Wie es ist, als schwuler Mann in Georgien zu leben

Georgien ist Gastland der diesjährigen Buchmesse und scheut bei seiner Präsentation keine Mühe. Doch wie steht es um das Land selbst: Wie ist es um den Alltag von LGBTQ-Menschen bestellt? Zwei schwule Männer berichten.

Zura Abashidze ist der einzige offen homosexuelle Autor in Georgien.

Zura Abashidze ist der einzige offen homosexuelle Autor in Georgien. Foto: Isabella Caldart

Georgien legt sich mächtig ins Zeug: Es gibt rund um die Frankfurter Buchmesse nicht nur ein großes Rahmenprogramm – neben zahlreichen Veranstaltungen wurden bereits im Vorfeld Journalist*innen und Blogger*innen nach Tbilissi eingeladen und georgische Nachwuchsautor*innen konnten in Berlin ihre Texte präsentieren. Es wurden dank großzügiger Subventionen auch rund hundert Bücher ins Deutsche übertragen. Nicht schlecht für ein Land, das gerade einmal 3,7 Millionen Einwohner*innen zählt.

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Überhaupt hat Georgien in den vergangenen Jahren einen großen Imagewandel vollzogen: Die Hauptstadt Tbilissi wurde, wie so viele Städte davor, als das „neue Berlin“ bezeichnet und wer etwas auf sich hält, kennt den Technoclub Bassiani von innen.

Doch trotz dieser neuen Coolness muss die Gretchenfrage gestellt werden: Georgien, wie hast du’s mit den Menschenrechten? Wie beispielsweise mit der LGBTQ-Community?

Der einzige offen schwule Schriftsteller

Wer ins Programm der Frankfurter Buchmesse blickt, findet einen Autor, den es lohnt, danach zu fragen. Zura Abashidze ist der einzige georgische Schriftsteller, der sich in der Öffentlichkeit als schwul geoutet hat. In seinem Erzählband Wie tötet man Billy Elliot? (Größenwahn Verlag), der 2017 mit dem renommierten SABA-Literaturpreis in der Kategorie Bestes Debüt ausgezeichnet wurde, schreibt er unter anderem über schwule Themen. Wie lebt es sich als homosexueller Autor in Georgien?

Seit dem Jahr 2000 ist Homosexualität in Georgien zwar legal, in der Gesellschaft wird sie aber weiterhin tabuisiert. „Ich versuche, LGBTQ-Autor*innen klarzumachen, dass sie sich nicht verstecken müssen“, sagt Abashidze. „Aber viele haben Angst vor den Reaktionen der Menschen. Dabei ist es gar nicht so schwierig, eine Figur des öffentlichen Lebens und zugleich schwul zu sein.“

Der 23-Jährige werde als „skandalöser Autor“ angesehen, wie er erzählt. „Für viele gelte ich als mutig, da ich offen schwul lebe, für andere aber als skandalös, weil ich in Interviews oft von meinem Leben als schwuler Mann rede.“ Über seine Homosexualität zu sprechen, stellt für ihn einen Akt des Supports dar. „Ich möchte jedem zeigen: Hier sind wir, wir machen Kunst, wir zahlen unsere Rechnungen, wir leben genauso wie ihr, wir sind ganz einfach ein Teil der Gesellschaft.“

Zura Abashidze hat Glück, wie er weiß. Sein größtes Privileg ist, dass er seitens seiner Familie und Freund*innen immer unterstützt wurde. „Ich bekomme von ihnen viel Liebe und habe einiges von ihnen gelernt, zum Beispiel wie man sich in unserer Gesellschaft durchsetzt und wie man in diesem Land glücklich sein kann.

Coming-out: nicht immer einfach

Luka, der seinen richtigen Namen nicht online lesen möchte, hat andere Erfahrungen gemacht. „Von meiner Familie weiß nur mein Bruder, dass ich schwul bin. Ich kenne die Einstellung meiner Eltern, deswegen schweige ich.“ Die Reaktionen seiner Freund*innen auf sein Outing waren gemischt. „Die einen umarmten mich, die anderen baten um Zeit, darüber nachzudenken, und wieder anderen kamen die Tränen.“ Er habe deswegen jedoch keine Freund*innen verloren, berichtet Luka.

Diesen ganzen Hass lesen zu müssen hat mich sehr aufgewühlt.“ – Luka

Im Alltag in Tbilissi kam es aber immer wieder zu homophoben Vorfällen, zumeist Beleidigungen, und das „auf der Straße, im Club, früher in der Schule und heute auf der Arbeit“. Online hagelte es schwulenfeindliche Kommentare, als der 37-Jährige auf Facebook den Day Against Homophobia unterstützte. „Diesen ganzen Hass lesen zu müssen hat mich sehr aufgewühlt.“

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Auch Zura Abashidze hat negative Erfahrungen im Alltag gemacht: „Vor ein paar Monaten wurde ich in der Straße von einem Mann angegriffen, der glaubte, ich sei transgender. Als ich dies der Polizei meldete, verstand sie nicht, was mein Problem war.“ Für Zura war es zwar der erste Vorfall dieser Art, „aber ich kenne viele, die Ähnliches zu berichten haben, deren Alltag voller Hass und Angst ist“. Gerade trans Personen haben es sehr, sehr schwer in Tbilissi: „Es ist unmöglich, als Transgender einen Job zu finden.“

Allerdings gibt es in Tbilissi inzwischen einige sichere Begegnungsstätten für queere Menschen, wie mehrere Cafés und Bars und die Horoom Party im Bassiani. „Bassiani ist der wichtigste Club der Stadt“, so Luka, „und das Team unterstützt offen die LGBTQ-Community.“

Deutschland und Georgien im Vergleich

Im September 2015 lernte Luka seinen zukünftigen Ehemann kennen, der wegen der Hochzeit eines Freundes zu Besuch in Tbilissi war. Nach mehreren Jahren der Fernbeziehung zog er im Mai 2018 schließlich zu ihm nach Köln. „Für uns ist Deutschland sehr viel sicherer. Also ließ ich mein altes Leben zurück.“

In Georgien offen als schwules Paar durch die Straßen zu laufen, sei unvorstellbar. „Allein darüber nachzudenken macht mir Angst. Ich will mir die Folgen gar nicht ausmalen.“ Für Luka war es die richtige Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen. „Mein Ehemann und ich können uns öffentlich als Paar zeigen, uns umarmen oder küssen. Ich muss mich vor den Menschen, sei es mein Vermieter, mein Arbeitgeber oder die Lehrer an meiner Sprachschule, nicht verstecken. Ich fühle mich gleichwertig.“

Zura Abashidze, der zuletzt im Rahmen eines deutsch-georgischen Literaturfestivals Berlin besuchte, nahm Deutschland ebenfalls positiv wahr: „Die Woche in Berlin war eine großartige Erfahrung für mich. Ich hatte das Gefühl, überall willkommen zu sein, dass man hier sein kann, wer man sein möchte, anziehen kann, was einem beliebt. Andererseits ist Tbilissi eine inspirierende Stadt. Würde man mich fragen, wie ich Autor wurde, so lautete meine Antwort: Dank Tbilissi und meinem Land habe ich mit dem Schreiben angefangen.“

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