Wie ein Gesetz Menschen bedroht, die Sexualbegleitung anbieten

Sexualbegleiter*innen gehen in Pflegeheime, besuchen Menschen mit Behinderungen. Doch viele geben den Beruf auf, weil der Staat ein Gesetz geändert hat.

Wie ein Gesetz Menschen bedroht, die Sexualbegleitung anbieten

Eine Sexualbegleiterin liebkost einen körperlich und geistig behinderten Mann. Begegnungen wie diese erschwert ein Gesetz des Bundes. Archivbild: © dpa

Teelichter flackern, im Hintergrund läuft leise Musik, Andreas Vega wartet in seinem Rollstuhl. Er kann nur seinen Kopf und zwei Finger bewegen. Vega leidet an Muskelschwund, Mediziner*innen nennen seine Krankheit spinale Muskelatrophie. „Er war ziemlich nervös“, erinnert sich Deva Bhusha Glöckner. An diesem Abend hat sie Vega besucht, um mit ihm zu schlafen. Glöckner ist Sexualbegleiterin. Sie geht in Pflegeheime oder fährt zu Menschen mit schweren Behinderungen.

„Es ist immer noch ein Tabu, dass Menschen im Alter oder mit Behinderungen sexuelle Bedürfnisse haben“, sagt der Sexualwissenschaftler Harald Stumpe. In Merseburg bietet er den bundesweit einzigen Sexologie-Studiengang an. „Sex wird immer mit Jugend und Gesundheit assoziiert“, sagt Stumpe. Dabei gehört „Sexualität zu den menschlichen Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken und Schlafen“. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von sexueller Gesundheit und dem Recht auf Sexualität. Doch „der Großteil der Pflegeheime und Pfleger ist damit überfordert. In der Ausbildung spielt das Thema kaum eine Rolle“, sagt Stumpe.

Glöckner versteht sich als Lehrerin, als Betreuerin, nicht als Prostituierte.

Dort setzt die professionelle Sexualbegleitung an. Glöckner versteht sich als Lehrerin, als Betreuerin, nicht als Prostituierte. „Ich begleite Menschen auf dem Weg in ihre Sexualität. Ich zeige ihnen, was einer Frau gefällt“, sagt sie. Menschen, die sie buchen, zahlen für Zeit und nicht für Sex. Sie sprechen über Ängste und Wünsche, lernen einander kennen. Zum Geschlechtsverkehr kommt es nur, wenn beide bereit sind, wenn auch die Sexualbegleiterin sich wohl fühlt.

Vega hatte genug von Prostituierten, die immer dann mehr Geld verlangten, wenn sie ihn das erste Mal sahen. Genug von Escort-Damen, die ihn nur mit Handschuhen anfassen wollten, aus Angst, sich anzustecken. Glöckner und er, das sollte passen. Besser als er es sich hätte erträumen können.

Wie Glöckner zur Sexualbegleiterin wurde

Für Glöckner begann alles vor sechs Jahren, als sie sich im niedersächsischen Trebel zur Sexualbegleiterin ausbilden ließ. Dort hat der Begriff der Sexualbegleitung seinen Ursprung. Seit den 1990ern hat das Institut zur Selbstbestimmung Behinderter (ISBB) hier seinen Sitz. Lothar Sandfort, ein Psychologe, der mit 20 Jahren bei einem Autounfall verunglückte und seitdem querschnittsgelähmt ist, hat es gegründet. Er hat erlebt, wie es ist, die Macht über den eigenen Körper zu verlieren. Die Fähigkeit, sich zu bewegen, ging verloren. Das Bedürfnis nach sexueller Entfaltung und Befriedigung blieb. Jahrelang forschten die Pionier*innen der Behindertenbewegung deshalb nach Wegen, das auch Menschen mit Handicaps zu ermöglichen. „Im Schatten“, nennt Sandfort diese Zeit.

2002 erfolgte der Schritt in die Öffentlichkeit, das ISBB wurde aktiv, die erste Sexualbegleiterin ausgebildet. Sexualbegleiter*innen sind nach Sandforts Konzept spezialisierte und geschulte Kräfte. Prostituierte versuchen Gefühle herauszuhalten, Sexualbegleiter*innen arbeiten mit ihnen. Während der Ausbildung in Trebel lernen sie, emphatisch zu ihrem Gegenüber zu sein. Deshalb setzen Sandfort und sein Team auf eine praxisnahe Ausbildung. An erotischen Wochenenden in Trebel treffen Menschen mit Behinderungen auf angehende Sexualbegleiter*innen. Für viele ist es das erste Mal. Kaum jemand ist zuvor Menschen mit Behinderungen auf diese Weise nähergekommen. In Trebel lernen beide Seiten, Vertrauen aufzubauen, Berührungen zuzulassen und vor allem ehrlich zu sein. Eine Sexualbegleiterin spielt keine Emotionen vor. „Sie sollen keine Fantasien erfüllen“, sagt Sandfort.

Warum sich Sexualbegleiter*innen in ihrer Existenz bedroht sehen

Damit könnte es bald vorbei sein. Immer mehr Sexualbegleiter*innen sehen ihre Existenz bedroht. Der Grund: das Prostituiertenschutzgesetz von 2017. Eigentlich sollte es Kriminalität bekämpfen, Sexarbeiter*innen schützen und mit einer Anmeldepflicht Menschenhandel eindämmen. „Wir leiden unter den Veränderungen“, sagt ISBB-Gründer Sandfort. Der Wortlaut des Gesetzes macht aus Sexualbegleitung Prostitution.

Mitte Mai soll das neue Ausbildungsjahr in Trebel beginnen. Doch erstmals seit Bestehen der Einrichtung muss Sandfort den Lehrplan verändern. Eine Ausbildung für Sexualbegleitung bei Körperbehinderungen kann er nicht mehr anbieten. „Sobald eine gesunde Hand einen behinderten Körper intim berührt, gilt das nun als Prostitution“, sagt er. Die Folge: Immer weniger Menschen wollen eine Ausbildung beginnen, immer weniger Einrichtungen ihre Bewohner nach Trebel bringen. Eine Katastrophe für das Ausbildungsinstitut, wie Sandfort sagt.

Auch die Münchner Sexualbegleiterin Glöckner fühlt sich durch das Gesetz eingeschränkt. Sie musste sich beim Amt als Prostituierte anmelden. „Der Münchner Sperrbezirk ist riesig“, sagt sie. In diesem Teil der Stadt dürfen Sexarbeiter*innen keine Dienstleistungen anbieten. Auch Glöckner kann dort nun keine Menschen oder Pflegeheime mehr besuchen. Viele Massagestudios, die Heilarbeit leisten, müssen schließen, andere Sexualbegleiter*innen können nicht mehr in ihrer Wohnung arbeiten. Sie sind überfordert mit den neuen Vorschriften. „Eine Kollegin muss Kondome aufstellen, obwohl sie keine nutzt, weil es nie zum Geschlechtsverkehr kommt“, sagt Glöckner. Viele Sexualbegleiter*innen geben den Beruf auf: Studierende, die Angst vor der Anmeldung haben. Frauen, die noch einen anderen Beruf ausüben und nicht wollen, dass der neue Prostituierten-Pass zur Kündigung führt. Sexualbegleiter*innen, die nicht stigmatisiert werden wollen. „Für uns hat das Gesetz keinen einzigen Nutzen“, sagt Glöckner.

Ein guter Sexualbegleiter tut mehr, als für eine schnelle Entladung zu sorgen.

Sexualwissenschaftler Harald Stumpe

„Ich würde klar zwischen Prostitution und Sexualbegleitung unterscheiden“, sagt auch der Sexualwissenschaftler Stumpe. „Ein guter Sexualbegleiter tut mehr, als für eine schnelle Entladung zu sorgen. Es geht dabei auch um Zärtlichkeitsaustausch, um Berührungen und Nähe“, sagt er. Stumpe fordert: „Die Politik sollte handeln und das Gesetz überarbeiten.“

Sebastian Vega, der an Muskelschwund erkrankte Klient, hatte Glück. Er hat durch die Sexualbegleitung seinen Körper neu kennengelernt, hat die Erfahrung gemacht, dass er trotz seiner Behinderung sexuell aktiv sein kann. Er hat sogar die große Liebe gefunden, heute sind er und Glöckner ein Paar. Ein Happy End, das anderen Menschen mit Handicap nun verwehrt wird, befürchtet die Sexualbegleiterin.