Wie es mir als Autistin gelang, mit einem Job als Maskottchen mein Selbstbewusstsein zu stärken

Der direkte Kontakt mit vielen Menschen kostete unsere Autorin viel Überwindung. Trotzdem lernte sie bei ihrem Nebenjob als Maskottchen eine Menge über Mut.

Wie es für mich als Autistin ist, als Maskottchen zu jobben

Als Maskottchen zu arbeiten, kostet unsere Autorin große Überwindung und gibt ihr dennoch ein Gefühl der Freiheit. Foto: wang shuhong / Unsplash | CC0

Jeden Samstag schlüpfe ich in ein blaues Vogelkostüm. Das ist mein Job. Zwei Stunden lang bespaße ich als Maskottchen verkleidet die jungen Besucher*innen eines Kindertobelands. Ich spiele mit ihnen, umarme sie, lasse Fotos von mir machen. Für die meisten wäre das ein einfacher Job. Für mich ist es eine Herausforderung. Ich bin Autistin.

Menschen im Autismus-Spektrum nehmen ihre Umgebung anders wahr als ihre Mitmenschen. Für mich persönlich ist der Umgang mit anderen Menschen schwierig, ich habe ein großes Bedürfnis nach Struktur und reagiere empfindlich auf verschiedene Reize. Damit ich normal funktionieren kann, brauche ich oft Ruhe und muss mich zurückziehen, am besten alleine. Im Ausbildungs- und Berufsleben ist das nicht gerade hilfreich. Doch vor einem Jahr hatte ich eine Idee, die unter diesen Umständen eigentlich völlig verrückt ist.

Ich werde Maskottchen!

Mein Entschluss stand fest. Obwohl ich nicht wusste, ob ich es schaffen kann. Obwohl meine Eltern an meiner Idee zweifelten und mich oft fragten, ob ich wirklich als Maskottchen arbeiten wollte. Ich wusste, ich wollte. Mir war von Anfang an klar, dass es mit den Reizen schwierig sein würde. Und trotzdem entschied ich mich gegen meine Vernunft.

Jedes Mal, wenn ich das Gebäude des Kindertobelands betrete, dröhnen von allen Seiten Geräusche auf mich ein. Kinder kreischen und lachen, Geräte summen, Menschen reden. Es fühlt sich an, als würden meine Ohren platzen. Am liebsten würde ich die Hände auf die Ohren drücken. Es ist wie ein lautes Getöse, ein Orkan aus Geräuschen, dem ich nicht entkommen kann. Ich werde unruhig, zittere, möchte nur noch weg. Ohrstöpsel würden helfen. Leider kann ich sie nicht tragen, denn das Gefühl, etwas in den Ohren zu haben, macht mich wahnsinnig. Doch dann ziehe ich das Kostüm über, den Vogelhelm über meinen Kopf.

Plötzlich ist die Geräuschkulisse abgeschwächt. Der Helm isoliert meine Umgebung und mich vor ihr. Obwohl ich schlecht Luft bekomme und kaum etwas sehen kann, beginne ich mich langsam zu entspannen. Wo sich andere vielleicht beklemmt fühlen, ist das winzige Sichtfenster für mich ein Segen. Große Menschenmengen verschwimmen für mich normalerweise zu Schlieren, die nur noch aus Farben und Lichtern bestehen. Sie verwirren und verängstigen mich. Der Vogelhelm verhindert das.

Auch der Rest des Kostüms hilft mir. Der dicke Fleecestoff wirkt für mich wie eine Art Schutzhülle. Normalerweise sind Berührungen von anderen Menschen für mich schwer zu ertragen. Fasst jemand ungefragt meine Haut an, ist das wie ein kleiner Stromschlag. Manchmal werde ich deshalb richtig aggressiv. Nun bin ich hier von Kindern umzingelt, die mir die Hand schütteln, ein High-Five möchten oder einfach eine Umarmung brauchen. Doch mein Unbehagen ist durch die Stoffschicht etwas gedämpft. Allen Reizen zum Trotz finde ich es sogar irgendwie süß, wenn die Kinder diesen blauen Riesenvogel umarmen wollen. Sie können schließlich nicht wissen, wie herausfordernd die Situation für mich ist. Es sind glückliche und ausgelassene Kinder, die einen schönen Tag haben möchten.

In meinem Kostüm merkt man mir meine Andersartigkeit nicht an. Ich habe das Gefühl, dazuzugehören.

Die Kinder bescheren mir trotz der Anstrengung schöne Momente. „Ich mag dich, lieber Vogel“, sagen manche. Ich nicke dann, denn der Vogel darf nicht sprechen. Noch etwas, was andere vielleicht als einengend empfinden würden, mir aber zugutekommt. Sprechen ist für mich schwierig, es geht oft einfach nicht. Hier darf ich stumm bleiben. Sie malen mir Bilder, lachen sich über den Vogel schlapp oder sagen mir, dass ich ihre Freundin sei. Das berührt mich sehr. In meinem Kostüm merkt man mir meine Andersartigkeit nicht an. Ich habe das Gefühl, dazuzugehören.

In den Pausen spüre ich die Erschöpfung

Alle 20 Minuten habe ich Pause. Die verbringe ich in einem kleinen Pausenraum, von dem aus ich in die Spielhalle schauen kann, wo die Kinder inzwischen weiter toben. Sobald ich mein Kostüm ausziehe und mich setze, überkommt mich die Erschöpfung. Ich fühle mich ausgehöhlt und überfordert von den Geräuschen, den Berührungen, den Gerüchen und dem, was ich sehe. Ich spüre die Anwesenheit der Menschen dort draußen und wie sehr mich das alles anstrengt. Es ist schwer zu beschreiben, was in diesem Moment in mir vorgeht. Es ist zu viel. Ich werde unruhig. Manchmal stehe ich kurz vor einer Panik. Wenn ich mich alleine im Raum befinde, wippe ich mit dem Oberkörper langsam vor und zurück oder drücke meine Finger in einer bestimmten Reihenfolge, um mich zu beruhigen. Häufig hilft das ein Wenig. Manchmal tut es das nicht. Dann versuche ich, alles komplett auszublenden und auf Autopilot zu schalten.

Einfach durchhalten

Wenn doch einmal eine*r meiner Kolleg*innen gleichzeitig mit mir Pause macht, versuche ich meistens möglichst normal zu wirken. Nicht alle dort wissen von meiner Behinderung. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass nicht alle damit umgehen können oder wollen. Oft habe ich schon Ablehnung erfahren, als herauskam, dass ich anders bin. Besonders schwer fällt es mir, wenn jemand gut gemeinten Smalltalk mit mir führen möchte. Das überfordert mich oft sehr. Es ist anstrengend, ich fühle mich verloren. Trotzdem gebe ich mein Bestes. Dafür bekomme ich immer wieder die Anerkennung meiner Mitarbeiter*innen zu spüren. Sie sagen, dass ich meine Arbeit gut mache. Das freut mich und tut mir gut.

Nach der Pause geht es wieder rein in den Trubel. Ich bin froh, dass die Arbeit dort so gut strukturiert ist. Immer 20 Minuten im Kostüm, 20 Minuten Pause. Strukturen geben mir Halt. Drei Runden sind es jeden Samstag. Diese Routine hilft mir, die Zeit dort besser zu bewältigen.

Am Ende des Tages bin ich vollkommen erschöpft. Die Belastung bewirkt, dass ich oft für einige Stunden oder Tage nicht sprechen kann. Mein Gehirn braucht Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. Ich brauche Ruhe, eine reizarme Umgebung und ziehe mich gerne in mein Zimmer zurück. Bekäme ich diese Ruhe nicht, würde ich mich völlig in mich zurückziehen. Ich wäre apathisch und für mein Umfeld nicht mehr präsent. Oder das andere Extrem: Ich würde die Kontrolle über mein Verhalten verlieren, schreien, mich kratzen. Beides ist weder für mich noch für mein Umfeld schön. Ich versuche daher, es zu vermeiden.

Das Ende eines Jahres

Jetzt ist bald ein Jahr vorüber und die Arbeit dort endet für mich. Eine Verlängerung des Vertrages lehnte ich ab. Auf Dauer halte ich diesen Beruf nicht durch. Und doch war es für mich ein sehr wertvolles Jahr. Ich habe viel Mut und Selbstbewusstsein gewonnen. Vielleicht habe ich meine Grenzen mitunter zu sehr ausgereizt, mich mit der Menge an Reizen überfordert. Ich habe seitdem oft Kopfschmerzen. Aus meinem Umfeld bekomme ich die Rückmeldung, dass ich wesentlich gestresster wirke, unausgeglichener.

Jeder Samstag bedeutet für mich eine unglaubliche Überwindung. Und danach, die Tage der völligen Erschöpfung. Das ist zu viel. Ich habe ein Jahr durchgehalten und an Willensstärke dazugewonnen. Aber in Zukunft möchte ich für mich einen Weg finden, den ich mit meinem Autismus besser beschreiten kann. Manchmal muss man im Leben etwas Neues wagen, auch wenn man letztendlich nicht dabei bleibt. Es war eine gute Erfahrung. Dafür bin ich dankbar.

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