Wie es ist, an Weihnachten am Sorgentelefon zu sitzen

Wenn es einem nicht gut geht, kann die Weihnachtszeit hart sein. Wie ist es, an den Feiertagen die Anrufer*innen des Seelsorgentelefons zu betreuen? Und wer ruft an? Wir haben mit dem Leiter der Studentischen TelefonSeelsorge in Hamburg gesprochen.

StockSnap_4HUZBIELP3 Quelle: Søren Astrup Jørgensen / Stocksnap / CC0

Christof Jaeger, 45 Jahre alt, ist ausgebildeter Psychotherapeut und Theologe. Bei der studentischen Telefonseelsorge in Hamburg nahm er schon während seines Studiums den Hörer ab und seit Anfang 2017 leitet er dort das Team.

Die Studentische TelefonSeelsorge gehört zur deutschen TelefonSeelsorge und ist in dieser Form in Deutschland einmalig. Denn hier bedienen nur Studierende das Telefon, alle ehrenamtlich. 1976 gegründet, war es das Ziel, eine anonyme, niedrigschwellige Beratung von Studierenden für junge Menschen zu schaffen. Die Beratung ist jeden Tag von 20 bis 0 Uhr erreichbar – für alle, die ein offenes Ohr brauchen. Inzwischen nutzen auch Nicht-Studierende und ältere Menschen den Service.

ze.tt: Warum rufen Menschen an Weihnachten bei der TelefonSeelsorge an und nicht bei Freunden?

Christof Jaeger arbeitete bereits als Pastor, Psychotherapeut und Krankenhausseelsorger. © TelefonSeelsorge

Christof Jaeger: Nicht jede*r hat ein gut funktionierendes soziales Netz mit Menschen, denen man wirklich alles anvertrauen möchte. Manche rufen auch genau deswegen an – weil sie mit diesem sozialen Netz an Weihnachten Schwierigkeiten haben oder enttäuscht sind. Einige Anrufende haben auch langwierige Probleme, die keiner mehr hören will und wo alle im Freundeskreis schon abwinken.

Was beschäftigt die Anrufenden an Weihnachten?

Hauptsächlich sind das Beziehungsthemen: Es rufen Menschen an, die sich einsam fühlen, weil Beziehungen zerbrochen sind oder weil sie Beziehungsprobleme haben – was Liebe, Familie und Freunde betrifft. An Weihnachten hat man meist keine beruflichen Verpflichtungen oder Uni-Termine und dadurch natürlich mehr Zeit, sich mit anderen Dingen auseinanderzusetzen. Da kommt es vor, dass jemand richtig verzweifelt und merkt, das macht so alles keinen Sinn. Dann ist es wirklich hilfreich und sinnvoll, mit jemanden zu reden.

An Weihnachten kommt es vor, dass jemand richtig verzweifelt.“

Werden Konflikte und Gefühle an Weihnachten stärker wahrgenommen als sonst?

Weihnachten ist wahnsinnig hoch besetzt, denn es sind viele Sehnsüchte und große Erwartungen damit verbunden. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese enttäuscht werden, natürlich groß. Wenn scheinbar alle Familien um einen herum Zeit miteinander verbringen und man selbst allein zu Hause bleibt, ist das natürlich sehr schwierig. Es geht dann am Telefon viel um ganz konkrete Krisenbewältigung und Beistand, um das Aushalten von Lebenssituationen oder überhaupt einfach nur um Kontakt. Deshalb gibt es auch an Weihnachten Menschen, die uns mehrfach anrufen, weil sie merken, da hört mir jemand zu.

Mit welchen Themen rufen die Menschen unter dem Jahr an?

Wir haben im Jahr etwa 1.500 bis 2.000 Anrufe, da kommt alles vor. Ursprünglich war die TelefonSeelsorge in England zur Suizid-Prophylaxe gegründet worden, aber inzwischen gibt es ganz unterschiedliche Themen: Studierende kommen mit Unithemen zu uns, zum Beispiel mit Prüfungsangst oder Fristen, die näher rücken und zu Verzweiflung oder sogar zu suizidalen Krisen führen. Der Leistungsdruck ist da insgesamt ein großes Thema – ebenso wie der nahende Berufseinstieg. Genauso rufen aber auch ältere Menschen an, die sich einsam fühlen oder eben Beziehungsprobleme haben.

Welche besonderen Fälle gibt es noch?

Manchmal ist ein Anruf bei uns ein erster Schritt, sich überhaupt auf ein Hilfesystem einzulassen. Das kommt vor, wenn Menschen sich nicht trauen, psychologische Hilfe zu holen oder das nicht wollen, weil sie es nicht mit ihrem Selbstbild übereinbringen können. Es gibt aber auch Anrufende, die schon viel therapeutische Erfahrung gemacht haben. Beispielsweise Menschen, die bald in eine psychiatrische Klinik müssen und die Sorge darüber mit jemandem teilen wollen.

Wer setzt sich an Weihnachten freiwillig ans Telefon?

Das hängt natürlich sehr von den persönlichen Gegebenheiten ab: Wenn jemand sowieso nicht unbedingt bei der Familie sein möchte und den Abend eher mit Freunden verbringen will, dann passt es vielleicht ganz gut. Dann können die Studierenden bei uns gemeinsam am Telefon sitzen. Außerdem telefonieren bei uns viele Psychologie-Studierende, die herauszufinden wollen, ob das eine Berufsperspektive sein könnte. Aber auch Studierende anderer Fächer machen das ehrenamtlich, weil sie in ihrem Leben gern für andere da sein wollen.

Man muss letztlich lernen auszuhalten, dass es viele Probleme gibt, die sich nicht so schnell klären lassen.“

Was ist mit dem Gefühl, anderen helfen zu wollen?

Häufig fängt man mit sehr idealistischen Motiven an und stellt dann fest, dass man oft nicht konkret helfen kann. Denn wenn eine Situation wirklich verzweifelt ist, lässt sie sich nicht mal so eben in einem Gespräch auflösen. Man muss letztlich lernen auszuhalten, dass es viele Probleme gibt, die sich nicht so schnell klären lassen. Dann geht es darum, nicht zu resignieren, sondern trotzdem dabei zu bleiben, wenn man für diese Menschen gerne da sein möchte. Denn wenn es für den Moment das einzig Mögliche ist, die Person nicht allein zu lassen – dann ist das schon unglaublich wertvoll. Weil diese Person in diesem Moment eben nicht allein war, sondern ihr jemand zugehört hat. Weil jemand für sie Verständnis hatte und das mit ausgehalten hat.

Die Studierenden machen bei Ihnen eine Ausbildung mit 150 Stunden über zwei Semester. Reicht das denn aus, wenn zum Beispiel jemand anruft, der suizidgefährdet ist?

Es kommt ja darauf an, was man erreichen möchte. Um ganz sicher zu sein, dass der Anrufer danach seine Verzweiflung überwunden hat und sich garantiert nicht umbringt, dafür reicht das natürlich nicht aus. Diese Sicherheit gibt es nie. Am Telefon geht es darum, den Anrufer zu begleiten, für ihn da zu sein. Das ist sehr anspruchsvoll, aber das kann man lernen. Das setzt natürlich voraus, dass man dazu bereit ist, auch auszuhalten, was das in einem selbst auslösen kann.

Wenn es ganz heftig ist, sollte man sich vor dem nächsten Telefonat erst mal die Beine vertreten.“

Wie schafft man es, mit solchen schwierigen Fällen umzugehen?

Erst mal hilft es, nach einem Telefonat aufzustehen, das Fenster zu öffnen und durchzuatmen, sich ein bisschen zu bewegen. Wenn es ganz heftig ist, sollte man sich vor dem nächsten Telefonat erst mal die Beine vertreten. Dann könnte man das Gespräch noch mal innerlich durchgehen und sortieren und sich überlegen, was das in einem selbst ausgelöst hat. Wie man das am besten übt, wird in der Ausbildung besprochen. Außerdem gibt es natürlich die Supervision, wo man darüber spricht, was man erlebt hat.

Gibt es weitere Hilfsvermittlung für die Anrufenden?

Ja, wobei junge Leute meistens selbst sehr gut übers Internet organisiert sind. Nur was man eben nicht übers Internet kriegt, ist ein realer Mensch, der einen ernst nimmt und zuhört.

 


Hier kannst du anrufen, wenn du ein offenes Ohr brauchst:

Studentische TelefonSeelsorge in Hamburg: 040/41170411

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111  – und für Eltern: 0800/111 0550 

Allgemeine TelefonSeelsorge: 0800/1110111      

Nightline für Studierende in vielen Städten, zum Beispiel München: 089/3571 3571