Wie ich dank meines Hundes den Mut fand, meinen Job zu kündigen

Inga stand kurz vor dem Burn-out. Doch durch ihren Hund lernte sie, wieder im Moment zu leben.

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Bringt mehr als jedes Life-Coaching: Mit einem Hund kuscheln und im Moment leben. Symbolfoto: Sam Manns / Unsplash | CC0

Heute ist ein besonderer Tag: Ich habe meinen sicheren Job in einer Agentur gekündigt. „Längst überfällig”, raunt es aus meinem Freund*innenkreis. Doch manchmal lässt uns die Macht des Alltags und das Sicherheitsbedürfnis länger an etwas festhalten, als es uns eigentlich gut tut. Zweifel und Fragen, wie ich meine Miete bezahlen werde oder ob ich unterm Strich tatsächlich meine Träume leben werde, haben mich immer wieder zurückgeworfen, in dieses trotz allem so bequeme Netz.e

Wer mich trotzdem erkennen lassen hat, dass ich etwas ändern muss? Mein Hund. Er ist mir ein Lehrmeister für das echte Leben: für die Selbstwahrnehmung, den Optimismus und das über sich Hinauswachsen. Im Leben läuft nicht immer alles optimal. Es mag nur das fehlende Fenster im Badezimmer sein, das zur absoluten Traumwohnung fehlt, die raubeinige Art eines*r Freund*in, die das eigene sanfte Gemüt vor den Kopf stößt oder aber die Unzufriedenheit mit dem Job. Eigentlich ist klar, dass eine Veränderung passieren muss, doch eine gewisse Gemütlichkeit macht eine Veränderung schwer, auch wenn sich die Situation schon lange nicht mehr richtig anfühlt.

Ich habe die Notbremse gezogen – dank meines Hundes

Besonders im vergangenen Jahr ist meine innere Balance immer mehr verloren gegangen. Ein leichter Zynismus, Gereiztheit und Zweifel füllten mich zunehmend aus. Der Glaube an mich selbst war gestört. Ich erkannte mich selbst kaum wieder. Dazu fast täglich Kopfschmerzen, die ich nur noch mit Ibuprofen abschalten konnte. An Weihnachten waren meine Energiereserven vollends aufgebraucht. Ich musste mich zurückziehen. Denn jetzt konnte nur noch komplette Entschleunigung helfen – und mein Hund.

Es mag komisch klingen, aber die Auswirkungen meiner Achterbahnfahrt erkannte er schon vor Monaten. Hunde haben für so etwas einen untrüglichen sechsten Sinn. Kleinste Unzufriedenheiten nimmt ihr Radar schon wahr, noch lange bevor aus dem Mini-Tief eine echte Frustration geworden ist. In seinem Verhalten spiegelt er mir diese Entwicklungen – und hilft mir dabei, mich auf Veränderungen einzulassen; wieder von Null anzufangen; die Macht der kleinen Schritte zu erkennen; Dinge zu tun, die ich vorher noch nie gemacht habe; meiner inneren Stimme zu vertrauen; mich wieder in den Fokus zu rücken und meinen ganz eigenen Träumen zu folgen.

Gewisse Verhaltensmuster, wie ein ungesunder Umgang mit Stress, verankern sich schnell in uns. So auch bei mir. Daran konnten diverse Coaching-Versuche nicht wirklich viel ändern. Sprach ich mit anderen darüber, schien alles logisch und der Weg daraus schnell aufgezeichnet. Doch im Alltag waren die gelebten Muster dann wieder einfach zu stark. Dass ich nun endlich den bewussten Schritt einer Kündigung gehen kann, verdanke ich meinem Hund, der mich in jeder Minute daran erinnert, wie viel Mut bewegen kann.

Mein Hund ist mein Life-Coach. Foto: privat

Hunde sind die besseren Berater*innen

Ich glaube, wir neigen dazu, uns Dinge schön zu reden. Theoretisch lasse ich gerne erst einmal alles auf mich zukommen und will mich erst dann für einen Weg entscheiden. Die Realität sieht häufig anders aus. Aus Höflichkeit, Unsicherheit oder Selbstzweifeln nehme ich bestimmte Situationen oftmals als gegeben hin und lasse meinen eigenen Wert außer Acht. Auch hier handelt mein Hund ganz anders.

Von Natur aus ist er ein sehr offener und neugieriger Hund, der jeden, egal ob Mensch oder Artgenosse, völlig frei von Vorurteilen begrüßen und kennenlernen möchte. Stimmt die Chemie von seiner Seite aus nicht, kann er das andersherum auch sehr deutlich zeigen. Er dreht sich offensichtlich weg und entzieht sich der Situation. Bevor ich meinen Hund adoptierte, ging ich bei der Auswahl meines Umfeldes viel unbedarfter vor. Zum Beispiel war mir die Einstellung, die jemand zu Tieren hat, zwar nicht völlig egal, aber der Stellenwert war nicht sehr hoch. Heute ist das anders. Es ist mir wichtig, dass die Menschen um mich herum zu mir passen und andersherum ich zu ihnen.

Es ist mir wichtig, dass die Menschen um mich herum zu mir passen und andersherum ich zu ihnen.

Es mag pathetisch klingen, aber was zählt, ist das Hier und Jetzt. Berlin ist zwar nicht New York oder Tokyo, aber auch hier pulsiert das Leben im schnellen Takt. In überfüllten U-Bahn-Waggons im Feierabendverkehr, in der Schlange im angesagten Club oder in der Touri-Karavane an der East Side Gallery – häufig ertappte ich mich in einem Gedankenkarussel, das sich bereits weit in der Zukunft dreht. Immer schneller, immer weiter, immer höher.

Anstehende Deadlines rauben mir die sonntägliche Ruhe, der Monat ist am Besten schon vorgeplant und lässt keine Überraschungen zu. Auf dem Spaziergang werden noch schnell ein paar Sprachnachrichten geschickt und Memos an mich selbst gesprochen, damit nichts hinten runter fällt und sich das gute Gefühl abgearbeiteter To-do-Listen einstellt. Ein Hamsterrad, das mich nicht entkommen ließ.

Hunde besitzen die wunderbare Gabe, im Hier und Jetzt zu leben. Völlig uneingeschränkt genießt mein Hund das, was er in diesem Moment erlebt. Selbst der Routine entlockt er einen Zauber. Fast jeden Morgen nehmen wir den gleichen Weg ins Büro. Doch anstatt gelangweilt die Straße entlang zu trotten, kann er es kaum erwarten, endlich aus der Haustür zu kommen. Neue Gerüche, Spuren im Schnee, ein aufgeregtes Lachen in der Ferne. Frei von negativen Gedanken und Sorgen lässt er sich jeden Tag, jeden Augenblick auf neue Abenteuer ein. Und davon kann ich mir noch viel abschauen.

Dem Leben mit unverbesserlichem Optimismus begegnen

„Das kann ich nicht”, gibt es bei meinem Hund nicht. Wenn das leckere Stück Käse unerreichbar hoch auf dem Tisch liegt und mit seinem unwiderstehlichen Geruch die Nase lockt, sind Ausdauer und Optimismus gefragt. Schafft er es nicht aus eigener Kraft, startet er die Charmeoffensive. Schwanz wedeln, anstupsen, Pfote auflegen und dieser Blick. Zieht doch sonst auch immer.

Hilft das nicht, müssen eben seine telepathischen Kräfte ran. Volle Konzentration, Augenkontakt und dann müsste es doch eigentlich klappen. Die Erfolgsquote liegt zwar noch bei Null, aber er lässt sich nicht entmutigen. Echter Optimismus, der ganz schön ansteckend ist! Er verschwendet keine Gedanken daran, ob er groß genug ist oder ausreichend schnell, um sich den Wunsch in diesem Moment zu erfüllen. Einzig und allein die Möglichkeiten, die sich immer wieder auftun, zählen für ihn. Und davon versuche ich mir immer öfter eine Scheibe abzuschneiden.


Von Inga Muecke auf EDITION F.

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