Wie eine Kameraaufnahme einen Mann wegen versuchten Totschlags vor Gericht bringt

Nach einer Nacht im Club lässt ein Mann seine Freundin nicht direkt vor ihrer Wohnung aus dem Auto. Kurz vor ihrer Haustür tritt ihr ein Betrunkener in den Weg. Dann eskaliert die Situation – und eine Kamera zeichnet alles auf. 

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Das Handgemenge kurz vor der Tat. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Monate nach der Tat wird das befreundete Paar vor Gericht von einem bis dahin schönen Abend sprechen. An einem Freitagabend im Oktober 2018 treffen sich die Verlobten Can* und Izel* mit einem befreundeten Paar und fahren mit dem Auto zu einem Club am Alexanderplatz. Sie trinken, tanzen, die Stimmung ist ausgelassen. Wer wie viel genau getrunken hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Can, 24, soll sechs oder sieben Gläser Wodka-Red-Bull getrunken haben. Er wirkte nicht aggressiv, eher gut drauf, sagt das befreundete Paar vor Gericht.

Um kurz nach zwei Uhr verlassen sie den Club und fahren im Auto nach Wedding. Dort wohnt Izel, 23. Obwohl die beiden verlobt sind, sollen Izels Eltern nicht wissen, dass sie zusammen sind. Also parken sie den Wagen nicht vor der Haustür, sondern ein Stück entfernt.

Die Tat

Dieses Detail ist entscheidend für den Fall, denn nun muss Izel den Gehweg entlang zu ihrer Haustür gehen. Im Auto soll es zu einer kurzen Diskussion gekommen sein. Zu gefährlich, kann da nicht jemand mit? Das befreundete Paar steigt aus und läuft ihr hinterher. Can bleibt sitzen. Izel läuft jetzt an einer Überwachungskamera vorbei, die vor einem Café hängt. Die Aufnahme ist das wichtigste Beweisstück im Prozess gegen Can, der sich wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Berlin verantworten muss.

Auf dem Überwachungsvideo sieht man, wie Izel ein Mann entgegenkommt. Er schwankt. Izel versucht, ihm auszuweichen, dann verschwinden beide kurz aus dem Bild. Zu ze.tt sagt Izel, dass er sie Hure genannt und sie am Arm angefasst habe. Das befreundete Paar kommt dazu und schiebt den Mann beiseite. Er wehrt sich nicht, schwankt nur weiter. Den Mann und Izel trennen bereits einige Meter. Die Gefahr für sie scheint vorüber. Doch plötzlich kommt Can ins Bild gerannt – genau auf den Betrunkenen zu, der ihm den Rücken zuwendet. Can springt ab und rammt dem Mann sein linkes Bein in den Rücken. Er stürzt zu Boden und schlägt mit dem Gesicht auf den Steinboden. Sofort beginnt Can von oben auf seinen Kopf einzutreten. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Dann schubst Izel ihn weg.

Bist du bescheuert? Der stirbt hier, dafür willst du nicht in den Knast!

Ein Passant, der herbeigeeilt kam

Jetzt kommt ein unbeteiligter Mann über die Straße geeilt, schiebt sich zwischen Can und den Getroffenen und kniet sich neben ihn. Dieser liegt regungslos auf dem Boden, aus Ohren und der Nase fließt Blut, das sich zu einer Lache sammelt. 40 Zentimeter Umfang, sagt ein Polizist später vor Gericht. Ein Zeuge, der im ersten Stock direkt über dem Tatort wohnt, ist von dem Lärm wach geworden und auf seinen Balkon getreten. Er sagt aus, der kniende Mann habe Can angeschrien: „Bist du bescheuert? Der stirbt hier, dafür willst du nicht in den Knast.“

Die Gruppe scheint zu debattieren, unschlüssig, was sie tun soll. Nach etwa einer Minute laufen Can und das befreundete Paar aus dem Bild. Izel bleibt zusammengekauert vor ihrer Haustür zurück. Sie hyperventiliert. Wenig später treffen Polizei und Rettungswagen ein, der Zeuge aus dem ersten Stock hat sie gerufen.

Ein Rettungswagen bringt den am Boden liegenden Mann in ein Krankenhaus. Diagnose: Trümmerbruch oberhalb des Auges, Knochensplitter, die ins Stirnbein eingedrungen sind. Sein Blut hat einen Alkoholgehalt von 2,3 Promille. Die Ärzt*innen sägen ihm den Schädel auf und operieren. Alles verläuft planmäßig. Nach einer Woche wird er entlassen.

Elf Tage nach der Tat nimmt die Polizei Can fest, seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Der Prozess

Auch wenn das Video keinen Ton hat, lässt sich die Tat leicht rekonstruieren. Im Prozess geht es deshalb eher um andere Fragen: Warum rastete Can so aus, obwohl für seine Freundin keine akute Gefahr mehr bestand? Wie betrunken und damit schuldfähig war er? Wollte er den Mann töten und waren dessen Verletzungen lebensbedrohlich?

Doch Can äußert sich nicht zum Geschehen. Der junge Mann mit dem hohen Haaransatz sitzt stumm neben seinem Verteidiger. Seine Lippen umspielt die Andeutung eines Lächelns. Sein Anwalt Philipp Stucke sagt, sein Mandant sei „zu aufgeregt“, um auszusagen. Auch seine Verlobte schweigt. Als Angehörige muss sie nicht aussagen. Doch Stucke verliest eine Erklärung. Darin räumt Can die Tat ein. „Ich habe gedacht, meine Verlobte wäre zu Boden gegangen“, heißt es in der Erklärung. Can habe nicht aus Eifersucht, sondern aus Sorge um sie so gehandelt. Er habe gedacht, dass er lediglich einmal zugetreten hätte. Erst als er das Video gesehen hätte, sei ihm klargeworden, dass es drei Tritte waren. „So ein Mensch bin ich eigentlich nicht.“

Was für Mensch Can ist, soll eine psychologische Sachverständige herausfinden. Sie hat vor dem Prozess mit Can gesprochen. Er habe ein gutes Verhältnis zur Familie, sei nicht vorbestraft und arbeite als Kurierfahrer und Chauffeur. „Er sagt, dass er sonst nur alle zwei bis drei Monate Alkohol trinke, Drogen nimmt er nie.“ Psychische Erkrankungen lägen nicht vor. Sie ist der Ansicht, dass Can an jenem Abend zwar betrunken war, aber längst nicht so, dass er nicht mehr wusste, was er tat. „Die Art, wie er auf das Opfer zurennt und mit beiden Beinen abspringt, weist auf einen hohen Koordinationsaufwand hin. Wer richtig betrunken ist, bekommt so etwas nicht mehr hin.“

So ein Mensch bin ich eigentlich nicht.

Der Angeklagte

Beim Angegriffenen sieht das anders aus. Er ist als Zeuge geladen, hat aber keine Erinnerungen mehr an die Tat. Er sei an jenem Abend mit einem Freund etwas trinken gewesen, danach erinnere er sich an nichts mehr. „Erst durch das Video ist mir klargeworden, was passiert ist“, sagt er. Richter Gregor Herb fragt: „Wissen Sie, warum Can Sie angegriffen hat?“ Die Antwort: „Nein.“

Schließlich erhebt sich Can steif von seiner Bank und wendet sich an sein damaliges Opfer. „Ich bereue von ganzem Herzen, was ich getan habe. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen.“ Außerdem möchte er ihm 3.500 Euro Schmerzensgeld anbieten. Der Mann schaut nur kurz zu Can und nickt. „Ich nehme das Geld und die Entschuldigung an.“

Nach Ansicht der Bilder ist es erstaunlich, dass eine geladene Gerichtsmedizinerin sagt: „Die erlittenen Verletzungen waren nicht lebensgefährlich.“ Ob der Mann nur Glück hatte oder ob weitere Tritte die Lage womöglich geändert hätten, dazu sagt sie nichts.

Das Urteil

Die Staatsanwältin fordert viereinhalb Jahre Haft für Can. Im Zuschauerraum fängt Izel an zu weinen. Can habe die Tat aus einem nichtigen Anlass begangen, sagt die Staatsanwältin. „Er nahm den Tod des Geschädigten zumindest billigend in Kauf. Er dachte, er würde nicht überleben und floh“, sagt sie. Lediglich seine Verlobte und ein dazugeeilter Passant hätten ihn davon abgehalten, weiter auf den Angegriffenen einzutreten. „Dass er keine Spätfolgen davongetragen hat, ist reines Glück“, sagt sie. Andere Menschen hätten das vielleicht nicht überlebt.

Cans Verteidiger versucht, seinen Mandanten in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. „Wir sprechen hier über einen ordentlichen, jungen Mann, der an einem Abend die Kontrolle verloren hat und sich von einer irrationalen Angst um seine Freundin hat leiten lassen.“ Sein Mandant sei geständig gewesen, nicht vorbestraft und habe dem Geschädigten Geld angeboten. Er fordert ein Haftstrafe von zweieinhalb bis drei Jahren. Bis zum Antritt der Strafe solle Can aus der U-Haft entlassen werden.

Das Gericht verurteilt ihn schließlich zu dreieinhalb Jahren Haft – im offenen Vollzug. Wenn Can sich an die Regeln hält, pünktlich ist und keine Drogen nimmt, darf er tagsüber arbeiten und muss abends zurück ins Gefängnis.“Es soll nicht zum totalen Knick in seinem Leben kommen“, sagt Richter Herb. Bis zum Beginn seiner Haftstrafe darf Can die Untersuchungshaft verlassen.

Ich habe mir geschworen, nie wieder Alkohol zu trinken.

Cans Verlobte Izel

„Ihnen war klar, dass er daran hätte sterben können“, sagt der Richter zu Can, der aus dem Fenster starrt. Seine Lippen sind zusammengepresst, das Lächeln verschwunden, die Arme verschränkt. „Das Video zeigt nicht, dass der Geschädigte ihre Verlobte berührt hat. Eine mögliche Beleidigung konnten Sie im Auto wartend nicht hören. Außerdem hatte ihr Freund alles geklärt, als Sie angerannt kamen und dem Geschädigten in den Rücken sprangen.“ Das Gericht folgt der Einschätzung der Psychologin. Can sei nicht so betrunken gewesen, dass er nicht mehr gewusst habe, was er tue.

Nur warum Can getan hat, was er getan hat, das scheint niemand erklären zu können. Izel sagt zu ze.tt: „Ich kenne ihn seit acht Jahren, so habe ich ihn noch nie erlebt.“ Für sie ist der Alkohol die Ursache. „Ich verstehe nicht, warum wir Alkohol trinken“, sagt sie. „Ich habe mir geschworen, nie wieder etwas zu trinken. Mein Verlobter hat angefangen zu beten.“ Wie es mit ihnen und ihrer Beziehung weitergeht, weiß sie noch nicht. „Er ist jetzt erstmal draußen. Das ist alles was zählt“, sagt sie. Dann eilt sie davon, zu Pforte eins, wo Can nach fünfeinhalb Monaten in Untersuchungshaft für einige Zeit wieder in Freiheit kommt.

* Namen nach den Wünschen der Protagonist*innen geändert