Wie ich mit meinem Vater, einem suchtkranken Borderliner, aufwuchs

Unser Autor berichtet davon, wie es war, nie zu wissen, ob Papa nach Hause kommen wird – und wer dieser Mensch dann sein wird.

„Ich bewegte mich ständig zwischen Angst und Freude, zwischen weinen und lachen."

„Ich bewegte mich ständig zwischen Angst und Freude, zwischen weinen und lachen." © Lukáš Rychvalský / Stocksnap / CC0

Beim folgenden Text handelt es sich um die subjektiven Erlebnisse des Autors und soll keinesfalls Betroffene stigmatisieren. Er möchte anonym bleiben.

Als Kind hat mir meine Oma immer nahegelegt zu beten. Ich weiß noch, wie ich vor dem Schlafengehen mantraartig die gleichen Sätze wiederholte. „Bitte, lieber Gott, mach, dass mein Papa bald nach Hause kommt. Mach, dass meine Eltern sich nicht mehr streiten. Mach, dass es meiner Familie gut geht. Mach, dass alles gut wird.“

Ich muss vier oder fünf gewesen sein, als mir bewusst wurde, dass das so nichts bringt. Von da an lautete meine Devise: Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand. Dass mein Vater an der sogenannten emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, oder auch Borderline-Syndrom, litt, wusste ich damals nicht. Das Wissen darum hätte mich vermutlich auch nicht weitergebracht.

Ein Bild aus meiner Kindheit, das sich tief in mich eingebrannt hat, ist eines voller Blut. Ich wurde von klirrendem Geschirr und einem ohrenbetäubenden Geschrei meiner Mutter aus meinem gewohnt unruhigen Schlaf gerissen. Ich folgte den Geräuschen bis zur Küche. Der ganze Boden war voller Blut. Mein Vater wandelte barfuß durch die Scherben. Traumwandlerisch sagte ich meiner Mutter, sie solle aufhören zu schreien, sich ins Bett legen. Danach nahm ich meinen Vater an der Hand und sagte: „Komm, Papa. Wir gehen jetzt schlafen.“ Ich brachte ihn ins Wohnzimmer, sagte ihm, er müsse sich hinlegen. Ich schaltete den Fernseher an und beruhigte ihn so lange, bis er schließlich einschlief.

Nie enden wollende Nächte

Solche Nächte wurden bald zur Routine. Nachdem mein Vater meist schon freitagabends direkt von der Arbeit in die Kneipe gegangen war, musste man vor Montag oder Dienstag nicht mit ihm rechnen. Wie ich später erfuhr, war es vor allem ein fünfstelliges Erbe, das solche Wochenenden möglich machte – sowie Kokain und Alkohol.

Es war für mich schon bald Alltag, montag- oder dienstagnachts aufzustehen und meinen Vater ins Bett zu bringen.“

Auch wenn ich ahnte, dass so etwas eigentlich nicht zumutbar war, hinterfragte ich es nicht weiter. Ich kannte es ja nicht anders.

In einem anderen Moment ließ ich mich von meiner Mutter mitreißen. Ich verfiel genauso in Panik wie sie. Doch die hysterische Angst meiner Mutter hatte meinen Vater in seinen psychotischen Vollräuschen nur noch weiter befeuert. Wir mussten vor ihm flüchten, uns im Keller verstecken, durch das enge Fenster fliehen und die Polizei rufen.

Das ging so lange, bis sich in mir etwas veränderte. Ohne genau zu begreifen, wusste ich, dass ich mich selbst nur schützen konnte, wenn ich meinen Vater eigenhändig aus seinem Wahn holte und meine Mutter aus dem Spiel ließ. Ich liebte sie ja beide.

Ein Leben zwischen zwei Welten

Am nächsten Tag, als der Rausch dann ausgeschlafen war und die Scherben weggeräumt, war mein Vater das Gegenteil. Da war er nicht mehr der vollgedrogte Psychopath, der schrie und sich selbst verletzte. Er machte Witze und lud uns zum Essen ein. Doch vor allem brachte er uns Liebe entgegen. Er tat so, als sei nichts gewesen.

Es war diese Zeit, wenn er nüchtern war, die alles wieder wettmachte. Es waren diese Momente, in denen ich glücklich war.“

Ich war froh darüber, dass er da war, dass er den Tag mit mir verbrachte. Wenn meine Mutter dann in der Nachtschicht arbeitete, schauten wir zusammen Western und aßen dabei Bohnen mit Speck. Dazu gab es weißen Whiskey – ein Glas Milch für jeden. In diesen Momenten hatte ich eine glückliche Kindheit.

Diese beiden Gegensätze waren es, die meine Gefühlswelt als Kind prägten. Ich bewegte mich ständig zwischen Angst und Freude, zwischen weinen und lachen. Begleitet wurden diese Gefühle immer von einer Ungewissheit, die meinen Schlaf nicht gerade entspannt machen. Welcher Mensch wird heute Abend wohl da sein? Der betrunkene Junkie oder der lachende Familienvater? Wilder Druffi oder Wilder Westen? Oft lag ich die ganze Nacht so lange wach, bis ich Gewissheit hatte.

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Das ging meine ganze Kindheit und Jugend lang so, bis ich etwa 16 oder 17 war. Irgendwann kam dann, viel zu spät, der Bruch. Meine Mutter konnte sich endlich aus der Beziehung lösen, die Ehe beenden. Ich war unglaublich wütend auf meinen Vater, brach den Kontakt komplett ab, schloss ihn aus meinem Leben aus. Ich blockierte ihn auf sämtlichen Kanälen, legte auf, wenn das Telefon klingelte und verschloss die Tür, wenn er davor stand. Erst dann konnte ich langsam verstehen, warum mein Vater geworden war wie er eben war.

Vom späten Verzeihen

Das Wissen über das Erkrankungsbild der Borderline-Störung ist in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen. So gilt als gesichert, dass ein Zusammenspiel zwischen genetischen Faktoren und in vielen Fällen frühen traumatischen Erfahrungen für ihre Entstehung verantwortlich ist. Über die Hälfte der Betroffenen berichtet von schwerwiegendem Missbrauch, über 60 Prozent von emotionaler Vernachlässigung, fast alle aber über ein soziales Umfeld, in welchem sie sich in hohem Maße als fremd, gefährdet und gedemütigt gefühlt haben.

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Wie ich später erfahren sollte, war mein Vater ein sogenanntes Besatzungskind. Meine Großmutter wurde mit 19 Jahren von einem stationierten US-Soldat vergewaltigt. Das Ergebnis war mein Vater. Ein uneheliches Kind. Das war der größtmögliche Skandal in einem erzkatholischen Dorf. Mein Vater, eine bittere Nachwirkung des Krieges, die Schande des Dorfes, der Bastard.

So wurde er aus Angst meiner Großmutter die ersten Monate seines Lebens auf dem Dachboden versteckt, bis es eben nicht mehr ging. Die Strafe dafür folgte schnell: Nachdem meine Großmutter ihren neuen Mann, einen ehemaligen SS-Offizier, kennengelernt hatte, ließ dieser seine Aggressionen an ihm aus. Und der ortsansässige Metzger ließ seiner Lust freien Lauf. An allem trug nur einer Schuld – mein Vater. Hallelujah.

Nachdem ich das alles erfahren hatte, konnte ich ihm verzeihen.“

Ich sprach mich mit ihm aus, so gut es ging. Ich sagte ihm, dass ich ihm nicht mehr böse sei. Er entschuldigte sich. Es war für mich eine riesige Erleichterung, die Kontaktsperre aufzuheben. Ich hatte meinen Vater wiedergefunden. Von der Diagnose Borderline habe ich erst spät erfahren. Im Alter wurde er etwas milder, aber wahrscheinlich bekam ich es nur nicht mehr so mit, nachdem ich mit 20 meine erste eigene Wohnung bezogen hatte. Suchtkrank blieb er bis zuletzt.

Das letzte Gespräch endete mit „Ich dich auch“

Nun bin ich Anfang 30, mein Vater wäre dieses Jahr 70 geworden. Als er vor einem Jahr gestorben ist, war ich froh darum, mit ihm Frieden geschlossen zu haben. Zwei Tage vorher hatten wir noch telefoniert. Wir sprachen über Belanglosigkeiten, er beendete das Gespräch mit „Ich dich auch“.

Kurz danach wurde er von der Straßenbahn erfasst. Es zerriss mich, als ich die Nachricht bekam, doch ich war auch froh, dass er nicht mehr leiden musste. Heute, ein Jahr später, meine ich, damit umgehen zu können.

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Die Zweischneidigkeit meiner Gefühlswelt hat mich tief geprägt. Ich trage mein Herz auf der Zunge, kann genauso schnell in Tränen ausbrechen, wie ich herzlich lachen kann. Ich bin hoffnungslos verblendeter Romantiker oder pessimistisch-realistischer Schwarzmaler, der die Welt ständig zerbrechen sieht, das kommt immer ganz darauf an. Auf jeden Fall bin ich ein Mensch, der Gefühle stark erlebt und leicht, manchmal zu leicht, an sie herankommt.

Die Schläge, die mein Vater damals als Kind bekommen hat, hallen bis heute nach.“

Sie resultierten aus dem Leid, das meinen Großeltern widerfahren ist – vielleicht geht das zurück, bis Kain seinen Bruder erschlagen hat, man weiß es nicht. Das widersprüchliche Selbstbild, das sich in meinem Vater entwickelte, ständig zwischen Liebe und Selbsthass zu pendeln, auch das hat bis heute seine Auswirkungen. In mir. Die extremen Beziehungen, die ich führe und die extremen Menschen, die ich kennengelernt habe – ich will das nicht missen. Sicher hätte alles besser laufen können, doch so lief es nun mal. Und so kitschig das jetzt klingt: All das, und auch mein Vater, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Und der ist eigentlich ganz okay.