Wie es dieser Berliner Studentin damit geht, ihre Familie im Sudan nicht erreichen zu können

Ein Teil von Miheras Familie lebt im Sudan. Aktuell ist für sie Kontakt nur sehr eingeschränkt möglich. Wir haben sie gefragt, wie sie damit umgeht. 

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Mihera, 21, lebt und studiert in Berlin. "Ich vermisse meine Familie immer, jetzt besonders." Foto: privat

Jeden Tag verfolgt Mihera Abdel Kafi, 21, die Nachrichten aus dem Sudan. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater Sudanese, sie hat Familie in dem ostafrikanischen Land. Die Bilder lösen in ihr Hilflosigkeit, Trauer und Schuldgefühle aus. Mit ze.tt hat sie über ihre Familie gesprochen, wie schwierig es ist, Kontakt zu halten und was sie sich für die Zukunft erhofft.

ze.tt: Wer in deiner Familie ist derzeit im Sudan?

Mihera Abdel Kafi: Die Seite meines Vaters lebt im Sudan. Meine Oma wohnt mittlerweile in den USA, lebte aber auch lange dort. Die Schwestern meiner Oma sind mit ihren Familien heute noch im Sudan. Sie sind für mich wie Großmütter.

Hast du aktuell Kontakt zu deiner Familie?

Bisher kommunizierten wir immer über WhatsApp, schrieben uns Nachrichten, schickten Voice-Nachrichten oder telefonierten. Seit Juni können wir nur noch telefonieren oder SMS schreiben. Das ist sehr teuer und meistens bricht der Kontakt nach wenigen Minuten ab. Mein Vater hat eine Sim-Karte, mit der er sie erreicht, und hält den Kontakt zu ihnen. Meine Familie und die Menschen im Sudan sind seit Tagen von der Außenwelt isoliert, das Internet wurde abgeschaltet. Ich kann sie nicht mehr erreichen und sie können sich kaum an jemanden wenden. Niemand weiß, wann das Internet wieder zurückkommt.

Was geschieht im Sudan?
Anfang April war Diktator Omar Hasan Ahmad al-Baschir nach 30 Jahren an der Macht bei einem Militärputsch verhaftet und abgesetzt worden. Seitdem regiert das Militär. Hundertausende Menschen bildeten daraufhin ein Protestcamp vor dem Armeehauptquartier in der Hauptstadt Khartum, um für Demokratie und Freiheit zu demonstrieren. Dieses wurde vom Militär niedergeschlagen. Sudanesische Ärzt*innen sprechen von einem Massaker. Sie berichten von Vergewaltigungen und Morden, Hunderte Menschen starben.

Der Militärrat hat außerdem vor Tagen das Internet weitgehend abgeschalten. Informationen gibt es darum nur wenige. Die Pressefreiheit ist enorm eingeschränkt. Informationen schaffen es meist nicht aus dem Land und Kontakt mit Angehörigen, Freund*innen und Familie im Sudan ist weitgehend unmöglich.

Hast du Angst um deine Familie?

Ja. Jede*r dort ist in Gefahr. Es kann jede*n treffen. Ich sehe täglich Videos von Leuten, die willkürlich ausgeraubt oder aufgehalten werden. Meine Familie im Sudan engagiert sich politisch. Schon mein Opa war politisch sehr aktiv. Eine meiner Tanten hat zum Beispiel ihren Doktor in Genderstudies gemacht und sich auch immer wieder für Freiheit eingesetzt.

Weißt du, wie es deiner Familie gerade geht?

Meine Cousine ist gerade in den Sudan zurückgekehrt und von ihr weiß ich, dass es ihnen gut geht. Am 3. Juni wurde auch jemand aus meiner erweiterten Familie erschossen. Alle sind sehr traurig.

Wie ist es für dich, hier zu sein, während deine Familie in Gefahr ist?

Ich bin so weit weg und auch für mich ist ihre Lage schwer nachzuvollziehen. Ich fühle mich sehr hilflos, weil ich eigentlich nichts machen kann, außer Bewusstsein zu schaffen und zu den Demonstrationen zu gehen. Ich fühle mich schuldig, dass ich hier bin und all die Privilegien habe. Etwa dass es mir gut geht, ich Strom und Internet habe, in Sicherheit bin und keine Gefahr und Gewalt befürchten muss. Ich vermisse meine Familie immer, jetzt besonders.

Ich vermisse meine Familie immer, jetzt besonders.

Wann warst du zum letzten Mal im Sudan?

Ich besuchte meine Familie jährlich, bis meine Großmutter 2013 in die USA zog. Seither fliege ich zu ihr und mir bleibt kein Geld mehr für ein zusätzliches Flugticket. Dieses Jahr wollte ich endlich wieder zu meiner Familie in den Sudan. Mal sehen, ob das möglich sein wird. Im Moment würde ich nicht hinfliegen. Ich weiß auch gar nicht, ob ich ein Visum bekommen würde und ob der Flughafen offen ist, dieser war ja auch gesperrt. Viele Airlines haben den Flugverkehr in den Sudan eingestellt. Jetzt gerade wäre es zu gefährlich.

Wie kommt deine Familie ohne Internet an Informationen?

Beinahe jede Familie im Sudan hat Familienmitglieder, die im Ausland leben. Per SMS oder Anrufe werden Informationen so weitergeleitet. Diese werden dann im Sudan verbreitet. Da es aktuell aber kein Internet gibt, können die Informationen und auch Verbrechen, die gerade im Sudan passieren, nicht nach draußen kommen. Vieles, was dort passiert, ist noch gar nicht bekannt.

Beinahe jede Familie im Sudan hat Familienmitglieder, die im Ausland leben. Per SMS oder Anrufe werden Informationen so weitergeleitet.

Wie viel bringen Aktionen wie #BlueForSudanفيديو, für die Menschen ihre Profilbilder blau färben?

Auf den ersten Blick wirken derartige Aktionen nichtsnutzig, schließlich ist es ja nur ein Profilbild. Doch mehr Aufmerksamkeit bringt mehr Bewusstsein. Einfach zu erzählen und darauf hinzuweisen, was im Sudan da los ist, ist wichtig. Viele Menschen haben sich einfach nie in ihrem Leben mit dem Sudan beschäftigt.

Warum ist es wichtig, dass die Welt Bescheid weiß, was im Sudan passiert?

Menschenmassen haben eine Macht. Je mehr Menschen von der Situation wissen, sich einsetzen oder Solidarität zeigen, umso größer wird der politische Druck. Der Sudan war lange ein isoliertes Land. Aber im Dezember begann dort eine Revolution, die seither weitergeht. Vieles, was für uns ganz normal ist, wie Diskussionen zu führen, Protest zu führen, oder Bibliotheken aufzubauen, hat während der Revolution begonnen. Für die Menschen im Sudan war all das zum ersten Mal in ihrem Leben ein Fünkchen Freiheit. Viele im Sudan sind sehr jung, und viele sind mit dem Regime aufgewachsen und kennen gar nichts anderes. Die Revolution ist eine Errungenschaft, von der die Welt wissen muss. Die Revolution hat es sich verdient, berühmt zu werden.