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Wie ein Zufall einen mehrfachen Räuber ins Gefängnis brachte

Weil er Geldsorgen hat, lauert ein 22-Jähriger Pizzaboten auf und raubt sie aus. Fünfmal kann er fliehen. Doch beim sechsten Mal trifft er auf einen alten Bekannten. 

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Die Staatsanwaltschaft wirft dem Täter schwere räuberische Erpressung vor, weil er jedes Mal ein Messer in der Hand hielt. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Als der Pizzabote Enrique, 37, am Abend des 17. Oktober 2018 eine Lieferung ausfahren soll, ist er nervös. Die Pizza soll um 20:45 Uhr geliefert werden. Es ist seit Stunden dunkel.

Beides keine guten Zeichen für die Angestellten einer Lieferkette in Berlin-Kreuzberg. In den vergangenen Wochen sind drei seiner Kollegen überfallen worden. Es lief dreimal gleich ab. Eine Terminlieferung für den späten Abend, bestellt übers Internet. Als die Fahrer ankamen, fanden sie den Namen nicht auf dem Klingelschild. Sie riefen an. Doch die Nummer war jedes Mal falsch. Sie steckten das Handy weg und wollten gerade gehen, da stand der Täter vor ihnen. Mit einem Messer in der Hand verlangte er ihr Portemonnaie.

Mit einem mulmigem Gefühl verstaut Enrique die Pizza in der Lieferbox seines Rollers und fährt zur angegebenen Adresse. Ein Hochhaus, 19 Stockwerke, drumherum Gebüsch und Bäume. Er findet den Namen nicht auf der Klingel. Mal anrufen. Die Nummer vom Bestellzettel? Falsch verbunden. Jetzt bloß schnell weg. Da löst sich ein Schatten aus dem Gebüsch. Dann stehen sie sich gegenüber, zwischen ihnen nur der Roller. „Gib mir dein Geld“, sagt der Mann. Er sieht jung aus und spricht leise. In der rechten Hand hält er ein Messer, aber nah am Körper. Auf Enrique wirkt er nicht sehr gefährlich. Also sagt er „Nein“ dreht sich um und spurtet los. Er flüchtet in ein nahegelegenes Hotel und ruft den Chef an. Wenn er heute über den damaligen Abend spricht, grinst er. Gelitten habe er unter der Tat nicht, nur den Abend über sei er nervös gewesen.

Plötzlich ist da dieser Mann mit Messer

Drei Tage später kommt eine weitere Bestellung mit Liefertermin. Zwei Pizzen, ein Getränk. Ein Hinterhof in Berlin-Friedrichshain. Ein 20 Jahre alter Bote fährt hin. Er findet den Namen nicht auf der Klingel. Der Bote versucht, zweimal anzurufen. Nichts. Plötzlich ist da wieder dieser Mann mit Messer, der so nervös und unsicher wirkt und sagt: „Gib mir dein Geld.“ Der Fahrer gibt es ihm, es sind gerade mal 30 Euro.

Es ist jetzt der fünfte Überfall innerhalb von vier Wochen. Die Stimmung bei den Fahrern ist angespannt. Denn jeden Tag bestellen viele Leute ihre Pizza für einen bestimmten Liefertermin vor. Jedes Mal könnte es der Räuber sein. Die Polizei ist längst informiert, aber es gelingt ihnen nicht, den Täter ausfindig zu machen.

Der Typ aus der Parallelklasse

Sieben Tage später führt sie ein Zufall auf die Spur des Täters. Terminbestellung, 21 Uhr. Der 22-jährige Tuan fährt die Tour. Auf dem Klingelschild sucht er vergeblich den Namen. Als er sich umdreht, steht der Mann direkt vor ihm. Wieder dieses Messer, das er auf Hüfthöhe hält und der leise gesagte Satz: „Gib mir dein Geld.“ – „Ich habe keins“, lügt Tuan. Dann stutzt er. Diesen Typ kennt er doch. Nachbarklasse Grundschule. „Bist du nicht Frederic?“ – „Nein.“ Doch Tuan ist sich sicher. Er ist es. Die beiden fangen an, zu diskutieren. Schließlich sagt der Mann mit dem Messer: „Gib mir wenigstens 10 Euro, dann lasse ich dich gehen.“ Doch Tuan weigert sich, er fragt, ob er nicht stattdessen die Pizza haben will. Doch die will Frederic nicht. Dann sieht Tuan in der Nähe ein paar Menschen. Er ruft nach Hilfe und rennt weg. Später geht er zur Polizei. Die nimmt Frederic etwa eine Woche später zu Hause fest. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm schwere räuberische Erpressung vor, weil er jedes Mal ein Messer in der Hand hielt. Benutzt hat er es nie. Seine Beute aus allen Taten: 275 Euro.

Als es Mitte April zum Prozess kommt, stehen seine 22 Jahre alte Verlobte und deren Mutter draußen vor der Tür. Sie sind seit zwei Jahren zusammen, erst während seiner Zeit in Untersuchungshaft haben sie entschieden, zu heiraten. Obwohl sie ihn nur zweimal im Monat besuchen darf, habe die Haft sie zusammengeschweißt. Sie wäscht ihm seine Wäsche mit extra viel Weichspüler, so wie er es mag. Aus einer vorigen Beziehung hat sie eine vierjährige Tochter, für die Frederic nun wie ein Vater ist. Sie malt Karten für ihn, die die Freundin dann mit ins Gefängnis bringt. „Ich hoffe, dass der Richter das Gute in ihm sieht, was wir auch in ihm sehen“, sagt sie.

Ein abgelaufener Pass setzt beim Täter alles in Gang

Im Saal 817 des Landgerichts Berlin sehen die beiden Richter und die zwei Schöffinen der 34. Strafkammer zunächst einen Mann im schwarzen Pulli mit Undercut auf der Anklagebank. Mit leiser Stimme sagt er „Ich habe die Taten begangen.“ Um zu erklären, warum, muss er etwas ausholen.

Er ist geboren und aufgewachsen in Berlin, hat aber einen kongolesischen Pass. Der läuft im Jahr 2018 ab, weshalb er rechtzeitig einen neuen beantragt. Im Herbst desselben Jahres beginnt er eine Ausbildung zum Sozialassistenten an einer Privatschule. Um das Schulgeld zu zahlen, muss er nebenher arbeiten gehen. Doch ohne gültigen Pass hat er keinen Aufenthaltstitel, kein Bäfog, keine Arbeitsgenehmigung. Er wartet und wartet, doch der Pass kommt nicht.

Er fragt seine Eltern nach Geld, doch die können nicht helfen. Er hat fünf Geschwister und die Familie wenig Geld. Er traut sich nicht, seine Freundin nach Geld zu fragen. Bei der Schule ist er Zahlungsrückstand und auch beim Schwarzfahren wird er erwischt. Er hat mehr als 1.000 Euro Schulden. „Dann bin ich auf die dumme Idee gekommen, Pizzaboten Geld zu entnehmen“, sagt er. „Ich wusste keinen anderen Ausweg.“

Bei den Taten habe er sich „dilettantisch“ angestellt, sagt der Staatsanwalt. Die Tatorte waren in der Nähe seiner eigenen Wohnung, wodurch die Gefahr stieg, erkannt zu werden. Frederic war unmaskiert, was es erleichterte, ihn zu identifizieren. Der Staatsanwalt fordert für alle sechs Taten fünf Jahre Haft – und bleibt damit am untersten Ende des möglichen Strafrahmens. „Für den Angeklagten spricht, dass er Reue zeigt und nicht vorbestraft ist“, sagt er. Er habe zur Aufklärung der Fälle beigetragen und die Opfer hätten keine Spätfolgen davongetragen.

Frederics Verteidigerin sagt, sie habe keine Forderung an das Strafmaß. Sie bittet aber, zu bedenken, dass er keinen anderen Ausweg gesehen habe und die Beute niedrig gewesen sei.

Die Kammer verurteilt ihn schließlich zu drei Jahren und zehn Monaten Haft. Als Frederic das Urteil hört, schluckt er. Bis er die Haftstrafe antritt, darf er aus der Untersuchungshaft, sagt der Richter dann. Seiner Freundin huscht ein Lächeln übers Gesicht.

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