Wie ich damit umgehe, dass jemand meine Identität geklaut hat

Er*sie benutzt meinen Namen, um sich Geld zu erschleichen und benutzt ein Foto meines Personalausweises und meine Instagram-Fotos, um zu beweisen, dass er*sie ich sei. Er*sie hat meine Identität geklaut – und ich kann nichts tun.

Wie ich damit umgehe, dass jemand meine Identität geklaut hat

Er*sie ist ich. © Unsplash | CC0

„Hallo Kathrin, hier ist dein zukünftiger Mitbewohner. Ist die Kaution schon angekommen?“, schreibt mir ein Tim Sander auf Facebook. Er studiert in Dresden und sucht für ein Praktikum ein WG-Zimmer in Frankfurt – wo ich wohne. Als Tim mir schreibt, weiß er noch nicht, dass er weder ein WG-Zimmer hat, noch sein Geld wiedersehen wird.

Scheiße, denke ich, als ich seine Nachricht lese. Schon wieder ist jemand auf mich hereingefallen – beziehungsweise auf mein zweites Ich. Und schon wieder muss ich meine Geschichte erzählen. Vor etwa einem Jahr suchte ich eine Wohnung in Frankfurt. Ich freute mich, als sich auf meine Wohnungsanzeige bei wg-gesucht.de ziemlich schnell jemand meldete.

[Außerdem auf ze.tt: WG-Gesucht ist der Hotspot der Verrückten]

Die Wohnung klang perfekt, meine potenzielle Mitbewohnerin auch sehr sympathisch. Wir schrieben ein bisschen hin und her und sie fragte mich nach einem Foto meines Personalausweises – damit sie auch sicher sein kann, dass ich die bin, für die ich mich ausgebe. Ich schickte ihn ihr. Im Gegenzug schickte sie mir auch das Foto eines Ausweises. Okay, alles klar, was soll schon passieren, dachte ich. Einiges, wie sich einige Wochen später herausstellen sollte.

Kurze Zeit nachdem sie mich kontaktiert hatte, forderte die Person mich auf, doch recht schnell die Kaution zu überweisen, damit sie die Wohnung für mich reservieren könne. Die Wohnung hatte ich bisher noch nicht live gesehen, mit der Person auch nicht telefoniert oder geskypt. Die Person drängte mich weiter, das Geld schnell zu überweisen. Sonst bekäme jemand anderes die Wohnung. Mir kam die Sache ziemlich komisch vor, ich brach den Kontakt ab. Die Story war für mich abgeschlossen – dachte ich zumindest.

Immer die gleiche Masche

Ein paar Wochen später bekam ich die erste Mail: „Kathrin, ich glaube, jemand benutzt deine Identität, um Leute zu betrügen“, schreibt mir eine Mitarbeiterin der Technischen Universität Dortmund – der Uni, an der ich studiert habe.

Sie kümmert sich um die Erasmusstudierenden unserer Uni. Eine spanische Studentin hatte sich bei ihr gemeldet, da sie in Dortmund eine Wohnung gesucht und ein merkwürdiges Wohnungsangebot erhalten habe. Von einer Kathrin Wesolowski, die ziemlich schnell eine ziemlich hohe Kaution gefordert hatte. Ihr sei das Ganze komisch vorgekommen, und sie meldete sich bei der TU-Mitarbeiterin. Diese fand mich prompt im Mailverzeichnis der Uni – und ging davon aus, dass ich nicht wirklich Leute betrügen würde, sondern jemand meine Identität benutzte.

Ich schluckte, als ich die Mail las. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich. Und das war erst der Anfang der Geschichte. Seit etwa einem Jahr bekomme ich solche Nachrichten regelmäßig. Als Journalistin kann man mich ziemlich leicht auf Facebook, Instagram und Co. finden. Sogar auf Xing wurde ich schon angeschrieben. Immer wieder mit ähnlichen Nachrichten: „Hey, ist meine Kaution schon angekommen? Warum meldest du dich nicht mehr?“ oder „Vermietest du wirklich ein Zimmer oder bin ich auf einen Fake reingefallen?“

[Außerdem auf ze.tt: So verhältst du dich bei einem WG-Casting richtig]

Es ist ein Fake, muss ich dann immer wieder antworten. Und zwar ein ziemlich guter. Die Person benutzt eine ähnliche Masche wie bei mir damals. Sie schreibt Leute an, die eine Suchanzeige auf wg-gesucht.de geschaltet haben. Sie erstellt dabei immer wieder neue Mailadressen mit meinem Namen, schickt das Foto meines Personalausweises an Leute, um zu beweisen, dass sie ich sei. Sie hat Fotos meines Instagram-Accounts heruntergeladen, um auch mit privaten Fotos Vertrauen aufzubauen. Außerdem sagt sie, sie sei Journalistin. Sie hat also ihre Hausaufgaben gemacht. Die Person benutzt meine Identität als ihre. Damit sie schnell an Geld kommt, schickt sie sehr bald einen Vertrag und sagt, dass die suchende Person ganz schnell die Kaution bezahlen soll, damit sie die Wohnung auch auf jeden Fall bekommt. Und leider zahlen einige die Kaution – obwohl sie nur Fotos von einer Wohnung gesehen haben, die leider gar nicht existiert.

Er*sie klaut meine Identität – und die Polizei tut nichts

Bisher haben mir schon mindestens zehn Leute geschrieben, die mit dem*r Betrüger*in in Kontakt waren – und einige haben leider auch das Geld überwiesen. Wie ich mich bei solchen Nachrichten fühle? Mir läuft’s eiskalt den Rücken herunter. Da begeht eine*r Straftaten in meinem Namen, Menschen vertrauen „mir“ und werden dann einfach nur verarscht. Wer weiß, wie viele Leute schon auf „mich“ hereingefallen sind? Es haben mich bestimmt nicht alle im Internet gesucht und kontaktiert. Außerdem benutzt der*die Betrüger*in Fotos von meinen Social-Media-Kanälen, er*sie stalkt mich. Das ist wirklich gruselig.

Was mich aber fast noch mehr ärgert: Die Polizei macht mir keine Hoffnung, dass das Ganze ein Ende nehmen wird. Das erste Mal ging ich zur Polizei in Mainz, in meiner Heimatstadt – kurz nachdem ich das erste Mal von einer betrogenen Person kontaktiert worden bin. „Wenn wir ehrlich sind, bringt’s echt nichts, dass Sie Anzeige erstatten“, sagte ein Polizist zu mir. Denn: Die Kontodaten des*r Betrüger*in weisen darauf hin, dass er*sie Konten in den USA, Italien und England hat. Vielleicht ist es auch nicht nur ein*e Betrüger*in, sondern sogar ein ganzes Netzwerk? Ich habe mir wenigstens einen neuen Personalausweis besorgt und den anderen wegen Identitätbetrugs als ungültig erklären lassen. Damit ich im Falle einer Anzeige nicht belangt werden kann.

[Außerdem auf ze.tt: Was ich als WG-Nomadin über das Zusammenleben gelernt habe]

Mit der ausländischen Polizei in solchen Fällen zu kooperieren, sei eher unwahrscheinlich und kompliziert, erklärte mir der Beamte. Ein paar Monate später musste ich in Frankfurt als Zeugin aussagen und beweisen, dass nicht doch ich die Betrügerin bin. Der Polizist dort meinte, ich solle doch alle Fälle anzeigen, vielleicht könne man doch etwas machen. Nach den Aussagen des ersten Polizisten noch damals in Mainz, weiß ich aber nicht, ob das wirklich was bringen wird. Die weiteren Anzeigen habe ich auch noch nicht erstattet. Aus Zeitmangel und Frust.

„Scheiße, das heißt also, dass ich sowohl kein Zimmer habe, als auch meinem Geld hinterherjagen muss?“

Jeder Person, die sich bei mir meldet, und mir erzählt, dass sie auf mich reingefallen sei, rate ich dennoch zur Polizei zu gehen – es kann ja doch nicht schaden, wenn viele Menschen die Anzeige erstatten. Eine der betrogenen Personen hat mir erzählt, dass sie sogar schon mit dem vermutlichen Betrüger geskypt habe. Er habe sich für meinen Onkel ausgegeben und gesagt, ich sei nicht zu sprechen. Der Mann hat einen Schnurrbart, dunkle Haare, ist vielleicht um die 50 – ich habe einen Screenshot von seinem Foto gesehen. Und dennoch tut die Polizei nichts.

„Leider bist du auf einen Betrüger reingefallen“, antworte ich Tim Sander also auf Facebook. Ich fühle mich ziemlich schlecht, obwohl ich eigentlich nichts für den Betrug kann. „Scheiße, das heißt also, dass ich sowohl kein Zimmer habe, als auch meinem Geld hinterherjagen muss?“, bekomme ich als Antwort. Leider ja. Zum Glück reagierte Tim Sander, wie alle anderen betroffenen Personen, sehr verständnisvoll. Sie verstehen, dass ich damals genauso auf den*die Betrüger*in hereingefallen bin – nur dass ich zum Glück keine Kaution gezahlt habe.

[Außerdem auf ze.tt: Wie Lena wegen ihres Ex-Freundes Probleme mit der Schufa bekam]

Und ich denke nur: Da treibt sich irgendwo in der Welt jemand herum, der*die sich für mich ausgibt und ordentlich Geld kassiert. Und ich kann nichts dagegen tun. Eine Hoffnung bleibt mir allerdings: Mein Personalausweis ist im Januar ausgelaufen. Vielleicht wird der*die Betrüger*in ihn dann irgendwann nicht mehr nutzen können, um andere zu betrügen. Sicher ist das aber nicht: denn Tim Sander ist jetzt auch fast um 1.000 Euro ärmer – er hatte auf das Ablaufdatum des Personalausweises nämlich nicht geachtet.