Wie eine junge Frau in der vermeintlichen Männerdomäne Landwirtschaft arbeitet

Lea ist Obstbaumeisterin auf dem Hof der Eltern. Wegen der Hitze und Dürre hatte der Hof große Einbußen – nur bei den Äpfeln nicht, um die sie sich alleine kümmert. Über ihre Erfahrungen in einer vermeintlichen Männerdomäne.

Bild 1_Lea U. mit Äpfeln_Foto von Anja Wölker

Lea bei ihren Äpfeln. Foto: © Anja Wölker

In der zehnten Klasse musste Lea Unterhansberg eine Entscheidung treffen. Soll sie den Hof ihrer Eltern in Mühlheim an der Ruhr einmal übernehmen? Damals war sie 16 Jahre alt. Der Hof, das sind Pferde mit Reitstall, Hühner, Hunde, Felder mit Erdbeeren, Spargel, Kartoffeln, Kürbissen, Äpfeln, ein Hofladen, acht Festangestellte und Saisonarbeiter*innen. Das Obst und Gemüse muss das ganze Jahr über gepflanzt, gewässert, von Unkraut und Schädlingen befreit, geerntet und verkauft werden. Die Tiere müssen gepflegt und gefüttert, die Angestellten bezahlt werden. Ein typischer neun bis 17 Uhr Job ist das nicht.

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Insgesamt 75 Pferde stehen auf dem Buchholz-Hof in Mülheim an der Ruhr. Foto: © Anja Wölker

„Zwölf Stunden Arbeit, die schaffen wir fast täglich“, sagt die 25-Jährige heute. „Ich bin eigentlich den ganzen Tag draußen auf dem Feld unterwegs, ob bei Regen oder Hitze.“ Für Lea kam nichts anderes infrage. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Anne wird sie den Hof in ein paar Jahren leiten. Wenn ihr Vater in Rente geht, dann stehen die Schwestern an der Spitze des Betriebs. Das ist ein seltenes Bild in der Landwirtschaft.

Frauen in der Landwirtschaft sind in der Minderheit

In Deutschland waren 2016 nach Angaben des Statistischen Bundesamts von etwa 940.000 Arbeitskräften auf landwirtschaftlichen Betrieben 64 Prozent Männer und 36 Prozent Frauen. Unter den Betriebsleiter*innen ist dieser Unterschied noch merklicher, hier sind gerade zehn Prozent weiblich. Diese Zahlen haben sich über die Jahre kaum verändert. Ende der 1990er gab es genauso wenig Betriebsleiterinnen und Arbeiterinnen auf den Höfen.

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Während Leas Berufsbildung waren die Geschlechterverhältnisse genauso unausgeglichen. Nach ihrem Abitur hat sie erst eine Ausbildung zur Gärtnerin mit Fachrichtung Obstbau gemacht. Danach hat sie eine Meisterschule besucht, um Obstbaumeisterin zu werden. „Von jeweils knapp 25 Auszubildenden waren wir je zwei Frauen. Da hatte ich schon das Gefühl, dass ich mir erstmal Anerkennung und Respekt erarbeiten muss. Ich wollte zeigen, dass ich genauso mitreden kann, wenn es um Trecker, Maschinen und Geräte ging.“

Bei den Äpfeln ist Lea auf sich alleine gestellt

Heute ist Lea für die Erdbeeren und den Spargel auf dem Hof zuständig: „Gemeinsam mit meinem Vater entscheide ich, wann geerntet wird, was und wie schnell und wo als nächstes gepflückt wird.“ Ihre Hauptaufgabe ist aber der Apfelanbau: „Nach der Ausbildung habe ich meinem Vater gesagt, ich würde gerne Äpfel anbauen. Da meinte er: ‚Ok, auf deine Verantwortung. Das musst du aber alles komplett selbst machen, denn ich habe das nicht gelernt.'“ Während der Meisterschule, kam Lea dann immer an den Wochenenden nach Hause und hat im Winter ihre Bäume gepflegt und geschnitten. In diesem Jahr zeigt sich, dass sich Leas Arbeit besonders gelohnt hat. Denn die Früchte ihrer Bäume retten die komplette Ernte des Hofes.

Wie die Ernten vieler Landwirt*innen in Deutschland, haben auch die Pflanzen der Familie Unterhansberg unter der Dürre des Sommers gelitten. „Beim Getreide haben wir ein leichtes Defizit, das ist noch zu verkraften. Wir haben aber 30 Prozent weniger Kartoffeln und sie sind klein.“ Das sei ein Nachteil, denn die Kunden würden lieber große Kartoffel kaufen wollen. „Auch bei den Erdbeeren haben wir rund 20 Prozent weniger. Die Früchte sind bei der Hitze so weich geworden, dass wir sie kaum noch pflücken konnten. Dafür sind die Äpfel stark. Die retten uns dieses Jahr.“

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Eine starke Apfelernte, das bedeutet viele und große Äpfel. Lea konnte ihre Äpfel bewässern, so konnten die Früchte ausreichend wachsen. Jetzt müssen sie nur noch die richtige Farbe bekommen. Zwar sind die Äpfel noch nicht abgeerntet, den Erfolg kann sie aber schon absehen: „Dafür bin ich schon durch die Reihen durchgegangen und habe stichprobenartig die Äpfel an den Bäumen gezählt, um hochzurechnen, wie es aussieht.“ Das sei der Vorteil, viele unterschiedliche Kulturen anzubauen; in einem Jahr wächst die eine Pflanze sehr gut, mal die andere.

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Mitte Oktober wird die Apfelernte abgeschlossen sein. Foto: © Anja Wölker

Die Arbeit der Landwirt*innen hat sich gewandelt

Jeden Tag an der frischen Luft zu sein und von den ersten Blüten an im Frühjahr zu beobachten, wie ihre Äpfel wachsen, das mache Lea am meisten Spaß. Empfehlen würde sie ihren Job jedem*r, besonders den Frauen: „Es ist nicht mehr dieser Kraft- und Knochenjob, heute ist es viel einfacher durch die Maschinen und Geräte. Die kann jeder fahren. Wenn es dann wirklich mal um mehr Kraft geht, ist dann auch immer irgendwo ein Mann, den man um Unterstützung fragen kann.“

Wenn man viel und gerne draußen ist, ist es ein großartiger Job.“ – Lea Unterhansberg

Warum waren dann auch so wenig Frauen in ihren Ausbildungsjahrgängen? „Wenn ich einen älteren Bruder gehabt hätte, der den Hof hätte übernehmen wollen, dann weiß ich auch nicht, ob ich heute hier stehen würde.“ Alle Männer, bis auf eine Person in Leas Meisterschule, kamen aus Familienbetrieben. „Da war es wahrscheinlich in den Familien klar, dass die Schwestern, die Höfe nicht führen werden“, vermutet Lea. Dabei seien gerade die Leute, die nicht aus den Familienbetrieben kommen und die Ausbildung machen, sehr gefragt. „Darüber würde ich mich unglaublich freuen, wenn auf unserem Hof noch eine weitere Meisterin arbeiten würde,“ sagt Lea. „Wenn man viel und gerne draußen ist, ist es ein großartiger Job.“