Wie ich das erste Mal Wahlkampf in Berlin machte

Mit einem klapprigen Plastiktisch, Einkaufschips und Flyer kämpft unser Autor für einen sozialdemokratischen Kanzler. Im Gespräch mit den Menschen wird ihm klar, was es bedeutet, Teil einer Partei zu sein.

Günter ist bereits seit 50 Jahren in der Partei. Unser Autor erst seit sechs Monaten. Foto: privat

Günter ist noch nicht da. Es ist zehn Uhr und ich stehe an der U-Bahn-Station Halemweg, Charlottenburg-Nord. Der Besitzer der Dönerbude schließt gerade seinen Laden auf, ältere Frauen laufen vereinzelt zur Bäckerei daneben, um die Wochenend-Brötchen zu kaufen. Vor dem Supermarkt sitzt ein Bettler auf alten Zeitungen und redet mit seinem Hund. Ein Bus kommt an, drei Menschen steigen aus. Hier werde ich heute zum ersten Mal Wahlkampf für die SPD machen.

Zehn Minuten später steigt Günter aus seinem silbernen Toyota, kariertes Jackett und Sonnenbrille. Er winkt zu mir rüber: „Laurenz, bist ja schon da, pack mal mit an!“ Klar bin ich da, ist ja meine Premiere heute. Günter sieht das entspannter. Er ist auch schon über fünfzig Jahre in der Partei – Brandt, Schmidt, Schröder, alle erlebt. Aus seinem Kofferraum tragen wir einen weißen Klapptisch und einen Stuhl, einen vergilbten SPD-Sonnenschirm und eine Kiste mit Flyern und Merchandise. Ich trage den Kram vor den Supermarkt.

„Lass uns doch direkt hier vor dem Eingang aufbauen.“ 

„Gute Idee, aber da ist pralle Sonne. Wir stehen lieber im Schatten.“

Mit Günter heute im Wahlkampf. Er kennt sich aus. Foto: privat

Günter hat sogar eine rot-weiße Tischdecke mit dem SPD-Logo dabei. Darauf platziere ich die Flyer, Einkaufschips, Kugelschreiber, Erfrischungstücher und Luftballons. Günters Tipp für den Wahlkampf: „Es ist immer wichtig, auch einen Einkaufschip zu überreichen. Sonst nimmt niemand einen Flyer.“

„SPD? Da kotz ich!“

Eine junge Frau mit Kinderwagen nähert sich unserem Stand. Es kann losgehen. Strahlend gehe ich auf sie zu und trällere beschwingt wie Verkäufer in einer Telefon-Hotline: „Guten Morgen, darf ich Ihnen etwas von der SPD mitgeben?“ Sie nimmt mir den Flyer ab. Sieg.

„Dazu gibt es auch noch einen Einkaufschip.“

„Oh, den kann man ja immer gebrauchen, danke“, meint sie lächelnd und geht weiter. Das war ein guter Start. Und ab jetzt geht niemand ohne Flyer und Einkaufschip in den Dönerimbiss, die Bäckerei oder den Supermarkt. Okay, nicht ganz. Denn nicht alle hier am Halemweg mögen die SPD.

„Guten Tag, darf ich Ihnen etwas von der SPD mitgeben?“

„SPD? Da kotz ich!“

„Alles klar, Ihnen auch ein schönes Wochenende.“

Ein anderer ruft mir entgegen: „Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten.“ Dann geht er in den Supermarkt. Wahlkampf am Stand ist kein entspannter Smalltalk.

„Es ist immer wichtig, auch einen Einkaufschip mitzugeben“, so Günter.

Rund um den Halemweg hat die AfD bei der letzten Berliner Abgeordnetenhauswahl 20,2 Prozent erreicht (die SPD 24,8). Einer, der rechts wählt, steht jetzt direkt vor mir. Mann, um die vierzig, muskulös, schwarze Basecap.

„Guten Morgen, darf ich Ihnen was von der SPD mitgeben?“

„Ne, nicht mehr SPD.“

„Warum?“

Und nun bin ich mittendrin in meiner ersten Diskussion.

„Warum? Ihr habt uns in den Krieg geschickt!“, sagt der Mann. Also ich habe niemanden in den Krieg geschickt, aber jetzt bin ich nun mal Teil der Partei.

„In welchen Krieg denn? Rot-Grün hat sich damals gegen den Irak-Krieg ausgesprochen.“

„Ja, aber für Afghanistan. Ich bin Berufssoldat. Und meine Kameraden mussten nach Afghanistan. Das war ein Riesenfehler.“

Hier helfen keine Einkaufschips und Erfrischungstücher. Ich versuche erfolglos, den Afghanistan-Einsatz zu rechtfertigen, obwohl ich hier selbst unentschieden bin.

[Außerdem auf ze.tt: Studierende in Berlin: „Ich würde Martin Schulz wählen, es gibt ja keine Alternative“]

„Gut, auch wenn das ein Fehler gewesen sein mag, geht es nun um aktuelle Themen. Martin Schulz steht auch für einen Neubeginn.“

„Ist mir ganz egal, für mich gibt es nur eine Alternative: die Alternative. Aber ich wünsche dir alles Gute.“

„Willst du vielleicht noch einen Einkaufschip?“, frage ich.

Wir müssen beide lachen.

Vor dem Supermarkt kämpfen wir für die Partei.

Dann kommen drei weißhaarige Damen die Straße entlang. „Das ist mein Job“, sagt Günter, als ich schon drei Flyer und drei Kugelschreiber in der Hand habe. „Laurenz, wir müssen uns das aufteilen“, meint er zwinkernd und begrüßt die Frauen mit einem fröhlichen Guten Morgen.

Bildung, Geflüchtete, Renten? Nein, Rebhühner

Zur Vorbereitung hatte ich mir noch das Wahlprogramm durchgelesen. Steuerpolitik, Rentenpolitik, Flüchtlingspolitik, Bildungspolitik. Meine nächste Begegnung hat andere Sorgen: Sie sorgt sich vor allem um den Bestand der Rebhühner in Deutschland.

„Da muss die SPD mal etwas machen. Ich sehe immer weniger auf den Feldern. Außerdem gibt es immer weniger Käfer. Sie sind jung, das wäre doch mal ein Thema für Sie.“

Das Gespräch endet schnell: „Ich wähle eh SPD, seit fünfzig Jahren“, sagt sie.

Leider hat sich ihr kleiner Hund während unserer Unterhaltung mit seiner Leine an unserem weißen Klappstuhl  verfangen. Gemeinsam befreien wir ihr Tier.

In der nächsten Stunde kämpfen Günter und ich gemeinsam dafür, dass ab September ein sozialdemokratischer Kanzler Deutschland regiert. Dann ist es Viertel vor Zwölf, Günter will Feierabend machen.

„Laurenz, lass uns mal einpacken.“

Wie, wir sollten doch bis zwölf machen?

„Ich hab heute noch was zu erledigen. Und du kannst dann auch noch ein bisschen das Wetter genießen“, sagt Günter.

Wir laden den Sonnenschirm, Tisch, Stuhl und Flyer in den Wagen und er fährt davon. Ich setze mich vor die Dönerbude und esse eine Falafelrolle. Wahlkampf macht hungrig. Aus dem Supermarkt kommt ein Vater mit seiner kleinen Tochter. In der Hand hält sie einen roten SPD-Luftballon.


Laurenz Schreiner ist Mitglied in der SPD.