Wie ich meine vegane Schwangerschaft erlebte

Unsere Autorin lebt vegan und wurde schwanger. Geht das zusammen? Ein Erfahrungsbericht

Nicht nur für sich, sondern auch noch für einen Minimenschen verantwortlich zu sein, ist eine Riesenaufgabe. Foto: Ashton Mullins / Unsplash | CC0

Schwanger! Ich starre die Ärztin ungläubig an. Irgendwann finde ich meine Sprache wieder: „Was muss ich denn jetzt machen?“ Die Ärztin lacht: „Das Schöne ist, Frau Rechau, gar nichts! Sie können weiterleben wie zuvor!“ Dann hält sie nochmal kurz inne und sagt: „Naja, das mit den tierischen Produkten muss ich Ihnen als Veganerin ja nicht erklären, oder? Tiramisu, Softeis, Mayonnaise, Sushi – Sie kriegen das ja bestimmt ohne rohe Eier und rohen Fisch hin.“

Auf dem Weg nach Hause googele ich, auf welche Nährstoffe ich in der Schwangerschaft besonders achten sollte. Eisen – kein Problem. Ich esse jeden Morgen Porridge mit Hafer und Früchten und mehrmals pro Woche grünes Gemüse. Eiweiß und Calcium – für uns Veganer*innen ein Leichtes. Hülsenfrüchte und Nüsse stehen täglich auf meinem Speiseplan. Jod lässt sich durch ein paar Teller Misosuppe in der Schwangerschaft prima aufnehmen. Mit Folsäure sind gesund vegan lebende Menschen durch ihre gemüse- und vollkornlastige Ernährung in der Regel sehr gut versorgt. Trotzdem nehme ich Folsäure in Tablettenform – so wie ungefähr jede Schwangere in Deutschland es schon ab dem Kinderwunsch macht. Sicher ist sicher!

Ein großes Thema: Vitamin B12. Es kommt eigentlich nur in tierischen Produkten vor. Eigentlich, weil Tiere artgerechte Nahrung zu sich nehmen müssen, um überhaupt Vitamin B12 aus der Natur aufzunehmen. Tiere, die nur zum menschlichen Verzehr in Intensivtierhaltung gezüchtet werden und nicht in der Natur leben, bekommen kein artgerechtes Futter. Ihnen wird das Vitamin ins Futter gemischt, damit wir Menschen später ausreichend mit Vitamin B12 versorgt sind. Das ist vielen nicht bekannt und hält vor allem kaum jemanden davon ab, Veganer*innen zu unterstellen, dass unsere Ernährung nicht natürlich sein kann, weil wir Nahrungsergänzungsmittel einnehmen müssen.

Ein anderes Körperbewusstsein

Je länger ich schwanger bin, desto mehr fällt mir auf, dass andere Schwangere sich regelrecht mit Nährstoffcocktails dopen, um auf keinen Fall in irgendeiner Form unterversorgt zu sein. Ich kann gut nachvollziehen, dass man als Schwangere plötzlich ein ganz anderes Körperbewusstsein bekommt. Nicht nur für sich, sondern auch noch für einen Minimenschen verantwortlich zu sein, ist eine Riesenaufgabe und niemand will dabei etwas falsch machen. Traurig finde ich nur, dass die Industrie uns vorgaukelt, wir könnten uns semi-gesund ernähren, solange wir genügend Nährstoffe in Tablettenform hinterher schieben. Ich sage meiner Hebamme, dass ich darauf lieber verzichten will, weil ich mir sehr sicher bin, meinem Kind alles über die Ernährung zuführen zu können, was es braucht.

Nicht nur für sich, sondern auch noch für einen Minimenschen verantwortlich zu sein, ist eine Riesenaufgabe und niemand will dabei etwas falsch machen.

Meine Hebamme nimmt mir in regelmäßigen Abständen Blut ab und kontrolliert die kritischen Werte wie Eisen oder B12. Ich schneide die ganze Schwangerschaft über hervorragend ab, fühle mich gesund und fit. Zudem habe ich das unverschämte Glück, dass meine Schwangerschaftsgelüste sich auf Unmengen von Obst statt auf Schokoeis beziehen. Von anderen veganen Schwangeren höre ich, dass sie teilweise große Lust auf tierische Produkte verspüren. Bei mir ist es so, dass ich während der Schwangerschaft unheimlich viele Assoziationen an Speisen meiner Kindheit bekomme. Milchreis mit Zimt und Zucker oder Reibekuchen mit Apfelmus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Schwangere nicht unbedingt Lust auf Fleisch haben, weil sie explizit Tierleichen verzehren wollen, sondern weil sie es mit einem besonderen Wohlgefühl aus der Vergangenheit verknüpfen. Ich würde in diesem Fall empfehlen, es mit gut gewählten veganen Alternativen zu probieren – und wenn das alles nicht hilft, nicht zu dogmatisch mit sich selbst zu sein. Auch mal dem Wunsch nach Unveganem nachzugehen, macht niemanden zu einem schlechten Menschen oder schadet auch nicht dem ungeborenen Baby.

Eine Ausnahme für die Schwangerschaft

Im Vergleich zu einigen anderen Ländern schlägt einem in Deutschland viel Gegenwind entgegen, wenn man sich auf die Suche nach guter Ernährungsberatung in der veganen Schwangerschaft begibt. „Die wissenschaftliche Empfehlung für Schwangere lautet: Möglichst nicht vegan ernähren und am besten für die Schwangerschaft eine Ausnahme machen“, erklärt Maria Flothkötter, Leiterin des Netzwerkes Gesund ins Leben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Ihrer Ansicht ist auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die tendenziell von veganer Ernährung in der Schwangerschaft abrät. Edith Gätjen, Ernährungswissenschaftlerin beim Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung räumt zwar ein, dass es prinzipiell möglich ist, sich als Schwangere vegan zu ernähren, gibt aber auch zu Bedenken: „Erstens muss Vitamin B12 substituiert werden und zweitens sollte die Ernährung vollwertig sein – veganes Fast-Food geht nicht.“ Da bin ich ganz ihrer Meinung – und hoffe, dass auch nicht vegan lebenden Schwangeren das Gleiche ans Herz gelegt wird. Viele vergessen nämlich, dass omnivore Ernährung kein Freifahrtschein für eine gesunde Schwangerschaft ist.

Als mein Baby dann eines Tages auf der Welt ist – gesund und proper und, wer hätte es gedacht, ohne die geringsten Anzeichen von Mangelerscheinungen – scheinen einige Leute erleichtert bis beeindruckt zu sein. Das Kind sei „trotz veganer Schwangerschaft“ gelungen! So, als ob ich ein Experiment gewagt hätte, das glücklicherweise gut ausgegangen ist. Aber ich muss euch enttäuschen: So ein Riesending ist das nun auch alles wieder nicht. Übrigens freute sich auch meine Frauenärztin sichtlich, als sie mein Kind zum ersten Mal nach der Geburt kennenlernte. „Richtig groß“ sei es ja und „so ein wacher Blick“. „Aber Sie haben sich ja auch vorbildlich verhalten in der Schwangerschaft“ sagte sie anerkennend. Was sie genau damit meinte, bleibt ihr Geheimnis.