Wie ein Hersteller von Sexspielzeugen die Covid-19-Pandemie erlebt

Johannes Plettenberg, Chef einer Sexspielzeug-Firma, verzeichnet gerade eine hohe Nachfrage nach seinen Produkten. Sie zu entwickeln, ist während der Covid-19-Pandemie allerdings schwieriger geworden. Ein Interview

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Auch die Entwicklung von Sexspielzeugen ist während der Corona-Pandemie nicht mehr im Labor möglich. Fotos: © WOW Tech

Erst kürzlich riss ein Meme die Internetgemeinde aus ihrer Büro-Bubble, das zeigte, wie schwierig es für manche Berufsgruppen ist, ihrem Job im Homeoffice ganz normal nachzugehen.

Wie sich die Arbeit in den eigenen vier Wänden gestalten kann, wenn das natürliche berufliche Habitat eigentlich ein Labor ist, das erzählt Johannes Plettenberg. Er ist CEO der WOW Tech Group, die die Sextoy-Marken Womanizer und WeVibe betreut. Im Interview gibt er einen Einblick hinter die Kulissen der improvisierten Homeoffice-Labore der Mitarbeitenden und erzählt, wie man Innovation in Zeiten von Corona vorantreibt.

Johannes, erst mal kurz zu dir: Du bist ehemaliger Banker, hast beim Flugzeughersteller Bombardier gearbeitet und bist jetzt CEO der WOW Tech Group. Banken und Sextoys liegen ziemlich weit auseinander. Wie bist du zur Sex-Tech-Branche gekommen und was fasziniert dich an ihr?

Johannes Plettenberg: Es war die Kombination aus großer Herausforderung in einer neuen und spannenden Industrie und, ehrlich gesagt, ein wenig Langeweile in meinem vorherigen Job, die mich zum Berliner Sextoy-Start-up Amorelie brachte. Dort habe ich von Anfang 2015 bis Anfang 2017 als CFO gearbeitet.

Neben der Tatsache, dass Sexual-Wellness-Produkte die Leben vieler Menschen bereichern und sie glücklich macht, spielte natürlich auch das große Potential der Industrie eine maßgebliche Rolle, als sich mir die Chance bot, selbst ein Unternehmen in diesem Bereich zu gründen. Der Erfinder Michael Lenke suchte einen Käufer für seine Marke Womanizer. Die Produkte von Womanizer zählten bei Amorelie zu den absoluten Bestsellern und die Bewertungen klangen meist fast zu gut, um wahr zu sein. Mir war klar, dass die Marke mit den dazugehörigen Produkten und der patentierten Technologie genau das war, worauf ich gewartet hatte.

Ich bekundete mein Interesse als Käufer und nach mehreren Verhandlungsrunden habe ich das Unternehmen gemeinsam mit einer Gruppe Privatinvestoren Anfang 2017 gekauft. Das war der Grundstein für die WOW Tech Group, die dann im Juli 2018 durch den Zusammenschluss mit dem kanadischen Sextoy-Hersteller WeVibe entstand.

Besteht derzeit ein erhöhter Bedarf an Sextoys? Wenn ja, wie merkt ihr das?

Tatsächlich ja. Wir verzeichnen zurzeit global eine stark gestiegene und anhaltende Nachfrage nach unseren Produkten – gerade im eCommerce Bereich. In vielen Ländern liegen die Umsätze und Verkäufe über unserer internen Prognose, die in der Regel schon hoch gesetzt ist. Als Beispiel: In der DACH-Region lagen wir im März mit unserer Marke Womanizer 41 Prozent über dem Budget.

Ihr investiert viel Zeit und Geld in Forschung und Entwicklung. Die meisten kennen Sexspielzeuge aus ihrer Nachttischschublade und nicht aus Laboren. Wie sehen eure Labore aus?

Unsere Labore in Berlin und Ottawa dienen zum einen dem Prototypenbau, zum anderen dem mechanischen, elektrischen und elektromagnetischen Vermessen von Bauteilen und Komponenten, sowie der Qualitätsprüfung.

In den Laboren werden für den Prototypenbau verschiedene mechanische und elektrische Arbeiten erledigt. Neben jeder Menge Silikon werden auch Hartplastikteile benötigt, die wir mit verschiedenen 3D-Druckverfahren in unseren Räumen anfertigen. Des Weiteren arbeiten unsere Ingenieur*innen für spezifische Messaufgaben mit eigens konzipierten Prüfständen und Präzisions-Messgeräten.

Wie ist der normale Arbeitsablauf bei der Entwicklung?

Zu Beginn evaluieren wir Nutzerbedürfnisse und Anforderungen an die Produkte. Dafür bedienen wir uns an Methoden der nutzerzentrierten Produktentwicklung, zum Beispiel Design Thinking. Parallel analysieren und bewerten wir den Markt und bestehende Produkte, um die Neuentwicklung, basierend auf einem Business Case, in unsere Portfoliostrategie zu integrieren. Weiterführend werden im Rahmen der technischen Produktentwicklung ebenfalls Design- und Ergonomiestudien angestoßen.

Sobald die ersten Prototypen konzipiert und gebaut sind, beginnen die Nutzer*innentests. Danach schließt sich ein iterativer Prozess von Prototypenbau, Nutzer*innentests und Nutzer*innenfeedback an, bis wir ein optimales Ergebnis für unsere Kund*innenschaft erzielen.

Das Business mit den Sextoys lebt von Innovationen und Patentanmeldungen. Wie treibt man eigentlich Innovation in Zeiten von Covid-19 voran? Ist jetzt überhaupt der richtige Zeitpunkt, um an Innovationsthemen zu arbeiten?

Das Thema Innovation ist generell ein langfristiges Thema. Man benötigt Zeit, Budget und Ressourcen, um kontinuierlich innovative Produkte zu kreieren. In Krisenzeiten, wie aufgrund von Covid-19, ist es wichtig, sich zu fokussieren und das gilt für sämtliche Bereiche des Unternehmens. Das bedeutet konkret bei uns für die Produktentwicklung, an Projekten zu arbeiten, die vielversprechend und in näherer Zukunft umsetzbar sind. Das bedeutet nicht, dass langfristige Ideen und Projekte komplett verworfen werden, sie stehen derzeit nur nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.

Um dennoch sicherzustellen, dass unsere Ingenieur*innen auch im Homeoffice an Prototypen arbeiten und die Forschung vorantreiben können, haben sich die meisten ihren Arbeitsplatz mitsamt der entsprechenden Ausrüstung und technischer Geräte nach Hause geholt.

Wie sehen die improvisierten Labore aus?

Einer unserer Constructing and Development Engineers hat zwei 3D-Drucker kurzerhand in seine Vorratskammer eingebaut. Bei anderen Teammitgliedern steht nun ein Lötkolben im Schlafzimmer oder ein Labornetzgerät im WG-Wohnzimmer.

Was sind die Ziele fürs Homeoffice in Sachen Entwicklung und Innovation?

Die Mantren sind Business as usual – so gut es eben geht – und Back to the roots. Michael Lenke hat den ersten Womanizer in seiner hauseigenen, kleinen Werkstatt entwickelt und aufgrund der aktuellen Situation wandeln wir quasi auf seinen Spuren.

Wir arbeiten laufend an neuen Produkten und Technologien und nicht alle Innovationen sind logischerweise in der gleichen Entwicklungsphase. Während manche Projekte noch im Anfangsstadium sind, sind andere bereits so weit, dass sie unseren B2B-Partner*innen angekündigt werden können.

Ziel ist es, die für uns wichtigsten Produkteinführungen dieses Jahr definitiv umzusetzen. Im Sommer launchen wir zum Beispiel die Marke Arcwave, die sich auf Sextoys für Männer konzentriert. Das ist einer unserer diesjährigen Meilensteine und Highlights.

Was ist die größte Herausforderung für die Entwicklung der Spielzeuge im Homeoffice?

Der fehlende, direkte Austausch mit Teamkolleg*innen. Normalerweise können wir über den Schreibtisch hinweg Kleinigkeiten klären, oder kurz über den Flur zu einem anderen Team gehen, um Feedback oder Input abzufragen. Auch wenn wir es gewohnt sind, uns per Videotelefonat über Kontinente hinweg auszutauschen, ist die rein virtuelle Absprache in bestimmten Projektphasen anstrengender und langwieriger.

Zudem stehen den Ingenieur*innen nicht alle Geräte zu Hause zur Verfügung. Bestimmte mechanische Arbeiten, zum Beispiel Fräsen oder Drehen, können nur im Labor erledigt werden. Für gewisse und unabdingbare Tests der Prototypen müssen sie gegebenenfalls ins Büro gehen. Außerdem gibt es auch Tests, die schlicht und ergreifend zu laut sind, um sie in den eigenen vier Wänden durchzuführen.

Haben euch die Umstände der Corona-Krise auf eine neue Innovationsidee gebracht?

Das gesamte Team hat in den vergangenen Wochen einen starken Zusammenhalt, Engagement, Flexibilität und Kreativität gezeigt. So springt auch mal eine Kollegin aus der Strategieabteilung ein, um bei einem Marketingprojekt zu unterstützen, oder jemand aus dem Sales-Team unterstützt bei der Content Creation für Social Media.

Durch diese Bewegungen und einen firmeninternen Aufruf, kreativ zu werden, sind tatsächlich einige Ideen in den letzten Wochen entstanden und das nicht nur in unserem F&E-Department.


Von Nicole Plich auf Business Punk.

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