer*innen zu filmen, wenn diese im Unterricht kontroverse Themen ansprächen.

Dabei ist es gerade die Bildung, die Alysons Meinung nach die Situation für queere Menschen in Brasilien verbessern könnte. „Bildung ist der Schlüssel dazu, unsere Situation zu verändern. Nur dadurch wird die Gesellschaft lernen, ihre eigene Vielseitigkeit zu respektieren.“

Ich fühle mich schlecht, weil ich mein Land gerne verlassen würde.

Alyson Carvalho

Viele junge Menschen würden darüber nachdenken, das Land zu verlassen, jetzt, da Bolsonaro an der Macht ist, erzählt Alyson. Und zwar nicht nur aus der queeren Community. „Ich kann das gut verstehen und glaube, dass es die beste Entscheidung ist.“ Er selbst hat ebenfalls schon darüber nachgedacht, auch weil die Bedingungen in Brasilien für junge Wissenschaftler*innen im Moment schlecht seien. „Ich fühle mich schlecht, weil ich mein Land gerne verlassen würde, aber es gibt keine Alternative.“ Auch Deutschland könnte er sich als zweite Heimat vorstellen.

Für Brasilien wünscht er sich, dass es ein Land mit weniger Ungleichheit und mehr Chancen für alle wird. Und trotz aller Probleme ist er sich sicher: „Die LGBTQ-Community hat hier schon immer hart für ihre Rechte gekämpft und sie wird weiterkämpfen.“