Wie es sich anfühlt, für die Liebe auf einen anderen Kontinent zu ziehen

In Zeiten von lockeren Tinder-Dates ist es selten geworden, für die Liebe alles auf eine Karte zu setzen. Drei Leute berichten, warum sie es trotzdem gewagt haben.

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Endlich an einem Ort vereint? Oder ist es doch keine so gute Idee, für die Liebe auszuwandern? Foto: Guilherme Stecanella / Unsplash | CC0

Wenn aus einer Fernbeziehung in zwei Städten eine Beziehung an einem Ort wird, verändert sich für eine*n von beiden Partner*innen so einiges: Das Lieblingscafé um die Ecke ist plötzlich weit weg, die besten Freund*innen ebenso und eventuell muss er*sie sich einen neuen Job suchen. Was also, wenn man für die Liebe sogar auf einen anderen Kontinent geht? Wenn man eine neue Sprache lernen und sich auf eine andere Kultur einlassen muss? Und wie entscheidet man als Paar überhaupt, wer zu wem zieht? Wir haben mit drei Auswander*innen gesprochen.

Fredi (28) lebt seit fünf Jahren in Australien:

Auswandern für die Liebe-Fredi und Mischka leben seit fünf Jahren zusammen in Melbourne_privat
Fredi mit ihrem Freund Mischka Foto: © privat

„Als ich vor fünf Jahren hierhergezogen bin, hat es sich interessanterweise nicht wie auswandern angefühlt. Ich wollte einfach bei meinem Freund sein, nach drei Jahren endlich eine ‚richtige‘ Beziehung führen und der Zeitpunkt passte für mich: Ich hatte meine Bachelorarbeit abgegeben, keine festen Pläne für danach und Lust auf ein Auslandsabenteuer. Ich hoffte, dass ich nach sechs Monaten in Australien ein Visum bekäme, mit dem ich zwei Jahre bleiben könnte. Bis dahin wollte mein Freund seinen Master abschließen. Rückblickend bin ich nicht überrascht, dass ich immer noch hier bin. Damals war es jedoch gut, dass ich nicht dachte: ‚Okay, that’s it, ab jetzt wohne ich für immer in Australien‘, das hätte mich sehr gestresst.

Seit Ende 2017 bin ich endlich Permanent Resident, also dauerhafte Bewohnerin in Australien. Nach drei Jahren Visaprozess wohlgemerkt, was extrem stressig für uns war. Im November 2014 haben wir uns für das sogenannte De Facto-Partnervisum beworben. Dafür mussten wir belegen, dass wir eine langfristige und ernste Beziehung führen und allerlei Beweismaterial einreichen. Zum Beispiel mussten Familie und Freunde Briefe schreiben, in denen sie unsere Beziehung bestätigten und beschrieben. Wir mussten gemeinsame Fotos vorzeigen, Skype-Anruflisten und Chatverläufe offenlegen. Nach einem Jahr, kurz vor Weihnachten 2015, erhielt ich dann eine Mail vom Immigration Office: Ich sollte mehr Beweise einreichen oder das Land innerhalb von 28 Tagen verlassen. Das war ein schlimmer Tag für mich, ich war total fertig. Mein Freund und ich haben uns dann von einer Anwältin beraten lassen und zwei Monate später erhielt ich dann zum Glück mein Übergangsvisum. Es war definitiv den Aufwand wert, aber eine Erfahrung, die ich niemals wieder erleben möchte und keinem anderen Paar wünsche.

Ich glaube, dass Auswandern eine Erfahrung ist, an der man sehr wächst.

Fredi

Ich glaube, dass Auswandern eine Erfahrung ist, an der man sehr wächst. Meine Wertvorstellungen haben sich dadurch gefestigt und natürlich auch die Beziehung selbst. Wenn die Beziehung mit drei Jahren Fernbeziehung und Bürokratiestress beginnt, wirken andere Probleme gar nicht mehr so groß. Ich bin sehr dankbar, dass wir es so gut durch diese schwierigeren Zeiten geschafft haben und an uns als Paar geglaubt haben, obwohl wir noch super jung waren, als wir uns kennengelernt haben.“

Lorena (46) zog vor 24 Jahren von Kolumbien nach Deutschland:

Auswandern für die Liebe-Lorena heiratete 1996, um in Deutschland bleiben zu können_privat
Foto: © privat

„Anfangs war vom Auswandern nicht die Rede. Ich hatte meinen ersten Mann mit 22 in Cali, meiner kolumbianischen Heimatstadt, kennengelernt. Sieben Monate später, im September 1995, lud er mich nach Deutschland ein, und ich bin nach München geflogen. Meine Mutter hat mich nur schweren Herzens gehen lassen. Sie hat meine Entscheidung respektiert und akzeptiert. Aber meine Freunde, insbesondere meine Arbeitskollegen, waren sehr skeptisch: Es gab ernste Gespräche über Themen wie Mädchenhandel und was mir alles passieren könnte. Ich hatte damals kein Gehör für Risiken. Ich vertraute meinem Freund voll und ganz. Als ich ins Flugzeug gestiegen bin, war ich aber natürlich trotzdem sehr aufgeregt. Es war meine erste große Transatlantikreise.

Ich hatte eigentlich ein Visum für drei Monate, bin dann aber in Deutschland geblieben und wir haben im Januar 1996 geheiratet, damit ich nicht zurückfliegen musste. Meine erste Tochter war unterwegs. Die ersten Monate in Deutschland fühlte ich mich sehr fremd. Ich verstand die Sprache nicht, obwohl ich in Kolumbien einen Intensivsprachkurs gemacht hatte, sprach auch nur gebrochen Englisch und war daher ziemlich unselbstständig und unsicher. Ich hatte Angst, meinem Freund zur Last zu fallen. Trotzdem war es eine schöne Zeit: Vormittags habe ich Deutsch gelernt, nachmittags und abends unternahmen wir Spaziergänge, um die Stadt zu erkunden. Aber in München waren meine Ersparnisse sehr schnell aufgebraucht und ich fiel in eine Abhängigkeit, die unserer Beziehung nicht guttat. Nach vier Jahren Ehe haben wir uns getrennt. Ich hatte mir zu dem Zeitpunkt schon ein Leben in Deutschland aufgebaut und vor allem hätte ich wegen des gemeinsamen Sorgerechts nicht einfach so mit meiner Tochter ausreisen können. Ohne sie wäre ich aber nie nach Kolumbien zurückgekehrt. Ich entschied mich bewusst dazu, in Deutschland zu bleiben.

Seit März diesen Jahres fühle ich mich in Deutschland erst so richtig zu Hause – nach knapp 24 Jahren.

Lorena

Seit März diesen Jahres fühle ich mich in Deutschland erst so richtig zu Hause – nach knapp 24 Jahren. Nun lebe ich länger in Deutschland, als ich in Kolumbien gelebt habe. Wahrscheinlich hat dieses Gefühl auch etwas mit meinem Umzug zu tun: Ich habe mir immer so sehr gewünscht, in Deutschland in einem Haus zu leben wie in Kolumbien. Seit ich im März in eines gezogen bin, habe ich tatsächlich weniger Sehnsucht nach Kolumbien. Ich spüre, ich bin angekommen. Dennoch vermisse ich die Gelassenheit meines Heimatlandes und seine wunderschöne lebensfrohe Kultur und Mentalität. Aber 24 Jahre in Deutschland machen so manches mit einem. In Kolumbien bin ich mittlerweile ‚zu deutsch‘ und in Deutschland bin ich immer noch ein bisschen Latina – das ist schön.“

Anja (36) lebt seit Januar 2019 in Israel

Auswandern für die Liebe-Anja hat sich auch in das Land Israel verliebt_privat
Anja ist nach Israel gezogen. Foto: © privat

„Mein Freund Liri und ich haben uns 2017 in Tel Aviv kennengelernt, als ich mein Sabbatical dort verbracht habe. Seit Januar 2018 sind wir ein Paar. Da ich zeitlich flexibler war, bin ich etwa alle zwei Monate nach Israel gereist. Nach einem halben Jahr Beziehung war uns beiden klar, dass dieses ewige Hin- und Herreisen einfach nichts sein würde. Da Liri zum Zeitpunkt der Entscheidung noch zwei Jahre Studium vor sich hatte, zog ich zu ihm. Mit dem Umzug nach Israel hat sich auch ein persönlicher Traum erfüllt: Ich hatte mich schon während meines ersten Aufenthalts in Land und Leute verliebt. Ohne die Beziehung wäre ich trotzdem nicht ausgewandert.

Es lastet viel Verantwortung auf den Schultern des Partners und bringt die Beziehung erst einmal ins Ungleichgewicht.

Anja

Natürlich verändert ein solcher Schritt eine Beziehung und ist eine Zerreißprobe. Gerade am Anfang war ich völlig abhängig von meinem Freund. Ich konnte die Sprache nicht, hatte keinen Job, keine Freunde und keinen blassen Schimmer, wie der Alltag in einem Kibbuz (eine ländliche Siedlung mit kollektiver Wirtschaft und Lebensweise in Israel, Anm. d. Red.) aussieht. Das ist anstrengend für beide. Es lastet viel Verantwortung auf den Schultern des Partners und bringt die Beziehung erst einmal ins Ungleichgewicht.

Ich habe so viele neue Menschen kennengelernt und eine völlig neue Kultur, ich bin abends völlig platt ins Bett gefallen. Im Vergleich zu Deutschland sind die Menschen in Israel oft lauter, direkter und haben eine andere Definition von Privatsphäre. Da musste ich mich erst dran gewöhnen. Auch permanent von einer fremden Sprache und von fremden zwischenmenschlichen Codes umgeben zu sein schlaucht. Mittlerweile hab ich schon viel gelernt und einfache Unterhaltungen auf Hebräisch sind inzwischen leichter für mich, aber es gibt noch viel zu tun. Ich vermisse es, mich ohne Anstrengung verständigen zu können, Witzchen zu reißen und durch gemeinsame Sprache schnell Teil einer Gruppe zu werden.

Ich habe viel aufgegeben in Deutschland und musste hier wieder bei absolut Null anfangen, das war und ist nicht immer einfach. Was mir von Anfang an geholfen hat, war der Gedanke, dass dies hier ein Abenteuer ist und keine Entscheidung, die ich nie wieder rückgängig machen kann. Ich bin ja freiwillig hier und wenn gar nichts mehr geht, habe ich ein ganz tolles Sicherheitsnetz aus Familie und Freunden in Deutschland. Und wir können uns sehr gut vorstellen, auch irgendwann dorthin zu ziehen.“