Wie ihr beim Kauf von Kleidung auf Nachhaltigkeit achten könnt

Die Fast-Fashion-Industrie ist eine der größten Umweltbelastungen weltweit. Das neue staatliche Ökosiegel Grüner Knopf soll nachhaltige Mode kennzeichnen, aber hilft das wirklich? Und wo können wir uns sonst über die Herkunft unserer Kleidung informieren?

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Aktuell gibt es mit rund 40 Textilsiegeln so viele, dass es eine Herausforderung sein kann, den Überblick zu behalten. Foto: Burst / Pexels | CC0

Nicht zu wissen, was du auf der Party kommendes Wochenende anziehen sollst, ist ein Problem, das sich heutzutage schnell lösen lässt. Mit einem Klick bist du auf der Webseite des nächsten Onlineshops und kannst dort innerhalb kurzer Zeit den virtuellen Einkaufskorb mit neuen Outfits füllen. Ein Bericht der Global Fashion Agenda von 2017 kam zu dem Ergebnis, dass jede*r Europäer*in im Lauf eines Jahres ungefähr 13 Kilogramm Kleidung kauft, während fast ein Drittel der Klamotten in unseren Kleiderschränken im letzten Jahr überhaupt nicht getragen wurden. Große Marken wie H&M und Zara befeuern diese Entwicklung damit, dass sie pro Jahr bis zu 20 neue Kollektionen auf den Markt bringen.

Modebranche umweltschädlicher als Flugreisen

Dabei ist die Modeindustrie eine der umweltschädlichsten Industriebranchen überhaupt. Dem UN-Umweltprogramm UN Environment zufolge produziert sie ein Fünftel des globalen Abwassers und ist für zehn Prozent der Kohlendioxidemissionen weltweit verantwortlich. Damit stößt die Produktion unserer Kleidung mehr Emissionen aus als alle internationalen Flüge und Schifffahrten zusammen. Und spätestens seit dem Einsturz der Textilfabrik von Rana Plaza 2013 in Bangladesch wissen wir, dass die diejenigen, die unsere Kleidung produzieren, häufig unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen.

Diese Zahlen können einen Grund dafür bieten, spontane Onlinekäufe noch einmal zu überdenken und sich auch im Laden zu fragen, ob man das trendige neue Oberteil wirklich braucht. Aber was tun, wenn wirklich Leere im Kleiderschrank herrscht und ein wichtiges Vorstellungsgespräch, Omas 70. Geburtstag oder ein erstes Date ansteht? Wie können wir sichergehen, dass wir beim Griff zum Kleiderbügel eine möglichst nachhaltige Entscheidung treffen?

Der Vergleich per App

Wer in der Umkleide eine schnelle Orientierungshilfe braucht, kann sich mit wenigen Klicks per Handy informieren. Eine Möglichkeit dazu bietet die App und Webseite Good on You, die Modemarken auf Nachhaltigkeit prüft und Rankings veröffentlicht. Sie wurde in Australien entwickelt und bot im Januar 2019 Bewertungen für mehr als 2.200 Marken. Die reichen von „Würden wir lassen“ über „Es ist ein Anfang“ bis hin zu „Sehr gut“ und berücksichtigen dabei mögliche Schäden für Menschen, Tiere und Umwelt.

Die Bewertungen stützen sich auf öffentlich zugängliche Informationen von bereits existierenden Zertifizierungsprogrammen wie Fair Trade und dort, wo diese Informationen nicht alles abdecken, auf Aussagen der Unternehmen über ihre eigenen Standards. Good on You bietet eine Suchfunktion, in der Nutzer*innen gezielt nach einer bestimmten Marke suchen, die Bewertung einsehen und sich ausführlicher informieren können. Hier lohnt sich aber auch ein kritischer Blick, denn Teile der Bewertung in der App beruhen auf eigenen Aussagen der Unternehmen, die nicht überprüft werden können, und letztendlich kann ein Vergleichsportal wie dieses nicht garantieren, dass die bewerteten Marken ihre angegebenen Standards tatsächlich immer einhalten.

Onlineshopping als umweltfreundliche Alternative?

Alle, die nicht selbst in den Kleiderstapeln im Geschäft nach nachhaltiger Mode suchen wollen, können im Netz durch Onlineshops stöbern, die sich ausschließlich auf nachhaltige Kleidung spezialisiert haben. Einem CNN-Artikel zufolge kann Onlineshopping zwar grundsätzlich umweltschonender sein, als selbst mit dem Auto zum nächsten Geschäft zu fahren, dieser Effekt greift aber nur, wenn man nicht darauf besteht, das Paket schon am nächsten Tag in Empfang zu nehmen. Denn je schneller Kund*innen ihre Ware in der Hand halten wollen, desto mehr Lieferwagen müssen auf die Straßen, um sie rechtzeitig zuzustellen. Daher kann ein bisschen Geduld beim Onlineshopping bereits einen Anteil zum Klimaschutz leisten.

Siegel sind derzeit die beste Methode zur Kennzeichnung, aber nur eine Krücke auf dem Weg zur allgemein nachhaltigeren Produktion.

Kathrin Krause, Verbraucherzentrale

Wer zusätzlich Kohlendioxid einsparen will, sollte außerdem vermeiden, größere Mengen an Kleidung zum Anprobieren zu bestellen und danach die Hälfte wieder zurückzuschicken. Bei den nachhaltigen Onlineshops selbst sollten Nutzer*innen sich vor dem Einkauf darüber informieren, wie genau diese den Begriff der Nachhaltigkeit definieren, welche Maßstäbe sie zur Bewertung ansetzen und ob die Einhaltung dieser Maßstäbe wirklich überprüft wird.

Nichtregierungsorganisationen für saubere Mode

Nichtregierungsorganisationen wie die Clean Clothes Campaign oder die Fair Wear Foundation setzen sich für die Rechte der Arbeiter*innen in der Modeindustrie und fairere Produktionsbedingungen ein. Sie starten Kampagnen, veranstalten Protestaktionen und veröffentlichen Berichte über die herrschenden Missstände in der Kleidungsproduktion. Außerdem arbeiten sie direkt mit Modemarken zusammen, um die Arbeitsbedingungen der Angestellten zu verbessern. Verbraucher*innen können auf den Internetseiten dieser Organisationen nach Infos über ihre Lieblingsmarken suchen und sich darüber informieren, ob die sich aktiv um eine nachhaltigere Produktion bemühen oder eher das Ziel von Protestaktionen sind.

Trotz Siegel genau hinsehen

Die wohl bekannteste Möglichkeit, die Produktionsbedingungen eines Kleidungsstücks nachzuvollziehen, sind Gütesiegel. Auch hier lohnt sich allerdings oft ein zweiter Blick darauf, was das Siegel eigentlich aussagt. So bewertet das verbreitete Standard 100 Oeko-Tex Siegel lediglich, ob im fertigen Endprodukt noch Schadstoffe vorhanden sind. Produktionsbedingungen und die verwendeten Materialen werden nicht berücksichtigt. Andere Siegel wie IVN Best und Global Organic Textile Standard achten neben der Verwendung von nachhaltigen Rohmaterialien zusätzlich auf die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards.

Das erste staatliche Ökosiegel Grüner Knopf, das Anfang September von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller vorgestellt wurde, legt insgesamt 46 ökologische und soziale Kriterien an. Die gelten nicht nur für einzelne Produkte, sondern für das ganze Unternehmen. Vor der Zertifizierung wird geprüft, ob ein Modeunternehmen die menschenrechtlichen Risiken in seiner Produktionskette kennt, offen über diese berichtet und gegen sie vorgeht. Das Siegel fordert bei den Produktionsschritten Zuschneiden und Nähen sowie Bleichen und Färben unter anderem ein Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit und Diskriminierung sowie die Zahlung von Mindestlöhnen. Außerdem müssen Kleidungsstücke ohne gefährliche Chemikalien oder Weichmacher hergestellt werden. Über die Produktionsbedingungen bei der Herstellung der Stoffe sagt der Grüne Knopf im Moment allerdings noch nichts aus, das soll erst nach der zweijährigen Einführungsphase dazukommen. Die Einhaltung der Standards wird von privaten Anbietern wie dem TÜV geprüft, während die staatliche Deutsche Akkreditierungsgesellschaft die Prüfstellen überwacht.

Nicht jede Jeans mit Siegel ist nachhaltig

Aktuell gibt es mit rund 40 Textilsiegeln so viele, dass es eine Herausforderung sein kann, den Überblick zu behalten. Verbraucher*innen können sich auf Internetportalen wie siegelklarheit.de informieren, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) betrieben wird und die verschiedenen Nachhaltigkeitslabels miteinander vergleicht.
All diesen Siegeln gemein ist allerdings am Ende, dass die Überprüfung der Einhaltung aller Standards häufig kompliziert und undurchsichtig ist. Auch sind Kriterien wie die Auszahlung von Mindestlöhnen an Arbeitskräfte nur bedingt aussagekräftig, wenn diese Mindestlöhne in ihren Heimatländern nicht zum Leben reichen. Damit sind Gütesiegel eine Möglichkeit, sich über die Produktionsbedingungen eines Kleidungsstücks zu informieren, aber nicht jede Jeans mit Siegel ist automatisch nachhaltig.

„Krücke auf dem Weg zur nachhaltigeren Produktion“

Kathrin Krause von der Verbraucherzentrale Bundesverband fasst zusammen: „Wir brauchen aktuell nur Siegel, weil unsere Produktionsbedingungen überwiegend nicht nachhaltig sind.“ Würde der Großteil der Mode nachhaltig produziert, wäre eine spezielle positive Kennzeichnung unnötig. „Siegel sind derzeit die beste Methode zur Kennzeichnung, aber nur eine Krücke auf dem Weg zur allgemein nachhaltigeren Produktion.“

Gütesiegel, Bewertungsportale und auch der Kauf in speziellen Onlineshops können den nachhaltigen Einkauf erleichtern, bieten aber letztendlich keine hundertprozentige Garantie für die Einhaltung von Umweltstandards, fairen Arbeitsbedingungen und nachhaltigen Rohstoffen. Wer also für das Vorstellungsgespräch, den Geburtstag oder das Date ganz sichergehen will, auf ein nachhaltiges Produkt zu setzen, sollte statt neuen Klamotten Second-Hand-Mode kaufen. Oder einen neuen Look aus den Kleidungsstücken kreieren, die seit einem Jahr ungenutzt im Schrank hängen.