Wie ich die Türkei verließ, um in Deutschland Journalist zu werden

Emre lebte in Istanbul, schloss erfolgreich seinen Bachelor ab und wollte arbeiten – als Journalist. Er musste einsehen, dass er damit in der Türkei keine Zukunft hat.

Heute lebt Emre in Hamburg. © Isabel Schneider

Emre hatte Glück im Unglück. Emre verlor am Morgen des 15. Juli nicht seine Freiheit, sondern nur eine Praktikantenstelle.

Obwohl die Zeitungsredaktion, für die er gerade als Praktikant arbeitete, weder mit der Erdogan-Opposition noch der Gülen-Bewegung in Verbindung gebracht werden konnte, wurde sie geschlossen, so wie zahlreiche andere auch. Viele seiner Kolleg*innen wurden infolge des versuchten Militär-Putschs einfach so verhaftet und des Terrorismus bezichtigt.

Für Emre war zu diesem Zeitpunkt der Traum von unabhängigem Journalismus in der Türkei geplatzt. Jetzt fühlte er sich hier in seiner Heimat vor allem bedroht. Er wusste: Ich muss hier raus.

Einzige Möglichkeit: Deutschland

Heute sitzt Emre auf einem alten Polstersofa in einem Café auf St. Pauli, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und schaut nach draußen in den regnerischen Abend. Er trägt Jeans und Hemd, dazu einen ordentlich frisierten Bart. Emre ist ein unauffälliger Typ, bemerkenswert ist allein sein Blick: skeptisch und leicht in Sorge.

Seit einem Jahr lebt Emre nun hier in Hamburg. Was für ihn neu ist: der viele Regen. Den hatte er in Istanbul nicht so oft. Emre hat in der Türkei PR und Kommunikation studiert. „Auf dem Gymnasium habe ich beschlossen, Journalist zu werden. Alle meine Freunde wurden Lehrer oder haben in Unternehmen angefangen“, sagt er. Er aber wollte den Menschen eine Stimme geben.

Nach seinem Studium beginnt Emre ein Praktikum bei einer Zeitung in der Türkei. Von 2015 bis 2016 arbeitet er dort als Praktikant in der Onlineredaktion, friedlich. Einige Monate vergehen, dann, an diesem 15. Juli, wird alles anders.

Sie behaupten, du bist Anhänger von Gülen, einem Terroristen, und dann bist du einfach weg.“ – Emre

Ein paar von Emres Kolleg*innen sehen die Schließung kommen und fliehen noch rechtzeitig ins Ausland, die meisten werden in Haft genommen. „Am nächsten Tag wurde vor dem Verlagshaus der Zeitung demonstriert. Ich hatte zu viel Angst, dort hinzugehen. Die sehen, dass du demonstrierst, und die nehmen dich einfach fest“, sagt Emre.

Erdogan versuche gerade jegliche Opposition auszulöschen. Und mache damit kaputt, was Emre hier in Deutschland so schätze: dass jede*r sagen kann, was er*sie meint, ohne Angst haben zu müssen.

Eine eigene Meinung und eigene Gedanken sind in der Türkei nichts mehr wert.“ – Emre

„Das hat nichts mehr mit Demokratie zu tun oder mit Meinungsfreiheit und auch nichts mit Journalismus“, sagt er. In Deutschland müssten die Journalist*innen keine Angst haben, ihre Arbeit zu machen. Das heiße auch: Kritik üben. So bestimmt wie Emre dabei klingt, so wackelig ist seine Stimme, wenn er spricht. Manche deutsche Wörter gehen ihm noch schwer über die Lippen, nur leise und sehr bedacht, manchmal im Stottern.

Für Emre war nach dieser Erfahrung klar: Wenn er in Zukunft als Journalist arbeiten will, dann geht das für ihn nur außerhalb der Türkei.

Also geht er arbeiten, spart Geld an, bewirbt sich in an verschiedenen Unis, in Österreich, der Schweiz, in Deutschland. Und kommt schließlich nach Deutschland. Sein Bruder lebt schon seit 15 Jahren hier, so ist es für ihn leichter, Fuß zu fassen.

[Außerdem auf ze.tt: Die Jugend in der Türkei hat die Hoffnung nicht aufgegeben]

„Ich hab mich für ein Studentenvisum beworben. Donnerstag hab ich das Visum bekommen und Freitag war ich schon hier“, sagt er. Natürlich hätte er auch in der Türkei bleiben können und dort bei einer regierungsnahen Zeitung viel Geld verdienen. „Aber das bedeutet für mich nicht, Journalist zu sein. Nur die schönen Dinge zu erzählen.“

Emres Erfahrungen treiben ihn an

Dieser Wunsch, den Vergessenen eine Stimme zu geben, hat viel mit Emres Vergangenheit zu tun. Ursprünglich kommt er aus einem kleinen, abgeschiedenen Dorf in Ostanatolien. „Ich gehöre der Zaza an, einer kleinen, vergessenen Nation. Meine Muttersprache ist deshalb auch Zazaki.“ Türkisch hat Emre erst in der Schule lernen müssen.

Emre ist der einzige unter sechs Geschwistern, der es schaffte, auf ein Gymnasium zu gehen und dann die Universität zu besuchen. Schon früh lernt Emre, gegen Widerstände zu kämpfen: „Wenn einer von den Schülern einen Fehler gemacht hat, hat unser Lehrer auch alle anderen bestraft.“ Erinnert Emre sich an die peitschenden Schläge, zuckt er heute noch zusammen. Es sind Kindheitserinnerungen, die er nie vergessen kann. Daran sei auch der Islam schuld, sagt er heute. Früher sei auch er gläubig gewesen. Heute weiß er: „Der Islam ist für viele Menschen oft nur Mittel, andere für den eigenen Nutzen zu missbrauchen. Dabei geht es mehr um Geld und Macht als um Religion.“

Emre hinterfragt Zustände und bemüht sich um Aufklärung. Gerät dabei auch oft an seine Grenzen. „Irgendwie musste ich immer sehr für meine Bildung kämpfen“, sagt er. Auch jetzt in Hamburg tut Emre sich noch schwer. Seit Oktober studiert er hier Journalistik. Vor allem seine schlechten Erfahrungen treiben ihn an, weiterzumachen.

Geld ist mir nicht wichtig. Wenn ich etwas geändert habe, dann bin ich glücklich.“ – Emre

Etwas verändern, das will Emre am liebsten als Journalist in Deutschland. „Ich lese jeden Tag den Spiegel. Könnte ich es mir aussuchen, würde ich am liebsten dort arbeiten.“

Die Türkei gehört aktuell zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalist*innen weltweit. Nach dem Putschversuch wurden laut Reporter ohne Grenzen 100 Journalist*innen verhaftet, 150 Medien geschlossen und 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalist*innen stehen unter Generalverdacht. Einer der bekanntesten Fälle ist der deutsch-türkische Reporter, Deniz Yücel, der seit Februar 2017 in der Türkei gefangen gehalten wird.

[Außerdem auf ze.tt: Wieso steckt die Türkei einen deutschen Journalisten ins Gefängnis?]

Emre, der in Wahrheit anders heißt, will seinen echten Namen nicht in einem Medium lesen. Falls er nach Ablauf seines Studentenvisums keine Arbeit in Deutschland findet, muss er in die Türkei zurückkehren.