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Wie ich beim Feiern in Stockholm einen Schweden mit einer Sex-Genehmigung aufreißen wollte

Kann man sich als Touristin nach wie vor einen Schweden angeln, obwohl die da im Norden jetzt dieses Einverständnisgesetz zu gleichberechtigtem Sex haben? Unsere Autorin hat den tollkühnen Versuch gewagt. Eine Glosse

Hej sötare! Hej sötare! Pexels II CC0

Aktuell scheint die Menschen in Deutschland vor allem der Sex zu interessieren, den sie selbst nicht haben. Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven forderte mit seiner Weihnachtsrede: Menschen sollen sich vor dem Sex gegenseitig erkundigen, ob sie diesen miteinander haben möchten. Seitdem machen besorgniserregende Artikel mit Headlines wie Neues Sex-Gesetz oder Schweden führt die Sex-Genehmigung ein ihre Runde.

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Besonders Männer scheinen um ihre Verbündeten im Norden besorgt. „Wo sollen wir hinkommen“, kommentiert Stefan auf der Facebookseite einer Lokalzeitung, „wenn sich weichgespülte, kinderwagenschiebende Männer mehr um die geplatzten Fruchtblasen ihrer Frauen als um den bevorstehenden Untergang des Abendlandes scheren? Wie Kinder zeugen, bei solchen bekloppten Ideen aus dem Land der Elche und Elchinnen?“ Heinz aus Langenbernsdorf fragt direkt darunter: „Werden die Schweden überhaupt noch Sex haben, ohne sich vorher eine notarielle Beglaubigung zu holen, wenn das Gesetz am 1. Juli 2018 in Kraft tritt?“

Ja heißt Ja, Nein heißt Nein

Ich finde: Wir müssen die Ängste und Sorgen der Bürger*innen ernst nehmen und dürfen nicht alles glauben, was in diesem Internet steht. Schon gar nicht, wenn das Gerücht nicht vor Ort auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft werden kann. Also mache ich mich mit Papier, wasserfestem Kugelschreiber und Kondomen auf den Weg nach Stockholm, um herauszufinden, ob die schwedischen Männer da oben, pardon, unten noch richtig ticken. Werde ich Verträge unterzeichnen müssen? Selbst welche ausstellen? Das Unvorstellbare vollbringen und einen Koitus vollziehen, obwohl mir Anmachsprüche wie „Hey Süße, schöne Titten!“ als Schmieröl der gepflegten Kontaktanbahnung fehlen?

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In Stockholm angekommen, mache ich mich auf den Weg zu meiner Freundin Malin Blomqvist und frage nach, wie diese Schwed*innen denn jetzt ihren Sex haben. „Es gibt eigentlich nur eine Regel“, sagt sie, „Ja heißt Ja. Und die ist auch nicht wirklich neu. Für mich hat sich nichts geändert.“

Ich verstehe nicht, warum in Deutschland so eine Aufregung um den sogenannten Schweden-Sex gemacht wird, wenn es doch eigentlich nur eine Regel zu beachten gibt? Jede Führerscheinprüfung, jede Matheklausur für Erstklässler*innen ist genau genommen schwieriger als das. Malin erklärt, dass es geschlechtsunabhängig wichtig sei, vor dem Sex seine Zustimmung zu geben. „Dadurch wird der Versuch, mit einer Person Sex zu haben, die nicht ausdrücklich Ja gesagt oder aktiv ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht hat, strafbar.“ So einfach ist Sex in Schweden.

„You Germans must be really crazy …“

Mein erster Eindruck: Alles ganz normal hier, was labern die Deutschen? Und: Warum regen ausgerechnet sie sich über einen zusätzlichen bürokratischen Schritt auf, der gar nicht fällig wird? Wenn es eines gibt, das Deutsche wirklich scharf macht, dann sind es doch bitteschön Vorschriften? Für jeden Furz muss man in Deutschland Meldebestätigungen vorzeigen, Schufas beantragen und Vollmachten für drei Monate im Voraus reservierte Termine erstellen. Aber kurz nachfragen vor dem Sex? Das geht wirklich zu weit.

Ich schlage Malin vor, mehrsprachige Genehmigungsverträge für deutsche Tourist*innen anfertigen zu lassen, die sich verunsicherte Partygänger*innen downloaden, zu Hause ausdrucken und in ihre Geldbörse zu den Kondomen stecken können. Darauf vermerkt die wichtigste Botschaft in Schriftgröße 45: Vergewaltige nicht. Malin lacht: „Das wird hier hoffentlich keiner brauchen. Aber wenn du heute Abend auf Nummer sicher gehen willst, druck dir doch einfach selbst einen deiner Zettel aus.“

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Gesagt, getan. Abends kann ich die deutsche Angst auf einer Hausparty mit der schwedischen Praxis konfrontieren und wertvolles empirisches Material für meine Recherche sammeln. Irgendwoher dröhnt tatsächlich Vi sitter här i venten och spelar lite DotA von Basshunter aus den Boxen, als ich mit meinen Fake-Verträgen ausgestattet einen Raum voller gutaussehender, blonder Halbvikinger betrete, und mich und mein gelocktes Haar in Aussicht auf Babys mit skandinavischen Vornamen in die Küche schwinge, um einen Drink zu holen. Skål!

Erst nach ein paar Minuten fällt mir auf, dass etwas fehlt. Achso, genau: ein Dude, der sich über beide Backen grinsend zu mir stellt und etwas über sein Händchen für Bitcoins erzählt, obwohl ich nicht danach gefragt habe und danach erwartet, auf einen Sprung in die Toilette zu verschwinden. Stattdessen unterhalte ich mich mit Gustav über deutsche Huskyfetischist*innen.

[Außerdem auf ze.tt: Blumenkranz und Komasaufen: Was du über Mittsommer in Schweden wissen solltest]

Tandemschlitten hin oder her – ich beschließe, ihn mit meinen Fragen zur schwedischen Gesetzesverschärfung zu löchern, bevor es zu spät ist, und hole zur Untermauerung meines Vorhabens einen Zettel aus der Hosentasche. Gustav versteht die Welt nicht mehr – und reißt mir das Blatt aus der Hand. „What the fuck is that, Johan?“, sagt er zu seinem Freund. Johan und Gustav starren ein paar Sekunden auf den Wisch, bevor sie in Gelächter ausbrechen. „You Germans must be really crazy …“

Ich bin irritiert. Woher nur kommen all die besorgten Deutschen, die sich gegenseitig Geschichten vom armen schwedischen Latte-Papi erzählen, der künftig auf die Erfüllung seiner ehelichen Pflichten verzichten muss, ohne auch nur einem begegnet zu sein?

Ich zeige Johan die Artikel und Kommentare im Internet, er lacht weiter: „Are you serious? Germans are really concerned if we can still have sex up north here? Actually, I haven’t even thought that the law is worth a debate?“ „Yeah“, sagt Gustav. „,Yes means Yes‘ is not that hard to understand, isn’t it?“ So fortschrittlich, diese skandinavischen Endzwanziger – ich glaube, ich muss noch ein Weilchen bleiben.

I haven’t even thought that the law is worth a debate.“

Ich zerreiße meine Pseudoverträge und werfe sie dorthin, wo sie hingehören und mich in Aussicht auf eine einvernehmliche Nacht voller einvernehmlicher Höhepunkte in die Arme von Johans mich einvernehmlich küssenden Kumpel Erik. Das Fazit meiner Recherche? Nein, die Schwed*innen sind seit dem Aufkommen der Einverständnisregel nicht das prüdeste Volk Europas geworden und ja, Sex mit Einverständnis funktioniert. Richtig gut sogar. Ich empfehle, so wie damals bei den vegetarischen Würstchen: einfach mal ausprobieren.

Es dauert ungefähr 0,2 Sekunden Ja zu sagen – und der Sex wird auch nicht schlechter, nur weil sich zwei Menschen sicher sind, diesen haben zu wollen. Es ist nach wie vor möglich, im Halbdunkeln übereinander herzufallen und sich die Skinnyjeans von den Waden zu pellen. Versprochen.

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