Wie Frauenfußball das nächste große Ding werden könnte

Bis vor 50 Jahren war Frauenfußball vom DFB verboten. Was hat sich seit dem verändert? Laut einer Expertin ist die Emanzipation des Sports nur mit eigenen Verbänden möglich.

Das Team des VfL Wolfsburg feiert den Sieg.

Das Team des VfL Wolfsburg feiert den Sieg. Foto: © Hermann Hay/dpa

Dr. Friederike Faust, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin, forscht unter anderem zu Fußball, Feminismus und Politik und engagiert sich für die Frauenrechtsgruppe Discover Football. Sie hat eine klare Vorstellung davon, wie sich der Frauenfußball emanzipieren könnte.

ze.tt: Frau Dr. Faust, der FIFA-Präsident Gianni Infantino hat im Vorfeld der gerade zu Ende gegangenen Fußball-WM der Männer den Wunsch geäußert, auch mal eine Schiedsrichterin ein Spiel in Russland leiten zu lassen. Daraus ist nichts geworden. Unter den 36 Schiedsrichtern waren wieder nur Männer. Wie sexistisch war diese WM?

Friederike Faust: Ich habe die WM wenig verfolgt. Das war ja die Männer-WM, da wird sowieso wenig über Frauen gesprochen. Ansonsten war das der Standardsexismus. Bei den Aufnahmen aus dem Publikum werden hübsche Frauen gezeigt, überall gibt es sexistische Werbung und Vergleiche. Wie zum Beispiel: „Der läuft ja wie ein Mädchen!“ So etwas kommt immer vor.

Wie kommt es, dass Fußball so anfällig für Sexismus ist?

Fußball ist in Großbritannien als ein Sport von Männern für Männer erfunden worden, wo es darum ging, typisch männliche Werte zu erlernen, wie Disziplin, Körperlichkeit und Kameradschaft. Als typisch männliche Sportart wurde er dann nach Kontinentaleuropa exportiert, was dazu geführt hat, dass sich in unserer binärgeschlechtlichen Welt das Männliche verstärkt vom Weiblichen abgrenzen konnte. Dann haben sich im 20. Jahrhundert gesamtgesellschaftliche, sowie die Geschlechterdifferenzen, verfestigt. Gleichzeitig hat sich der Fußball national zur wichtigsten Sportart entwickelt; und in einer patriarchal organisierten Gesellschaft muss die Nationalsportart natürlich auch dieses Prinzip verkörpern.

Im heutigen gesellschaftlichen Diskurs gibt es vermehrt Bestrebungen, diese Geschlechterdifferenzen wieder aufzubrechen. Frauenfußball als Nationalsportart ist aber noch nicht denkbar?

Nein, aber das wird ja auch nicht zugelassen. Bis 1970 war in Westdeutschland Frauenfußball durch den DFB verboten. In der DDR wurde er nicht verboten, aber auch nicht gefördert. Und selbst nach der Aufhebung des Verbots wurde er nur lächerlich gemacht und trivialisiert. Man hat explizit nicht dazu beigetragen, dass er an Prestige gewinnt. Außerdem ist die Nation in den Köpfen der Menschen immer noch Männersache, da funktioniert eine Frauensportart nicht. Die Männer verteidigen die Nation, das muss auch auf dem Spielfeld verkörpert werden.

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Trotzdem entsteht der Eindruck, dass sexistische Tendenzen, die in der breiten Gesellschaft als überwunden gelten, im Fußball noch immer immanent sind. Woran liegt das?

Das liegt zum einen an der Art und Weise, wie Fußball organisiert ist, nämlich in Verbänden und Vereinen, die sehr verkrustet sind. Neue Ideen haben es da immer schwer, durchzukommen. Zum anderen existiert im Fußball der Mythos des unpolitischen Sports, der sich daraus speist, dass sich der Fußball als gesellschaftlich unabhängiger Bereich begreift, der von gesamtgesellschaftlichen Strukturen nicht tangiert wird. Tatsächlich ist Fußball aber total verwoben mit allen anderen gesellschaftlichen Verhältnissen und kein autonomer Bereich, der nach seinen eigenen Regeln funktioniert. Ungleichheitsverhältnisse und Diskriminierung spielen da genauso mit rein. Deswegen ist es wichtig, diesen Mythos in Frage zu stellen.

Viele, die eine Emanzipation des Frauenfußballs grundsätzlich befürworten, argumentieren, Frauenfußball sei im Vergleich zu Männerfußball weniger attraktiv und daher nicht so schön anzusehen. Was halten Sie von dieser Ansicht?

Diese Bewertung funktioniert einfach nicht. Nach diesem Prinzip müssten alle Fans vom FC Bayern München sein, denn jeder andere Fußball ist auch weniger schnell und attraktiv. Trotzdem hat jeder Drittligist tausende Fans. Da geht es um Identifikation und darum, was als spannend und mitreißend empfunden wird. Dann ist die Frage: Warum wird das dem Frauenfußball nicht zugestanden? Im Tennis funktioniert es. Niemand würde sagen, Steffi Grafs Tennis war langweiliger, weil sie weniger hart aufgeschlagen hat als Boris Becker. Aber im Fußball ist es anders. Das hängt mit der langjährigen Verbindung von Fußball und Männlichkeit zusammen. Es kann nicht zugelassen werden, dass Frauen in diesem Fall den gleichen Stellenwert haben.

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Ärgert es Sie, dass der Frauenfußball medial nicht so stark vertreten ist wie der Männerfußball, oder wäre eine ähnliche Medienpräsenz für den Frauenfußball gar nicht wünschenswert?

Zweischneidig. Einerseits wünsche ich allen Spielerinnen Anerkennung, denn nur durch mediale Aufmerksamkeit bekommen sie mehr Sponsoren, mehr Geld und bessere Förderungen. Was damit aber auch einhergeht, ist eine Heteronormativierung. Sobald Frauen im Licht der Medien stehen, werden sie am Standard heteronormativer Ideale gemessen, die den Spielerinnen eine krasse Feminisierung und Sexualisierung abverlangen. Daher bietet es auch viele Chancen und Räume, wenn sie nicht im Zentrum der Öffentlichkeit stehen.

Wie kann eine erfolgreiche Emanzipation des Frauenfußballs gelingen?

Ich bin dafür, den Frauenfußball aus den Verbänden auszugliedern und eigene Frauenfußballverbände zu schaffen. Denn eine Emanzipation des Frauenfußballs ist in den Strukturen des DFB nicht möglich. Zu versuchen, nach der gleichen Anerkennung zu streben und sich an der Leistung des Männerfußballs zu messen, wird nicht funktionieren.

Wäre eine geregelte Frauenquote für den Vorstand des DFB eine alternative Maßnahme, um den Frauenfußball zu fördern?

Ja, das ist vorstellbar und wird im Sportbereich auch bereits versucht. Der Unterschied ist, dass der Bundestag zwar eine Frauenquote für die DAX-Vorstände beschließen kann, aber nicht für den Sport. Der Sport genießt gesetzlich festgeschriebene Autonomie. Der Druck muss also aus den Verbänden selbst kommen. Das ist sehr schwierig, weil Verbände und das Vereinswesen besonders starr und resistent für Veränderungen sind. Aber es bewegt sich schon etwas in die richtige Richtung. Meistens führt das dazu, dass Frauen in die Vorstände kommen, die kompatibel sind. Aber es gibt auch herausragende Persönlichkeiten, wie Hannelore Ratzeburg, die im DFB wahnsinnig wichtige Arbeit für den Frauenfußball gemacht hat.