„Wie Hogwarts ohne Magie“: Wieso ich aus meiner Studentenverbindung ausgetreten bin

Für mehr als drei Monate war ich Mitglied in einer Studentenverbindung – Danke für den Eindruck, aber das hat gereicht.

Burschenschaften

Auch unser Autor trug traditionelle Kleidung der Studendtenverbindungen – und fremdelte schnell damit. Symbolfoto: © Franziska Kraufmann/dpa

Vor etwa einem Jahr bin ich einer Verbindung beigetreten. Da stand ich nun mit schwarzem Anzug und roter Krawatte mit etwa 20 anderen jungen Männern mit uniformem Outfit in einem altertümlichen Raum in einer Altbau-Villa im schönsten Viertel der Stadt. Mit einer Hand auf der Fahne meiner Verbindung schwor ich, dem Leitspruch „Einig und Treu“ zu folgen, genauso wie den vier Grundprinzipien Religion, Demokratie, Wissenschaft und ewigwährender Freundschaft. Jetzt war ich offiziell ein Fuchs, ein Probemitglied einer Verbindung, für ein Jahr.

Unwissenheit und Naivität sind selten ein gutes Paar.“ – Der Autor über seine Gründe für den Einstieg

Wäre mein Leben eine Komödie, hätte genau in dem Moment ein Freeze-Frame eingesetzt und meine Stimme aus dem Off hätte gesagt: „Ihr fragt euch bestimmt, wie es dazu kommen konnte.“ Bevor ich mich für mein Studium in Freiburg bewarb, wusste ich nicht einmal was Studentenverbindungen sind, geschweige denn, was man da macht. Erst nach Wochen der verzweifelten Wohnungssuche erhielt ich einen Anruf von einem entfernten Verwandten, der mir anbot, mir jetzt und sofort ein Zimmer in Freiburgs Villenviertel für knappe 200 Euro beschaffen zu können. Einzige Bedingung: Das Zimmer wäre in einer Studentenverbindung. Unwissenheit und Naivität sind selten ein gutes Paar, aber wenn jetzt noch Neugier dazukommt, kommt man doch schon dazu einfach mal nach Freiburg zu fahren und den Mietvertrag zu unterschreiben.

Drei Hemden für 20 Euro

In den ersten Wochen habe ich es in meiner Verbindung sogar gemocht. Es fühlte sich an wie Hogwarts ohne Magie. Man hielt sich an einen Dresscode, war einem Haus anhängig und die Villa sah so aus, als käme sie direkt aus J.K. Rowlings Feder. Mein anfänglicher Eindruck kippte jedoch schon nach den ersten Wochen.

Es fühlte sich an wie Hogwarts ohne Magie.“ – Der Autor über seinen Start in der Verbindung

Einer der Gründe war der Dresscode. Die Verbindung in der ich war, ist farbtragend, das heißt ich musste ab jetzt jederzeit, wenn ich mich im Verbindungshaus aufhielt, ein Band mit ihren Farben tragen. Weil man so ein wertvolles Symbol aber nicht einfach so mit einem hässlichen T-Shirt verhunzen darf, musste ich unter dem Band immer ein Oberteil mit Kragen, also ein Hemd oder ein Poloshirt, tragen. Also erst mal ab zum C&A und das billigste Set an Hemden kaufen. Dazu noch ein schwarzer Anzug, denn mein dunkelblauer war für die hochoffiziellen Anlässe wohl nicht hochoffiziell genug.

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Neben meinem Band wurde mir noch ein Semesterprogramm in die Hand gedrückt: Es gab Kneipen, ein schickes Wort für grenzenlose Besäufnisse innerhalb der Verbindung mit den alten Herren, die jetzt in der Arbeitswelt stehen und mit ihrem Geld die neue Generation an Bundesbrüdern heranziehen. Bundesbrüder, so nannte man sich übrigens in der Verbindung. Dann gab es Kulturprogramm, Hüttenbesuche und bei ganz besonderen Events war eine Blume neben die Veranstaltung gezeichnet, das Zeichen, dass auch Frauen die Ehre hatten, dabei sein zu dürfen. Denn die Verbindung ist ausschließlich katholisch und männlich.

Es gibt natürlich auch andere Arten der Verbindung: Es gibt Frauenverbindungen, gemischte, religiös tolerantere. Bei schlagenden Verbindungen duellierte man sich mit Degen und der Verlierer kann stolz seine Narben, sogenannte Schmisse im Gesicht zur Schau stellen. Verbindungen existieren schon ewig, die meisten sind Ende des 19. Jahrhunderts gegründet worden, mit der Idee eine lebenslange Verbindung zwischen Studenten herzustellen und intellektuellen Austausch zu pflegen.

Traditionen aus dem 19. Jahrhundert

Wieso ich das weiß? Ich musste jede Woche donnerstags in die Fuchsenstunde gehen, in der zwei Stunden lang die Historie der Verbindungen abgearbeitet wurde. Man lernte über die Gründungszeiten und das Selbstverständnis einer Verbindung, genauso wie über Dresscodes, Tischmanieren und die Lieder, die bei jeder Kneipe gesungen werden. Nach der Fuchsenstunde ging man dann meistens bummeln. Das heißt man ging zu einer anderen Verbindung und trank gegeneinander an. Und mit trinken ist eigentlich nur permanentes Bier-Exen gemeint. Das läuft meistens so ab: Es gibt eine Begrüßungsrunde, bei der ein bis drei Biere pro Person getrunken werden, es gibt natürlich genaue Regeln, wer wie viele trinken muss, so wie es für alles genaue Regeln gibt. Danach ruft man wild in die Menge „Bierjunge“ und der erste, der „Hängt“ ruft, ext jetzt gegen seinen Herausforderer ein Bier, oder zwei, oder eine Maas oder einen ganzen Stiefel, wie man eben Lust hat. Danach verabschiedet man sich mit einer weiteren Bierrunde und auf geht’s zur nächsten Verbindung.

Der erste, der ,Hängt‘ ruft, ext gegen seinen Herausforderer ein Bier.“ – Der Autor über die Rituale in der Verbindung

Man kann das Trinkverhalten am besten mit einer Beschreibung der Inneneinrichtung beschreiben. Neben den Pissoiren auf der Toilette ist ein Pabst, ein Speibecken, in das man sich erbrechen soll, damit man anschließend weiter trinken kann. An ruhigen Abenden reichte diese Vorrichtung, normalerweise wurden auch die dutzenden Eimer im Trinksaal verwendet. Wenn dann mal ein ganzer Kasten von paar wenigen Personen getrunken wurde, füllten sich die immens großen Eimer relativ schnell und es lag an den Füchsen, sie rasch zu säubern. Oftmals war der gesamte Boden nach einem erfolgreichen Abend voll mit Bier, Scherben und Erbrochenem. Aber zum Glück hatte man ja eine Reinigungskraft und einen Hausmeister.

Das Ereignis, welches mich wahrscheinlich am meisten schockierte, war mein Aufnahmeritus. Nachdem ich meine Treue und Was-auch-Immer schwor, ging es hinunter in den Trinksaal. Hier musste man ein Bier exen, an dessen Boden das Fuchsenband der Verbindung lag. Die Aufgabe der Füchse: Nach dem Exen musste man das Band wie mit einer Peitsche am Rücken des Fuchsmajors trockenschlagen. Nicht symbolisch, nicht so ein bisschen, damit das Ritual schnell beendet ist. Nein, mit voller Kraft, als wäre man ein ägyptischer Sklaventreiber, der seine Arbeiter zum schnelleren Bau der Pyramide hetzt. Wenn man nicht stark genug schlug, wurde man aufgefordert, noch mal und härter zuzuschlagen. Wenn ein Schlag dann richtig saß, jubelte und johlte der gesamte Raum, Dutzende Verbindungsmitglieder, mit Bierkrügen in der Hand und schadenfrohem Lachen auf den Lippen. Insgesamt gab es sechs Füchse, jeder schlug den Major mehrere Male. Nach der Prozession war sein Rücken voller roter Striemen und aufgerissener Haut. Er sagte mir aber, dass es nicht schlimm sei, weil es ist ja Tradition.

Du musst bei nichts mitmachen, aber eigentlich schon

Bei all den Traditionen und Riten wurde man nicht direkt zu etwas gezwungen, natürlich konnte man immer nein sagen. Jedoch wurde man argwöhnisch beäugt, wenn man alkoholfreies Bier trank. Wenn man gar nicht bummeln ging oder mit einer bummelnden Verbindung wetttrank, wurde man verwarnt, man habe ja auch Pflichten, wenn man in einer Verbindung wäre. Der soziale Druck, der erzeugt wurde, damit auch ja jeder mitmacht, erinnert an eine Sekte. Je mehr ich die Regeln, wie den Dresscode oder das Benutzen der eigenen Verbindungssprache missachtete und je seltener ich an den Trinkexzessen teilnahm, desto weniger wurde ich gemocht. Das ging extrem rasch voran. Anfangs wurde ich noch respektiert, auch weil ein Verwandter von mir alter Herr in der Verbindung ist, jedoch nahm der Respekt und die Freundlichkeit schneller ab, als meine Sympathie zu Studentenverbindungen.

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Solange ich Fuchs war, hatte ich noch eine Menge Pflichten und Aufgaben, die ich in den ersten Monaten auch pflichtbewusst erledigte. An Kneipen, den gemeinsamen Besäufnissen der ehemaligen und jetzigen Studenten der Verbindung, wurde man als Fuchs fast zu einem Diener degradiert, der zu tun hatte, was die älteren sagen. Vor allem die alten Herren befehligten die Füchse herum, um Bier zu holen oder leere Humpen wieder wegzubringen. Immerhin ist man dann aber aus dem mit Zigarrenrauch und Bier -und Schweißgeruch erfüllten Raum für wenige Momente entkommen. Diese Abende wurden mit den späteren Stunden immer absurder, bald schon wurden die Liederbücher aus dem 19. Jahrhundert ausgepackt und Volkslieder gesungen. Irgendwann schweifte man dann zu selbstkomponierten Liedern. Manchen Politiker*innen wurde der Tod gewünscht, das Lieblingsziel waren Sozialdemokrat*innen, mitunter inklusive Befeuerung der Dolchstoßlegende. Aber wie mir der Fuchsmajor, ein Student und Bundesbruder sich um das Wohlergehen der Füchse kümmern soll, am vorherigen Abend sagte, man solle das alles ja nicht so ernst nehmen.

Rollenspiel fürs Leben

Die Sprache in der Verbindung war ähnlich altertümlich und konservativ wie der Glaube an feste Hierarchie und das unbedingte Einhalten aller meist vollkommen willkürlicher Regeln. Das meiste, was in der Verbindung geschah, erinnerte mich an ein LARP, ein Live Action Roleplay, bei dem man in Kostüme schlüpft und impromäßig zum Beispiel ein dystopisches Zombieszenario durchspielt. Nur spielte man in der Verbindung ein Studentenleben aus dem späten 19. Jahrhundert nach. Inklusive Sprache, Kleidung und einem sehr konservativen Frauenbild.

Die Sprache in der Verbindung war ähnlich altertümlich und konservativ wie der Glaube an feste Hierarchie“ – Der Autor über Strukturen in der Verbindung

Aber wehe dem, der das Spiel nicht ernst nahm oder die Regeln brach. Wer über eine Tradition einen Witz machte, beleidigte gleich alle Bundesbrüder persönlich. Wer sich nicht an die eigene Sprache der Verbindung hielt, das obskure Vokabular aus dem 19. Jahrhundert, glich schon fast einem Verräter. Und wer irgendetwas infrage stellte, zum Beispiel wieso Frauen nicht aufgenommen werden dürfen, wurde meistens wirsch abgefertigt. Nichts durfte verändert werden, alles war Tradition und musste deshalb hochgehalten werden und weil alle Veranstaltungen und Rituale so toll sind, muss sich auch jeder beteiligen.

Die Verbindung wird zu ihrem Leben.“ – Der Autor über die Rolle der Verbindung für seine ehemaligen Bundesbrüder

Um Missgunst zu erzeugen, reichte es schon, andere Dinge über die Verbindung zu stellen. Von vielen meiner ehemaligen Bundesbrüder hörte ich, wie sie ihre anderen Hobbys und Abendbeschäftigungen niederlegten, um sich ausschließlich der Verbindung zu widmen. Die Verbindung wird zu ihrem Leben. Das LARP, welches mal für paar Stunden auf halbironische Weise irgendwie schon ganz spaßig ist, ist ihr primärer Lebensinhalt, und zwar mindestens für die gesamte Studienzeit. Wer das nicht will, hat in einer Verbindung nichts zu suchen, eine Erfahrung, die mir zeigte, dass ich so schnell wie möglich aussteigen sollte.

Die Momente, in denen ich mich fragte, was ich hier denn eigentlich tue, nahmen zu. Ich merkte, wie ungern ich abends nach Hause in mein Verbindungszimmer ging. Ich versuchte meinen Bundesbrüdern so viel wie möglich auf dem Campus aus dem Weg zu gehen und erfand Blockseminare und Geburtstage, um nicht auf Veranstaltungen mitgehen zu müssen. Ich merkte, dass ich in einer Studentenverbindung nichts zu suchen hatte – das wussten auch meine Bundesbrüder und ließen es mich spüren. Am Ende meiner Verbindungszeit ließ ich mich kaum mehr auf dem Haus blicken. Der Alkohol, die Regeln, die Zwänge, die Kleidung, all das wurde mir zu viel. Es wurde mir häufig gesagt, Studentenverbindungen seien eine andere Welt, eine Parallelgesellschaft. Ich habe entschieden, dass ich kein Teil von ihr sein will. Im Januar bin ich dann ausgetreten. Zum Glück war ich nur Fuchs, das heißt, ich konnte noch jederzeit problemlos aussteigen. Als Bursche, also nach einem Jahr Mitgliedschaft, ist man verpflichtet sein Leben lang Teil der Verbindung zu sein.

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Jetzt wohne ich in einer gewöhnlichen WG. Ja, es ist ein Plattenbau, statt einer Villa. Und ja, ich zahle trotzdem etwa das doppelte. Aber wenn ich jetzt nach Hause komme, weiß ich, dass ich nicht dazu gedrängt werde menschenunwürdige Massen an Alkohol zu trinken. Ich kann auch in Jogginghose rumlaufen und anstatt bei offiziellen Festen im Anzug vor mich hinzuleiden, feiere ich jetzt eigene WG-Partys ohne Volkslieder und ohne Zigarrenrauch.


Anmerkung, 28. August, 2018: In einer ursprünglichen Fassung war im Text von Burschenschaften und Verbindungen die Rede. Es handelt sich in Fall des Autors um eine Verbindung und nicht um eine Burschenschaft. Wir haben den Text entsprechend geändert. Der Autor war Mitglied einer CV-Verbindung, dennoch wurde der Begriff Burschenschaft innerhalb der Verbindung verwendet. Die Farben des Fuchesenbandes haben wir aus dem Artikel entfernt.