Wie ich in Berlin nach freundlichen Frauenärzt*innen suchte – und scheiterte

„Wo bleibt die Empathie im Kassensystem?“, fragt sich unsere Autorin, die sich auf die schwierige Suche nach einer freundlichen Frauenarztpraxis machte.

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Eine freundliche Begrüßung scheint oft schon zu viel verlangt. © bilderberge / photocase.de

Februar 2017. Vier Wochen habe ich auf den Termin bei meiner neuen Frauenärztin in Berlin-Wedding gewartet. Ich stelle mich in der Schlange an, die vom Sprechstundenzimmer bis hinein in den Flur reicht und warte mit gezückten Unterlagen in meiner Hand ab. Die Frauen am Empfang wirken nervös und gestresst. Sie tauschen Zettel und unterschriebene Rezepte hin und her wie Banker*innen Wertpapiere. Die Freude könnte bei allen Beteiligten größer sein, als ich dran bin. Ein freundliches Wort zur Begrüßung gibt es nicht, wir sind hier schließlich nicht bei Douglas. Dabei möchte ich gar nichts kaufen. Ich möchte untersucht werden.

Seit ich ein junges Mädchen war, ist die Gynäkologie meine ganz persönliche No-Go-Area. Wo andere Angst vor der*m Zahnärzt*in haben, kann ich auf ein kariesfreies Gebiss since 1991 hinweisen. Bei meinen Fortpflanzungsorganen sieht es anders aus. Pille, Drei-Monats-Spritze, Nuvaring, Kupferspirale. Ich habe bislang kein einziges Verhütungsmittel komplikationslos vertragen und leide zusätzlich an einer relativ gewöhnlichen, aber doch chronischen Erkrankung, die Kontrolle bedarf. Ich habe PMS, hin und wieder nicht zuzuordnende Unterleibsschmerzen, die mich schon mal während eines Schwimmbadbesuchs ins Krankenhaus haben fahren lassen und generell Angst vor allerlei metallischen Dingen, die mir in einer sterilen Atmosphäre relativ unkommentiert in die Vagina hochgeschoben werden.

„Das müssen Sie aushalten als Frau“

Als ich bei der Ärztin Mitte 40 im Zimmer sitze, habe ich das Gefühl, beurteilt zu werden. Ich weiß nicht mehr genau, worüber wir sprechen, als sie mir einen Kinderwunsch in den Mund legt. „Aber Sie wollen doch bestimmt bald Kinder, Frau Jankovska!“, sagt sie. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Soll ich ihr widersprechen? Soll ich nicken? Ich erzähle ihr von meinen Unterleibsschmerzen, die besonders vor der Periode so stark sind, dass ich Schmerztabletten einnehmen muss, um zu arbeiten. Zwei Stück.

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Sie empfiehlt mir einen Magen-Darm-Tee und sagt, das müsse man eben aushalten. Als Frau. Wir hätten „nun mal mit gewissen Stimmungsschwankungen zu kämpfen.“ Ich frage mich: Wo bin ich hier? Beim Esoladen um die Ecke oder bei einer medizinisch ausgebildeten Fachärztin?

Frau Doktorin lächelt pflichtbewusst und schickt mich auf den Stuhl. Die Untersuchung verläuft wie bei den anderen Gynäkologinnen auch, die ich bislang kennengelernt habe. Ohne Kommentar. Meist stehe ich danach irgendwo nackt oder angezogen im Raum rum und muss selbst nachfragen, ob irgendetwas auf dem Ultraschall entdeckt wurde. Oder beim Abtasten. Auskunft kostet extra. Und Interesse auch.

Meist stehe ich danach irgendwo nackt oder angezogen im Raum rum und muss selbst nachfragen.“

Nicht falsch verstehen: Ich erwarte nicht, wie eine Prinzessin behandelt zu werden, die den britischen Thronfolger austrägt. Aber ein bisschen dignity könnte nicht schaden, wenn ich schon meine Vulva samt Innenleben in das Gesicht einer Fremden strecke. Als ob die Situation nicht so schon unangenehm genug wäre, fühle ich mich bei dieser Ärztin im Wedding, als ob ich nicht genug Energie in mein Herzchakra gesteckt hätte. Als ob meine Beschwerden meine eigene Schuld wären, und nicht die genetischer Prädispositionen oder bakterieller Infektionen.

Was wäre, wenn ich wirklich krank wäre?

Auf meine Befunde kann ich lange warten. Als ich nach vier Wochen anrufe, weiß natürlich niemand, wer ich bin. Ich sage meinen Namen und meine Versichertennummer. Zuerst fischen sie eine falsche Akte aus dem Regal, gefolgt von langem Gewusel und Gesuche. Dass das Ergebnis in Ordnung ist, wird mir in der Tonlage einer U-Bahn-Durchsage mitgeteilt.

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Ich frage mich, was wäre, wenn tatsächlich etwas richtig schief laufen würde. Wenn ich Brustkrebs hätte oder einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen möchte. Ich bin froh, dass ich nur zur Kontrolle komme, und doch schwebt die Vorstellung einer unheilbaren Krankheit, die ich in dieser unmöglichen Praxis ausdiskutieren müsste wie eine Hiobsbotschaft über meiner Tagesverfassung. Wenn die Ärztin mich als Nummer sieht und die Sprechstundenhilfen meine Befunde nur widerwillig und schlampig kopieren und einsortieren, wie soll das hier bitteschön weitergehen?

Als ich nach vier Wochen anrufe, weiß natürlich niemand, wer ich bin.“

Ich gehe noch zwei weitere Mal hin, jedes Mal mit einem Gruseln am Tag vorher und dem Gefühl, schlecht beraten worden zu sein hinterher. Es gibt sprachlich bedingte Kommunikationsmissverständnisse, Missverständnisse bei Überweisungen, Missverständnisse darüber, wo meine Befunde wann wohin gesendet werden sollen. Ich suche mir eine neue Frauenärztin. Ein Mann wäre auch okay.

Es ist nicht leicht, einen Termin zu bekommen, also nehme ich den, den ich am schnellsten bekommen kann

März 2018. Die Praxis sieht schöner aus als die letzte. Sie befindet sich in Mitte Downtown. Friedrichstraße, um genau zu sein. Weiße Frauen mit Kinderwagen sitzen im Wartezimmer und sehen so glücklich aus, wie man sein kann, wenn man den Vormittag hier verbringen muss. Die Sprechstundenhilfe gibt mir allerlei Formulare, die ich brav ausfülle. Ich kreuze alle Felder mit „Nein“ an und gebe ihr den Bogen zurück. Kurz danach ruft sie mich wieder auf – ich hatte die Rückseite vergessen. Fällt es nur mir auf oder rollt sie mit den Augen? Auch hier gibt es keine freundliche Begrüßung. Ich bin als Frau egal.

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Als ich nach einer halben Stunde ins Zimmer der Ärztin gerufen werde, gibt sie mir nicht die Hand. Sie sagt „Guten Tag“, ohne meinen Namen zu nennen und zwingt sich zu einem klitzekleinen Mundwinkelheben. Lächeln muss auch nicht sein. Ungemütlich ist es trotzdem. Da ist kein Leben hinter ihren Augen.

Als Erstes legt sie mir einen A4-Zettel mit allen möglichen Tests hin, die ich hier und heute machen könnte, ohne sich auch nur einen Deut für meine Krankheitsgeschichte zu interessieren. Hinter jedem Test steht, wie viel er kostet. Ich schaue die Ärztin fragend an, sie zeigt keine Regung. Ich vermisse meine Gynäkologin in Wien. Ich könne diese Tests machen, wenn ich möchte. Keine Empfehlung. Nichts, das speziell zu mir passen würde. Kein Kommentar – auch nicht zu meiner Krankenakte.

Ich darf selbst auswählen. Meine Fragen werden einsilbig beantwortet. Danach darf ich mir das Verhütungsmittel meiner Wahl aussuchen. Ist das normal? Sie checkt vorher noch mein Thromboserisiko mit einem Fragebogen ab, den sie mechanisch abliest, ohne zu mir hochzublicken. Später bekomme ich wortlos ein Rezept. Ohne Aufklärung, ohne spezielle Einnahmehinweise.

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Sie nimmt an, dass ich lesen kann. Ich kann lesen, aber ein Satz zur Anwendung wäre wahrscheinlich nicht zu viel gewesen. Vor allem nicht, nachdem ich ihr erzähle, dass ich bislang nichts besonders gut vertragen hätte. Ist ihr wohl egal, dass ich später Blutungen bekommen könnte. Oder andere Unverträglichkeiten. Hauptsache ich bin schnell weg.

Andere Frauen haben ähnliche Erfahrungen gemacht

Zu Hause google ich nach der Ärztin und finde einige Ergebnisse bei Jameda. Fünf positive Bewertungen und vier eher schlechte. „Die Ärztin hat kein Einfühlungsvermögen und geht nicht auf Fragen ein. Persönliche Meinung findet sie wohl auch fehl am Platz. Die Stimmung ist also eiskalt, kein Lächeln, kein persönlicher Small Talk, der eine Vertrautheit schafft zwischen Patient und Arzt“, schreibt eine Userin. Ich muss so stark nicken, dass mir der Hals weh tut.

Eine andere Patientin schreibt: „Die Krankenschwestern sind ein Albtraum, der mir jedes Mal Bauchschmerzen vor meinem Termin bereitete. Ich hatte regelrecht Angst wieder vor gefülltem Warteraum zur Schnecke gemacht zu werden, nur weil ich irgendwas vergessen habe.“ Auch ich werde nach der, zugegeben, standardgemäß professionell verlaufenen Untersuchung schnell wieder weggeschickt.

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Wie bei meiner Ärztin im Wedding wird mir nichts mitgeteilt. Nicht, ob alles in Ordnung sei (ein kleines „Das sieht normal aus“ tut niemandem weh, oder?), nicht, wann ich meine Testergebnisse erhalte. Erst die Sprechstundenhilfe bringt ein wenig Licht ins Dunkel. In einem Monat könne ich vorbeikommen und alles abholen. Wenn etwas Akutes dabei sei, werde sie mich anrufen. Sonst nicht. Auch dieses Prozedere ist absolut standardgemäß.

Muss ich mich wie eine Zwölfjährige behandeln lassen?

Da ich von meiner ersten Ärztin im Wedding zu dieser anderen Ärztin in Mitte gewechselt habe, möchte die neue Praxis mit der alten Praxis Kontakt aufnehmen, um Befunde anzufordern. Da ich alte Befunde mitgenommen hatte, dachte ich, die Sprechstundenhilfe hätte diese auch kopiert. Hatte sie nicht. Am Ende bekomme ich nichts als ein arrogantes Augenrollen, nachdem ich darauf hinweise, dass meine alte Praxis auch nicht mehr Informationen im Archiv habe als das hier und den Befund erneut auf ihren Tisch lege. Kein „Danke“, kein „Okay, jetzt haben wir’s ja!“ Nichts. Ich werde beäugt, als ob ich ein Verbrechen begangen hätte. Dabei war sie beim Erstkontakt unaufmerksam und hat meinen Befund übersehen.

Ja, wenn es schlimm ist werden Sie es schon erfahren.“

Was ich mich nach den Erfahrungen frage, ist vor allem: Muss das sein? Muss ich mich bei Gynäkolog*innen wie eine Zwölfjährige behandeln lassen, die ihr Mitteilungsheft nicht mit hat? Darf ich keine Beratung erwarten, und mich stattdessen mit Augenrollen und Ja-wenn-es-schlimm-ist-werden-Sie-es-schon-erfahren-Sprüchen abspeisen lassen?

Ich bin doch keine Bittstellerin. Ich komme doch nicht aus Spaß hierher, sondern weil ich untersucht werden muss. Nein, auch ich habe keine Lust, mich nackt auszuziehen und demütigen zu lassen. Vernachlässigt zu werden in der Vorsorge und Beratung.

Meine Freundin geht nur noch zu Privatärzt*innen

Eine meiner Freundinnen studiert Medizin und geht inzwischen nur noch zu Privatärzt*innen. Sie ist wenig verwundert, als ich ihr von meinen Erfahrungen berichte: „Das ist mir auch passiert, und zwar nicht nur einmal. Schade, dass solche Ärzt*innen Kontakt mit Patient*innen haben dürfen“, sagt sie.

Ich habe wirklich Besseres zu tun, als Donnerstagfrüh in eine heruntergekommene Praxis im Wedding zu fahren und mich dort als Frau auf mein wie auch immer gepflegtes Aussehen und meine Familienplanung reduzieren zu lassen oder in Mitte wie eine Außerirdische behandelt zu werden, nur, weil ich ein paar konkrete Nachfragen habe. Ich bin keine Kuh, die man ausnimmt, um an möglichst viel Geld von den Krankenkassen zu kommen. Ich bin eine Frau Mitte Zwanzig und ich habe ein Recht darauf, meine Fortpflanzungsorgane so lange zu erhalten und kontrollieren zu lassen, wie ich das für nötig halte, ohne mich währenddessen wie ein Mensch zweiter Klasse zu fühlen.

Ich bin keine Kuh, die man ausnimmt, um an möglichst viel Geld von den Krankenkassen zu kommen.“

Natürlich ist der Ärzt*innenberuf stressig und natürlich gibt es oft viel zu viele Patient*innen, die untersucht werden möchten. Die Fehler der Politik jedoch an den Kranken selbst auszulassen, kann keine humanistische Lösung sein. Nicht in einem so reichen Land wie Deutschland.