Wie ich versuchte, durch Intimfitness einen Orgasmus zu bekommen

Unsere Autorin will beim Sex endlich auch zum Orgasmus kommen. Vagina-Sport soll ihr dabei helfen. Ein Selbstversuch

Wie ich versuchte, durch Intimfitness einen Orgasmus zu bekommen

„Es ist nicht schlimm, wenn ihr das nicht gleich hinbekommt. Übt zu Hause, haltet euch am besten einen kleinen Spiegel zwischen die Beine, damit ihr seht, was ihr da macht." Foto: Sarah Diniz Outeiro / Unsplash | CC0

Ich komme beim Sex nie zum Orgasmus. Okay, fast nie. Sehr selten. Das kann bei mir wie bei vielen Frauen ganz unterschiedliche Gründe haben: Entweder haben es die Sexpartner nicht drauf, ich benutze nicht das richtige Spielzeug oder mein eigener Körper will nicht mitspielen. Punkt 1 und 2 habe ich durch ausgiebiges Testen beider Faktoren schon ausreichend untersucht. Eine wirkliche Besserung hat sich beim Sex nicht eingestellt. Mir bleibt also nur ein Frau-zu-Frau-Gespräch mit meiner Vagina:

Bei uns funktioniert es doch super, wenn wir allein sind. Was kann ich dir Gutes tun, damit es auch beim Sex mit einem Orgasmus klappt?

Die Antwort finde ich in einem Forum einer Erotik-Community. Ich höre sie nicht gern, aber sie ist zumindest ein Anfang: Sport. Um genau zu sein: Vagina-Sport.

Das erste Mal Vagina-Sport

Ich wische meine schwitzigen Hände dezent in meinen Jackentaschen ab, als ich vor dem Gebäude stehe, in dem mein erster Kurs stattfinden soll. Intimfitness steht auf dem Programm. Auf der Veranstaltungsseite von Trainerin Anastasia habe ich gelesen, dass man seine geheimen Muskeln stärke, elastischer mache und sie so besser steuern könne. Weitere Nebeneffekte seien eine verbesserte Orgasmusfähigkeit, stärkere Durchblutung sowie eine leichtere Geburt mit weniger Schmerzen.

Angekommen am Veranstaltungsort im Leipziger Westen. Neben mir nehmen nur noch vier andere Frauen am Kurs teil. Intimfitness in Kaffeekranz-Atmosphäre. Wir setzen uns und warten gespannt. Anastasia ist eine unglaublich passionierte Frau. Mit ihrem trockenem Humor und russischem Akzent erklärt sie uns erst den weiblichen Beckenboden, ehe es ans Eingemachte geht. Vorher müssen wir noch einen Fragebogen ausfüllen, was wir uns von dem Training erhoffen. Dieser soll nach dem Ablauf der Trainingszeit helfen, die Ergebnisse und Erfolge besser einzuordnen. Ich schreibe „Mehr Orgasmen!“ hin. Jetzt kann es losgehen!

Gemeinsam beginnen wir, uns aufzuwärmen. Wir legen uns auf den Fußboden und streicheln unsere Körper, klopfen sanft mit dem unteren Rücken auf den Boden und dehnen unseren Beckenboden im sogenannten Kätzchen — einer Art Yoga-Position, bei der man auf den Knien mit gespreizten Beinen versucht, das Becken so weit wie möglich nach unten zu drücken. Zum Glück dürfen wir unsere Schlabberhosen während des gesamten Trainings anbehalten.

Jetzt wird rumgefummelt!

Dann geht es los: „Jeder nimmt sich jetzt ein Kondom und dann steckt ihr euch zwei Finger in die Vagina.“

Uff. Ich habe mich noch nie vor anderen Menschen im Intimbereich angefasst, mit denen ich nicht zumindest eine sexuelle Beziehung hatte. Jetzt stehe ich im Kreis mit den anderen Frauen, Zeige- und Mittelfinger in der Vagina versenkt und versuche, auf Anastasias Kommando hin, meine Muskeln anzuspannen. Einatmen, ausatmen, anspannen, einatmen, ausatmen, anspannen. Dass man sich dabei irgendwie selbst erregt, ist klar. Auf der anderen Seite ist es aber auch unglaublich witzig, wenn fünf Frauen mit einer Hand in der Hose im Kreis stehen und wie bei der Geburtsvorbereitung atmen, atmen, atmen!

Und jetzt wackelt ihr mit eurem Kitzler!

Was bleibt also übrig? Richtig: seliges Kichern. Und Lachen ist wichtig bei der Intimfitness: „Ihr sollt bei dem Training immer lächeln. Ihr seid die Königinnen. Ihr seid wunderschön.“ Das meint zumindest Anastasia. Intimfitness mit einer Spur Selbstliebe – gefällt mir! „Und jetzt wackelt ihr mit eurem Kitzler!“ Bitte was? Ich kann vieles: mit den Ohren wackeln, mit den Nasenflügeln wackeln, mit dem Hintern wackeln. Aber mit meinem Kitzler? Es will mir einfach nicht gelingen. Zwei von fünf Teilnehmerinnen können es auf Anhieb. Und ich? Ich finde unsere Schlabberhosen plötzlich ganz schon blöd, denn ich würde gerne wissen, wie die anderen Teilnehmerinnen ihre Klitoris wackeln lassen. Was genau mache ich denn falsch?

„Es ist nicht schlimm, wenn ihr das nicht gleich hinbekommt. Übt zu Hause, haltet euch am besten einen kleinen Spiegel zwischen die Beine, damit ihr seht, was ihr da macht. Und wenn ihr es könnt, versucht es beim Sex – das wird sich wunderbar anfühlen!“, schwört Anastasia. Spoiler: Beim späteren Training zu Hause habe ich es tatsächlich geschafft, mit dem Kitzler zu wackeln. Bäm!

Trainingsgeräte wie aus den 1970ern

Die erste Hälfte des Kurses ist geschafft und Anastasia holt fünf rote Samt-Täschchen hervor: unsere Trainingsgeräte. Was aussieht wie ein unförmiger Pump-Dildo aus den 1970ern, ist ein zertifiziertes Hilfsmittel zum Stärken der Vagina-Muskulatur. Bei den Atemübungen mit An- und Entspannungen soll nun ein kleiner aufblasbarer Latex-Ballon unsere Finger ersetzen und so die Muskeln in unserer Vagina stimulieren und trainieren.

Was aussieht wie ein unförmiger Pump-Dildo aus den 70ern, ist ein zertifiziertes Hilfsmittel zum Stärken der Vagina-Muskulatur. Foto: Autorin

Eine Kursteilnehmerin nach der anderen verschwindet ins Bad. Als ich an der Reihe bin, schaue ich den kleinen Luftballon noch einmal genauer an. Damit der Ballon mich nicht noch länger mit peinlicher Stille straft, ziehe ich ihm schnell ein Kondom über und führe ihn mit etwas Gleitgel ein. Sitzt, wackelt nicht, hat keine Luft.

Zurück im Wohnzimmer die erste Überraschung: Normales Sitzen geht mit den Trainingsgeräten schon mal nicht mehr. „Ihr solltet den Ballon höchstens eine Stunde tragen. Am besten ist eine Trainingszeit von 45 Minuten.“ Also beginnen wir in der folgenden Dreiviertelstunde damit, unsere Intimmuskulatur in verschiedenen Liege- und Sitzpositionen zu stärken. Spannt man die Muskeln der Vagina beim Ausatmen an, drückt der Ballon als Kraft dagegen.

Man sollte es mit dem Training übrigens nicht übertreiben, das führt zu einem ganz miesen Muskelkater. Untenrum. 300-mal An- und Entspannen pro Tag sind ein perfektes Mittelmaß. Und genau das sollen wir jetzt noch 96 weitere Tage machen. Darauf erst mal einen Sekt.

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Vier Stunden Intimfitness: Das hat es gebracht

Was für ein Abend. Nach vier Stunden Training und einer herzlichen Verabschiedung mache ich mich auf den Weg nach Hause. Dort angekommen, falle ich sofort ins Bett – wer hätte gedacht, dass Intimfitness so anstrengend ist?

Die kommenden Wochen werden spannend. Mehr als einmal schaut mich das Samt-Täschchen strafend an, wenn ich das Training schon wieder vergessen habe. Aber die restlichen Tage zeigen ihre Wirkung.

Ich kann meine Muskulatur viel bewusster anspannen und spüre beim Sex tatsächlich mehr. Auch mein Partner. Mir hat das Training geholfen, meinen Körper noch besser zu verstehen – und zu lieben. Schließlich kann ich jetzt mit meinem Kitzler wackeln! Doch: Wirklich mehr Orgasmen habe ich beim Sex immer noch nicht, aber das juckt mich auch nicht mehr wirklich.

Denn was mir dank des Trainings klar geworden ist: Es sollte beim Sex nicht darum gehen, dem Orgasmus hinterherzujagen. Sondern Spaß daran zu finden, mit dem Partner gemeinsam Lust auf- und miteinander zu erleben. Und dass sich meine Lust durch das Training ebenfalls gesteigert hat, da setze ich drei Ausrufezeichen hinter!