Wie eine Mutter und ihr Sohn im Rollstuhl jeden Tag in Berlin angeblafft werden

Wenn Sandra und ihr Sohn, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, unterwegs sind, irritiert und provoziert das ständig andere Menschen. Sandra erzählt, wie es ist, wenn jeder Tag ein Kampf ist.

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Als Rollstuhlfahrer hat man nicht immer das Gefühl, willkommen zu sein. Foto: willma / Photocase

Eine Bushaltestelle in Berlin. Ein Mann mit einem leeren Zwillingskinderwagen steigt in einen vollen Bus. Dort, wo er sich hinstellen will, steht allerdings schon eine junge Mutter, deren Sohn in einem schweren Elektrorollstuhl sitzt. Mit Kind wiegt der 70 bis 80 Kilo, lässt sich also nicht mal eben kurz beiseite bewegen.

Die Mutter versucht zu erklären, dass sie einen kurzen Moment brauchen, um Platz zu machen. Der Mann reagiert aggressiv, brüllt: „Halt’s Maul! Wenn ihr nicht Platz macht, dann schiebe ich den Rollstuhl weg!“ Während der Fahrt beschimpft und beleidigt er Mutter und Sohn weiter. Niemand greift ein; ein junges Paar schaut sichtlich amüsiert zu. Als Mutter und Sohn aussteigen wollen, weigert der Mann sich, den Weg frei zu machen. Die Mutter bittet den Busfahrer um Hilfe. Der lacht. Erst, als ein anderer Fahrgast einschreitet, macht der Mann endlich Platz.

Sandra und ihr Sohn erleben diese Szenen ständig

Was sich anhört wie eine Szene aus einem Werbevideo für Zivilcourage, ist für Sandra längst Alltag geworden. Ihr Sohn ist teilweise auf einen Rollstuhl angewiesen. Seinen Namen möchte Sandra nicht veröffentlichen, um ihn zu schützen. Auch deshalb sind die beiden vor einigen Jahren von Marburg nach Berlin gezogen – Therapie- und Betreuungsangebote waren im ländlichen Raum nur unzureichend vorhanden. „Als Alleinerziehende, ohne Unterstützung des Kindsvaters, hatte ich kaum Chancen, aus Hartz 4 raus zu kommen“, sagt Sandra. „Deshalb haben wir den Schritt gewagt und nochmal neu angefangen, nachdem ich in Berlin einen Job gefunden hatte.“

Kleinigkeiten passieren eigentlich fast immer, wenn wir unterwegs sind.

Sandra

Bereut hat Sandra diesen Schritt nie. Berlin findet sie toll, ihr Sohn genauso. Trotzdem fühlen die beiden sich in der Öffentlichkeit nicht immer wohl oder auch nur willkommen. Der Rollstuhl werde von vielen Menschen als Störfaktor oder Kuriosum gesehen, sagt Sandra. Oft erlebe sie es, dass Menschen stehen bleiben und ihren Sohn unverhohlen anstarren. Schon das kann ausreichen, um ihren Sohn zu verunsichern.

Die Probleme fangen damit aber erst an. „Kleinigkeiten passieren eigentlich fast immer, wenn wir unterwegs sind“, erzählt Sandra. „Ob das die alte Frau ist, die bemängelt, dass mein Sohn nicht hupt, obwohl genug Platz auf dem Gehweg ist, oder die Mutter mit Kinderwagen, die darauf besteht, sie hätte das Vorrecht auf den Platz im Bus.“ Oft würden Leute einfach den Rollstuhl anfassen oder ihn auch hochheben wollen, weil sie denken, Mutter und Sohn bräuchten Hilfe. „Dabei warten wir nur auf den Fahrer und die Rampe. Wenn ich dann was sage, sind sie oft richtig sauer und beschimpfen uns als undankbar, weil sie ja nur helfen wollten“, erzählt Sandra. „Extrem geballt war es in den Sommerferien, da wir hier fast jeden Tag die Öffis nutzten, um etwas zu unternehmen.“

An einem für sie ganz normalen Samstag erlebte Sandra mit ihrem Sohn im öffentlichen Nahverkehr acht unterschiedliche Zwischenfälle. Sechsmal wurde sie von Fremden darauf angesprochen, warum ihr Sohn denn im Rollstuhl sitze. Diesen anstrengenden Tag protokollierte Sandra in einem Thread auf Twitter.

Von der riesigen Resonanz, die auf ihren Twitter-Thread folgte, war Sandra überrascht. Inzwischen wurde ihr Thread mehr als 5.000-mal gelikt und über 2.000-mal geteilt. Viele Menschen mit Behinderung berichteten in Kommentaren und Direktnachrichten von ähnlichen Erfahrungen. „Für viele ist unvorstellbar, dass diese Art Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderung jeden Tag in Deutschland passiert“, sagt Sandra. „Deshalb habe ich versucht, viele Replys zu retweeten, in denen Menschen mit Behinderung ähnliches erlebten oder bestätigten.“

Ich versuche immer, selbst freundlich oder sachlich zu bleiben, allein schon für meinen Sohn.

Sandra

Beim Lesen dieser Tweets nicht wütend zu werden, fällt schon Außenstehenden schwer. Wie schafft Sandra als Mutter eines Betroffenen es, ruhig zu bleiben, wenn sie oder ihr Sohn von Wildfremden beschimpft oder belästigt werden? Für Sandra ist die Antwort auf diese Frage eigentlich ganz einfach: „Ich will nicht genauso werden“, erklärt sie. „Ich versuche immer, selbst freundlich oder sachlich zu bleiben, allein schon für meinen Sohn.“ Oft würden Leute nicht damit rechnen, dass man ruhig bleibt und seien dann baff.

„Früher habe ich gedacht, ich müsste immer kämpfen. Heute bin ich oft einfach müde“, sagt Sandra. „Manche Situationen, besonders aggressive Menschen, machen mir auch schlicht Angst. Da gehe ich raus. Was mich wütend macht, ist, dass viele weg schauen. Der Typ mit dem Zwillingskinderwagen hatte nur so viel Raum uns zu belästigen, weil keiner geholfen hat und einige noch gelacht haben. Hätte da jemand was gesagt und uns den Rücken gestärkt, wäre es nie so weit gekommen.“

Rücksichtnahme sollte normal sein

Eine solche Zivilcourage erlebt Sandra im Alltag leider nur selten. Entsprechend selten sind auch spontane Ausflüge mit den öffentlichen Verkehrsmitteln geworden. „Fakt ist, dass wir zweimal überlegen, wie und ob wir unbedingt Bus fahren müssen“, erklärt Sandra. „Teilweise fahren wir schon Strecken so, dass wir den Bus vermeiden und lieber U-Bahn fahren, die noch ertragbarer ist.“

Sandra ist es inzwischen gewohnt, zu kämpfen. Ihrem Sohn möchte sie aber so viele Stress- und Konfliktsituationen wie möglich ersparen. „Ich glaube, dass es sehr in ihm arbeitet“, sagt sie. „Er kennt das nicht, dass man keine Rücksicht nimmt und versteht deshalb auch nicht so wirklich, warum Menschen so sind. In seiner Schule sind einige Kinder mit Rollstuhl oder Sehbehinderung und auch Kinder ohne Behinderung – das funktioniert super, ohne dass irgendwer sich extrem zurück nimmt oder lange darüber nachdenkt, wie man sich verhält. Es ist einfach normal, dass man Platz macht, wenn jemand den Platz braucht.“

Dass das bei allem Alltagsstress auch auf den Straßen von Berlin Normalität wird, ist Sandras Wunsch. Für sie und ihren Sohn würde das in einem komplexen Alltag vieles leichter machen. „Ich würde mir wünschen, dass ein Rollstuhl nicht als etwas Schlimmes gesehen wird, als Störfaktor oder Hindernis“, sagt sie. „Mein Sohn liebt seinen Rollstuhl, er bedeutet für ihn Teilhabe und Mobilität.“

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