Wie Frauen weltweit kämpfen

Zum Frauenkampftag haben wir verschiedene feministische Kämpfe illustriert und erzählen die Geschichten hinter den Bildern.

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Feministische Kämpfe weltweit. Illustrationen: © Elif Küçük / ze.tt

Wir schreiben Frauenkampftag und nicht Frauentag. Denn nur das beschreibt genau, was Frauen tagtäglich auf der Welt tun, tun müssen, um endlich gleichberechtigt zu sein: Sie kämpfen. Wer in dieser Welt mächtig ist, wird diese Macht nicht freiwillig teilen oder gar abgeben. Nett formulierte Forderungen an jene, die patriarchale Strukturen stützen und davon profitieren, werden Ungerechtigkeiten nicht beseitigen.

Immer wieder sind es mutige Einzelpersonen, aber auch ganze Bewegungen, die sich gegen diese Unterdrückung wehren und auflehnen. Wir haben einige dieser beeindruckenden Kämpfe aus verschiedenen Regionen der Welt illustriert – und erzählen die Geschichten dazu. Lasst euch inspirieren.

Rojava

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Rojava. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Die Revolution von Rojava ist auch die Revolution von Frauen. Sie kämpfen gemeinsam mit Männern in militärischen Einheiten (YPG), aber auch in ihren eigenen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ), die mit ihren Einsätzen gegen den sogenannten Islamischen Staat weltberühmt wurden. Frauenrechte sind in Rojava in einem Gesellschaftsvertrag verankert. Zu den politischen Grundsätzen zählt Jineoloji, die sogenannte Wissenschaft der Frauen oder auch Kurdischer Feminismus. Die Lehre, die in Rojava an eigenen Akademien unterrichtet wird, analysiert patriarchale Strukturen in verschiedensten Bereichen aus der Perspektive von Frauen; mit dem Ziel, diese Strukturen zu überwinden.

Unter Kriegsbedingungen wurde 2017 im Norden Syriens, nahe der türkischen Grenze das Frauendorf Jinwar aufgebaut. In 30 Häusern leben dort ausschließlich Frauen unterschiedlicher Herkunft – selbstbestimmt und nach den Prinzipien der Frauenbefreiung, Demokratie und Ökologie. Seit dem türkischen Angriffskrieg ist das Dorf bedroht.

Nourshan Hussein lebt in Rojava. Warum sie trotz aller Gefahr nicht darüber nachdenkt, diesen Ort zu verlassen, erzählt sie hier.

Sudan

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Alaa Salah, Sudan. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Als „Lady Liberty of Sudan“ wurde Alaa Salah während der Proteste im Sudan im vergangenen April bekannt. Vier Monate hatten Tausende gegen das repressive Regime von Omar al-Baschir protestiert, die meisten von ihnen Frauen. Auf einem Autodach stehend reckte die junge Architekturstudentin Salah in einem langen weißen Gewand den Zeigefinger in die Luft und sang, während ihr viele Demonstrant*innen zujubelten. Salah ist Mitglied des Frauennetzwerks MANSAM, das die Proteste gegen den Präsidenten al-Baschir mitorganisierte. Der Diktator wurde am 11. April 2019 bei einem Militärputsch gestürzt.

Vor dem UN-Sicherheitsrat sagte Salah Ende Oktober 2019: „Die Ungleichheit der Geschlechter ist nicht länger und wird nie mehr von den Frauen und Mädchen im Sudan akzeptiert werden.“ So war es erneut zu Protesten gekommen, nachdem die 18-köpfige Übergangsregierung nur mit vier Frauen besetzt wurde. Die Demonstrantinnen und die Frauenorganisation Sudanese Women’s Union erwirkten, dass die Sitzvergabe fortan nach dem Verhältnis 40:60 erfolgt; auch in der künftigen Regierung sollen Frauen vertreten sein. Unter al-Baschir mussten sie noch mit Prügelstrafen rechnen, wenn sie Hosen trugen oder ihr Haar nicht bedeckten.

Chile

 

Chile
Chile. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

„Es war nicht meine Schuld, egal, wo ich war oder was ich trug. Der Vergewaltiger bist du!“ Diese Zeilen stammen aus der feministischen Performance Un violador en tu camino aus Chile. Damit machen Frauen rund um das Künstlerinnenkollektiv Las Tesis auf sexualisierte und strukturelle Gewalt gegen sie aufmerksam, auf Femizide und darauf, wer dafür die Verantwortung trägt: niemals sie selbst, sondern patriarchale Machtstrukturen und jene, die sie aufrechterhalten.

Die Bilder der tanzenden Frauen mit schwarzen Augenbinden aus Santiago gingen um die Welt und fanden an vielen Orten solidarische Nachahmerinnen, zum Beispiel in Berlin. In dieser Woche haben Feminist*innen über Nacht mehr als 60 Denkmäler, Plätze und Parks in der Hauptstadt Santiago umbenannt und dabei die Namen berühmter männlicher Persönlichkeiten überklebt. Für den kommenden Montag ist ein feministischer Generalstreik angekündigt.

Iran

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Vida Movahed, Iran. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Das Bild von Vida Movahed, wie sie ihr abgenommenes Kopftuch an einem Stock in der Luft schwenkt, wurde zu einem geradezu ikonischem Symbol des Widerstands im Iran. 2017 wurde die junge Frau wegen dieses Protests gegen den Kopftuchzwang, der seit 40 Jahren im Iran gilt, festgenommen, später wieder freigelassen.

Ende 2018 wurde Movahed erneut verhaftet und im darauffolgenden März wegen „unsittlichem Verhalten“ und „öffentlicher Aufruhr“ laut ihrem Anwalt Pajam Derefschan zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Die heute 34-Jährige soll jedoch auf einer Begnadigungsliste des Obersten Führers Ali Chamenei stehen. Ihr mutiger Protest fand zahlreiche Nachahmerinnen.

Brasilien

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Brasilien. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

„Ele não, ele não, ele não, não, não!“; „Der nicht!“ Mit diesen Sprechchören protestierten Hunderttausende Frauen in Brasilien gegen Jair Bolsonaro. Sie waren es, die die Proteste gegen den damaligen Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf anführten. Bolsonaro hetzt immer wieder gegen Schwarze und die indigene Bevölkerung, tritt offen homophob und frauenfeindlich auf. So ist er beispielsweise der Ansicht, dass Frauen weniger verdienen sollten als Männer; schließlich sei ihre eigentlich Aufgabe die Erziehung der Kinder. Am besten stelle man sie gar nicht erst ein.

Man könnte sagen: Bolsonaro verkörpert all das, wogegen die Frauenbewegung in Brasilien seit jeher kämpft. Seit Januar 2019 ist er im Amt. Doch es gibt auch Hoffnung: So zog beispielsweise mit Joênia Wapixana erstmals eine indigene Frau ins brasilianische Parlament, die dort vehement ihre Stimme gegen die Umweltpolitik Bolsonaros erhebt.

Indien

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Indien. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

620 Kilometer, also etwa so lang wie die Strecke von Berlin nach Stuttgart, reichte die Menschenkette, die Frauen Anfang 2019 im südindischen Bundesstaat Kerala bildeten. Ihr Ziel: der Tempel Sabarimala, ein hinduistisches Heiligtum. Frauen „im Menstruationsalter“ war der Zutritt jahrzehntelang verboten. Tempelverbote wie diese gelten als Ausdruck der patriarchalen Ordnung in Indien.

Obwohl das Gesetz bereits 2018 zurückgenommen wurde, werden pilgernde Frauen auf dem Weg zum Tempel immer wieder von wütenden Männergruppen angegriffen. Dagegen regte sich lautstarker Protest: Rund fünf Millionen Frauen nahmen an der Menschenkette teil – nicht nur, um ihr Recht zum Tempel zu pilgern, einzufordern, sondern auch für Gleichberechtigung in anderen Lebensbereichen und gegen die konservative Regierungspartei des Landes.

Argentinien

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Argentinien. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Mit grünen eckigen Tüchern in die Höhe gestreckt demonstrieren seit Jahren Tausende Frauen in Argentinien für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche. Im vergangenen Herbst gingen 200.000 auf die Straße. Bisher ist in Argentinien ein Schwangerschaftsabbruch nur dann erlaubt, wenn die Schwangerschaft gesundheitlich lebensbedrohlich oder die Folge einer Vergewaltigung ist. Was dieses restriktive Reproduktionsrecht für die Frauen bedeutet, schildert die 19-jährige Florencia hier. Sie sagt: „Ein illegaler Schwangerschaftsabbruch ist wie Russisch Roulette.“

Nun soll das Gesetz liberalisiert werden. Das kündigte der argentinische Präsident Alberto Fernández vor wenigen Tagen an mit den Worten: „Im 21. Jahrhundert muss jede Gesellschaft die individuelle Entscheidung ihrer Mitglieder respektieren, frei über ihre Körper zu verfügen.“

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